Homöopathie – die Luftgitarre der Medizin

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Kevin "Narvalwaker" Leloux wurde 2010 in Oulu (Finnland) Luftgitarren-Weltmeister
Kevin "Narvalwaker" Leloux

Die meisten Fans der sogenannten "Alternativmedizin" schwören auf die Homöopathie als zugleich wirksame als auch sanfte Behandlungsform. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sie sich jedoch als reines Placebo. Demnach könnte auch eine beliebig andere wirkungslose Substanz eingenommen werden – das Resultat bliebe gleich. Doch es gibt auch eine Reihe von negativen Aspekten, die nur zu gerne ausgeblendet werden.

Das Geschäft mit der Homöopathie ist ein lukratives. Während medizinische Präparate aufwendige und kostenintensive Entwicklungs-, Zulassungs- und Testverfahren durchlaufen müssen, kommt die noch immer geltende Ausnahmeregelung im Arzneimittelgesetz der Homöopathie sehr gelegen. Durch diese muss sie keine Wirksamkeit nachweisen, sondern in der Regel lediglich registriert werden. Nur sofern ein Anwendungsgebiet auf der Verpackung angegeben ist, muss dieses Mittel ebenfalls zugelassen werden. Aber auch hier gibt es speziell für die Homöopathie eine Sonderregelung, wodurch eine Zulassung auch ohne Wirknachweis erteilt werden kann, sofern es sich nicht um eine schwere oder lebensbedrohliche Krankheit handelt, bei der ein Präparat helfen soll.

Obwohl längst erwiesen ist, dass die beiden der Homöopathie zugrundeliegenden, vermeintlichen Wirkmechanismen (Gleiches mit Gleichem heilen und je verdünnter, desto wirksamer) rein aus physikalischen Gründen keine Wirkung entfalten können, gibt es noch immer Menschen, die sie bei gesundheitlichen Problemen einnehmen und durch diese auf eine Genesung hoffen. Warum wirksame Behandlungsformen einer Ergänzung um unwirksame benötigen, können diese Menschen nicht erklären. Stattdessen werden die Fakten zum Thema schlicht verdrängt oder ignoriert. Häufig geht der Glaube an die Wirksamkeit der Homöopathie auch mit einer pauschalen Diskreditierung der Wissenschaft einher. Warum das so ist und welche Konsequenzen die benannten Ausnahmeregelungen im Arzneimittelgesetz haben, zeigen die folgenden herausgestellten Wissenslücken und Begleiterscheinungen zu dieser Methodik.

Naturalistischer Fehlschluss

Kaum eine Annahme über die Homöopathie hält sich so hartnäckig wie jene, wonach die Homöopathie vor allem auf natürliche oder pflanzliche Substanzen zurückgreife und daher besonders harmlos und wohltuend sei. Das ist gleich in dreifacher Hinsicht falsch. Zum einen bedeutet natürlich nicht automatisch, dass etwas besonders bekömmlich oder hilfreich ist. So ist etwa Asbest ein natürlich vorkommendes Mineral. Dennoch möchte es völlig zu Recht niemand in seinen Wänden haben. Zum anderen arbeitet die Homöopathie nicht ausschließlich mit Pflanzen. Diese setzt auch giftige Elemente wie Quecksilber, Arsen und Plutonium ein, aber auch tierisches Material wie zum Beispiel Kakerlaken, Kopfläuse, Pferdeurin, Hundekot, Leprazellen und Eiter. Und drittens sind diese Ausgangsstoffe durch die homöopathische Präparierung der Verdünnung nicht mehr nachweisbar im Endprodukt enthalten. Also selbst jene Präparate, die pflanzliche Stoffe in der Ausgangssubstanz enthielten, können in homöopathischer Form nicht mehr zur Phytotherapie hinzugezählt werden. Im Falle von Globuli sind es in Hochpotenzen reine Zuckerkugeln.

