Ein ganz besonderer Zeuge: Der Fall Erik Ahrens

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"Prozess gegen Deutschland": Auf der Bühne waren keine Schauspieler, sondern reale gesellschaftliche Akteure.
"Prozess gegen Deutschland"

Im Thalia Theater wurde der "Prozess gegen Deutschland" als Gerichtsdrama inszeniert und erlebte mit der Videoaussage von Erik Ahrens seinen Eklat im Eklat. Der frühere Szene-Akteur, einst im Umfeld des Instituts für Staatspolitik aktiv und später als TikTok-Stratege der AfD bekannt, sorgte mit Sprachverweigerung, einem wirren Auftritt und einer Holocaust-Relativierung für Empörung. Trotz möglichem Insiderwissen wirft sein widersprüchliches Auftreten die Frage auf, wie glaubwürdig dieser Zeuge tatsächlich ist.

Vom 13. bis 15. Februar fand im Hamburger Thalia Theater der "Prozess gegen Deutschland" statt (der hpd berichtete). Innerhalb des als Gerichtsprozess gestalteten Theaterstücks kam es am Sonntagvormittag zu einer ganz eigenen Aufführung in der Aufführung. Der Zeuge Erik Ahrens wurde per Videoschalte in den Gerichtssaal übertragen, um zum Fall 3 "Verherrlicht die AfD Gewalt?" auszusagen, da er sich im Ausland aufhalte und nicht persönlich erscheinen konnte. Zur Verwunderung vieler erbat sich Ahrens, der sich nun "Andrew Y" nennt, auf Englisch befragt zu werden, da er nur noch zu sehr speziellen Anlässen Deutsch – seine Muttersprache – spreche und ein Theaterstück gehöre nicht zu diesen besonderen Anlässen. Seine neben ihm sitzende Verlobte könne jedoch übersetzen.

Was folgte, beschrieb der Journalist Louis Berger treffend als "Slapstick": Ahrens hielt es nicht konsequent durch seine ihm nun angeblich verhasste Muttersprache nicht mehr zu sprechen und kommunizierte im folgenden in einem Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch, während seine Verlobte teilweise die von ihm genannten deutschen Namen wiederholte und irgendwann die Übersetzung abbrach, weil Deutsch ihre "Drittsprache" sei. Vom für die Verteidigung am Prozess teilnehmenden Frédéric Schwilden gefragt, ob er sich mit seiner Verweigerung die deutsche Sprache zu sprechen mit Holocaust-Überlebenden vergleichen wolle, bejahte Ahrens lachend. Spätestens damit hatte die Aufführung ihren Eklat im Eklat, für den manche Kommentatoren das Stück ohnehin hielten.

Dabei gab es einen guten Grund für Ahrens zur AfD auszusagen, war er doch nach eigenen Angaben Teilnehmer am sogenannten "Geheimtreffen" in Potsdam gewesen. Als solcher konnte er Angaben zu Beteiligten und Themen machen. Nur stellt sich leider die Frage, wie ernst man einen Zeugen nehmen kann, der scheinbar selbst seine Rolle als Zeuge nicht ganz ernst nimmt.

Ahrens' politische Laufbahn hatte einst beim Sozialistischen Deutschen Studierendenverband (SDS) in Frankfurt am Main und später bei der antideutsch geprägten Linken Liste begonnen. Später wechselte er ins rechte Lager und wurde dort im Umfeld des inzwischen aufgelösten Institut für Staatspolitik (IfS) von Götz Kubitschek in Schnellroda bekannt, wo er unter anderem Vorträge über Biopolitik hielt. 2024 berichtete der Spiegel über eine "internationale Gruppe von Fanatikern [, die] pseudowissenschaftliche Rassentheorien massentauglich machen will". Mittendrin: Erik Ahrens.

Später inszenierte sich Ahrens als der TikTok-Stratege der AfD und als solcher soll er maßgeblich für die erfolgreichen Videos von Maximilian Krah verantwortlich gewesen sein. Zwischenzeitlich verkrachte sich Ahrens jedoch medienwirksam mit Maximilian Krah genauso wie mit Götz Kubitschek und anderen ehemaligen Mitstreitern aus der Neuen Rechten. Auf X nannte er Krah einen "Russenknecht" und "Volksverräter" und bezeichnete ihn indirekt als "fettes Wildschwein". Götz Kubitschek brachte er in einem Video auf YouTube mit dem orthodoxen Dreifaltigkeitskloster in Buchhagen in Verbindung, obwohl jener dies nicht öffentlich machen wollte.

Was ist nun also von diesem Zeugen zu halten, der einmal links- dann rechtsradikal aufgetreten war, um nun angeblich zu seinen linken – oder wie er sagt: antideutschen – Wurzeln zurückzukehren? Klar ist: Ahrens kennt die Akteure der Neuen Rechten und hat Insiderwissen. Was von dem, was er aussagt, jedoch wirkliches Insiderwissen ist und was reine Wichtigtuerei, ist leider nicht klar zu unterscheiden. Insofern ist es wohl angebracht, den Zeugen Ahrens mit Vorsicht zu genießen. Für diejenigen, die Ahrens seine Abkehr von rechtem und völkischem Gedankengut sowieso nie ganz abgekauft hatten, war seine Holocaust-Relativierung jedenfalls ein gefundenes Fressen.

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