Homöopathie: Die "Vorzeigestudie" fällt – und mit ihr ein ganzes Narrativ

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Die 2020 veröffentlichte "Vorzeigestudie" zur Homöopathie bei Lungenkrebs ist offiziell zurückgezogen. Ein langer Prozess der Kritik und Aufklärung endet mit einem ernüchternden Befund – nicht nur für die Homöopathie, sondern auch für das Publikationsverhalten eines renommierten Journals.

The Oncologist hat die 2020 erschienene Arbeit von Frass et al., die eine Überlebensverlängerung bei Lungenkrebspatienten durch homöopathische Zusatztherapie behauptete, vollständig retracted. An dieser Stelle wurde bereits mehrfach über den Vorgang berichtet, hier und hier.

Damit ist jene Studie nicht mehr existent, die in der Homöopathieszene fünf Jahre lang als wissenschaftliches Kronjuwel präsentiert wurde – in Vorträgen, auf Internetseiten, auf Ärztekongressen, in politischen Debatten. Jetzt ist endgültig klar: Das Fundament war brüchig, die Konstruktion nicht tragfähig.

Die Gründe für die Retraktion sind eindeutig: Das Studienprotokoll wies Widersprüche auf, die Randomisierung war nicht nachvollziehbar, die statistischen Muster waren auffällig, die Dokumentation unvollständig – und zentrale Daten schlicht nicht prüfbar.

Dass dies nicht früher auffiel, lag nicht an einem Mangel an Kritik, sondern an einem Mangel an Bereitschaft, sie zur Kenntnis zu nehmen.

Bereits 2021 legten das Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) und die Initiative für wissenschaftliche Medizin (IWM) detailliert dar, warum die Studie wissenschaftlich nicht tragfähig war. Diese Analyse wurde später von der Medizinischen Universität Wien und der Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität (ÖAWI) vollständig bestätigt.

Auffällig ist, dass The Oncologist sich über Jahre hinweg kaum bemühte, die offensichtlichen Probleme ernsthaft aufzuarbeiten. Die Zeitschrift veröffentlichte stattdessen 2023 eine oberflächliche "Korrektur" und ein Editorial, das jedes Verständnis für die detaillierte Kritik an der Veröffentlichung vermissen ließ.
Der jetzt erfolgte Retract ist daher das Resultat wissenschaftlicher Integritätsarbeit – aber trotz, nicht wegen, der Zeitschrift.

Der Schaden, den die Studie angerichtet hat, ist real: Sie wurde als Beleg für die Wirksamkeit der Homöopathie in der Onkologie angeführt und wissenschaftlich zitiert, von ärztlichen Homöopathieverbänden gefeiert und von interessierten, auch politischen Akteuren benutzt, die sich wissenschaftlicher Evidenz nur selektiv verpflichtet fühlen.

Nun steht fest: Die behaupteten Behandlungseffekte existieren nicht.

Es wäre naiv anzunehmen, dass diese Erkenntnis in der homöopathischen Szene zu einem Umdenken führt. Wahrscheinlicher ist die Flucht in altbekannte Muster: Verschwörungserzählungen, Opfermythologie, Vorwürfe gegen Kritiker*innen. Doch die Faktenlage ist eindeutig – und die Retraktion ein wichtiges Signal für Patientenschutz und wissenschaftliche Redlichkeit.

Der Fall ist ein Lehrstück dafür, wie Wissenschaft heute funktioniert: Manchmal uneinsichtig, aber trotzdem fähig zur Selbstkorrektur. Wenn genügend Menschen hinschauen und die langen Wege wissenschaftlicher Integrität gehen.

Die Homöopathie hat ihre wichtigste moderne Wirksamkeitsstudie verloren.
Die Wissenschaft hat gewonnen: Klarheit. Das gilt auch für die Patienten, die – und das ist nicht der unwesentlichste Aspekt solcher unverantwortlicher Veröffentlichungen – nicht mehr in falscher Hoffnung gewiegt werden können.

Das Wichtigste zur Retraktion der Frass-Studie in Kürze:

Was wurde zurückgezogen?
Frass et al. (2020): Eine Studie, die angeblich belegen sollte, dass das Überleben von Lungenkrebspatienten durch homöopathische Zusatztherapie erheblich verlängert werden kann.

Warum?
Schwere methodische Mängel, unklare Randomisierung, widersprüchliche Protokolle, auffällige Datenmuster, fehlende Transparenz – und bestätigte Integritätsprobleme.

Wer deckte die Probleme auf?
Zuerst INH und IWM (2020), später bestätigt durch die MedUni Wien und die ÖAWI.

Wie verhielt sich The Oncologist?
Abwehrend und zögerlich. Die Retraktion erfolgte erst, nachdem ein anderes Verhalten objektiv nicht mehr möglich war.

Warum ist der Retract bedeutsam?
Die Studie war fünf Jahre lang das wichtigste "wissenschaftliche Argument" der Homöopathie – nun ist sie wissenschaftlich null und nichtig.

Konsequenz für Patient*innen?
Keine Evidenz für eine Überlebensverlängerung durch Homöopathie. Falsche Hoffnung ist kein medizinisches Konzept.

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