Der Placeboeffekt

Was für medizinische Laien klingt wie ein Effekt, der tatsächlich vorhanden ist und gleichzeitig für eine Wirksamkeit der Homöopathie spräche, ist für Wissenschaftler:innen das Gegenteil der Fall. Studien werden placebokontrolliert durchgeführt, um herauszufinden, ob es eine spezifische Wirksamkeit etwa eines Arzneimittels gibt. Eine Gruppe erhält dann die zu prüfende Substanz, die Kontrollgruppe hingegen lediglich ein Scheinmedikament. Eine Wirksamkeit liegt dann vor, wenn ein signifikanter Unterschied zum Placebo-Präparat ausfindig gemacht werden kann. Ist das nicht der Fall, kommt also lediglich der Placeboeffekt zum Tragen. Dann kann geschlussfolgert werden, dass eben keine Wirksamkeit vorliegt. Um auch weitere mögliche Effekte kontrollieren zu können, haben sich die sogenannten Doppelblindstudien bewährt, bei denen weder Patient:in, noch Behandler:in wissen, wer ein Placebo und wer die Prüfsubstanz erhält. Um die Homöopathie zu überprüfen, wurden Hunderte solcher Studien durchgeführt. Sie alle kommen zu demselben Ergebnis: Nichts drin, nichts dran.

Der Noceboeffekt

Dennoch gibt es viele Menschen, die diese Mittel regelmäßig einnehmen. Dabei kommt es immer wieder vor, dass evidenzbasierte Medikamente als "schädliche Chemie" abgestempelt werden. Wenn bei einer ernsthaften Krankheit, die einer medizinischen Behandlung bedarf, nichts unternommen wird, kann diese jedoch verschleppt und verschlimmert werden, wodurch Menschen unnötig lange leiden. Auch ein frühzeitiger Tod ist eine mögliche Folge einer solchen Einstellung. Demnach kann stichhaltig argumentiert werden, dass Eltern, die ihren Kindern bei einer ernsten Krankheit statt Medikamenten nur Pseudomedizin wie Homöopathie verabreichen, sich streng genommen der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen.

Neben dem Placeboeffekt gibt es auch den sognannten Noceboeffekt, wodurch unerwünschte Nebenwirkungen durch die negative Erwartungshaltung des Patienten auftreten. Angst und Misstrauen kann demnach selbst dann die Wirksamkeit eines Medikaments herabsetzen, wenn ein als effektiv anerkanntes eingenommen wurde. Auch hier kann eine unnötige Verschleppung mit den bereits benannten Folgen auftreten.

Die Kosten für Patient:innen und die Allgemeinheit

Ein Päckchen Zucker ist beim Bäcker in aller Regel umsonst. Für denselben Inhalt eines homöopathischen Präparats zahlen Patient:innen aber zum Teil horrende Summen. Preise von 10 bis 30 Euro für ein Fläschchen oder eine kleine Packung sind keine Seltenheit. Was bei einer Person selbst bei dem Erwerb von mehreren solcher Produkte – vom ethischen Aspekt der Täuschung mal abgesehen – noch halbwegs verkraftbar erscheint, summiert sich auf die gesamte Bevölkerung eines Landes schnell auf. Hinzu kommt, dass viele Krankenkassen solche Präparate in ihre Leistungskatalloge aufgenommen haben. Das heißt, dass auch die Allgemeinheit für nachweislich unwirksame Präparate mitzahlt. Das sind Gelder, die dann an anderer Stelle im Gesundheitswesen fehlen. Das Informationsnetzwerk Homöopathie hat diesen Sachverhalt auf die einprägsame Formel heruntergebrochen: Nichts ist immer zu teuer. Auch die Annahme, dass durch die Einnahme homöopathischer Produkte weniger andere Medikamente eingenommen würden, wodurch angeblich Kosten eingespart würden, ist falsch. Tatsächlich verursacht eine homöopathische Behandlungen im Schnitt enorme Zusatzausgaben, die die gesamte Solidargemeinschaft der Versicherten zu tragen hat.

Vergiftungen und falsche Heilsversprechen

Die meisten Anhänger:innen der Homöopathie nehmen an, dass diese zumindest nicht schaden könne. Tatsächlich zeigt sich aber, dass bei niedrigen Potenzen, wenn also nur sehr wenige Verdünnungsschritte unternommen wurden, sogar Vergiftungserscheinungen oder allergische Reaktionen auftreten können. Das ist immer dann der Fall, wenn die Ausgangssubstanz entsprechende schädliche Elemente enthielt, die bei Niedrigpotenzen auch später noch in ausreichend großer Menge vorhanden sind, um Reaktionen hervorzurufen. In den USA sind vor einigen Jahren zehn Kleinkinder gestorben, nachdem diese Globuli in niedriger Potenz mit der Ausganssubstanz Tollkirsche eingenommen hatten. Ein siebenjähriges Kind starb 2017 in Italien an einer Hirnentzündung, nachdem ein Homöopath eine Mittelohrentzündung nicht korrekt einschätzte und nicht adäquat behandelte. Sonderlich sanft dürften solche Vorfälle selbst für hartgesottene Homöopathie-Fans nicht sein.

Falsche Heilsversprechen finden sich in diesem Berufszweig zuhauf. Auf den Homöopathie-Kongressen liegen immer wieder Infobroschüren aus, auf denen steht, dass bei jeder Krankheit, bei der nicht operiert werden muss, eine rein homöopathische Behandlung möglich sei. Demnach soll selbst bei Krebs eine ausschließlich homöopathische Behandlung sinnvoll sein. Nicht nur bei der vermeintlichen Behandlung von Krebs zeigt sich, wie tiefgreifend diese Irreführung das reale Leid von Menschen ausnutzt, die in Stresssituationen verständlicherweise nach jedem Strohhalm greifen. Auch bei anderen schweren Erkrankungen kann nach homöopathischem Glauben deren Pseudomedizin den Menschen helfen. Neuerdings gibt es auch Meldungen, wonach Homöopath:innen ihre Mittelchen gegen Corona als wirksam anpreisen. Und selbst bei schutzsuchenden Menschen mit psychischen Leiden, die ihr Land aufgrund eines Krieges verlassen mussten, empfehlen homöopathische Ärzt:innen nicht ausschließlich wirksame Medizin, sondern auch bloße Zuckerkugeln.

Bei drei Viertel aller Krankheiten ist Medizin nicht zwingend notwendig. In diesen Fällen sind die Selbstheilungskräfte des Körpers für eine Heilung verantwortlich und ausreichend. Diese werden unter bestimmten Umständen vom Placeboeffekt begünstigt. Aber eben dieser Effekt kann auch durch evidenzbasierte Medizin genutzt werden oder etwa durch eine warme Suppe. Auf Pseudomedizin muss dabei zu keinem Zeitpunkt zurückgegriffen werden. Im schlimmsten Fall, wenn ein:e Patient:in eine ernst zu nehmende Krankheit hat und ein:e verantwortungsvolle:r Ärzt:in wirksame Medizin verschreiben würde, empfiehlt ein:e Homöopath:in jedoch weiterhin vermeintliche Wundermittelchen. Und das im Ernstfall mit fatalen Folgen: langanhaltenden Qualen oder dem Tod.

Wie sich zeigt, können auch auf den ersten Blick harmlos erscheinende Präparate gravierende Folgen für einzelne Individuen, aber auch für die gesamte Gesellschaft haben. Verlören nicht so viele Menschen das Vertrauen in die evidenzbasierte Medizin und die Wissenschaft allgemein, müssten deutlich weniger Menschen unnötig lange leiden oder frühzeitig sterben, weil Patient:innen dann mit geringerer Wahrscheinlichkeit auf Quacksalber:innen und Scharlatan:innen hereinfielen. Um das zu erreichen, sollte immer wieder vor Augen geführt werden: Es gibt keine Alternativmedizin. Was nachweislich wirkt, nennt sich Medizin. Was nicht wirkt, ist auch keine Alternative.

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