Shikiba Babori beim Düsseldorfer Aufklärungsdienst

Verraten und verkauft – die Situation der Frauen in Afghanistan

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Shikiba Babori
Shikiba Babori

Der Gaza-Krieg hat eine Zeitlang den Ukraine-Krieg überlagert. Dann folgte die gewaltsame US-Intervention in Venezuela. Und nun verdrängt auch noch der Iran-Krieg die anderen Katastrophen aus den Schlagzeilen. Noch weiter zurückliegende menschengemachte Desaster, die Millionen Menschen betreffen, sind längst in Vergessenheit geraten. Wie das Schicksal der afghanischen Bevölkerung, insbesondere der Frauen in dem Land. Die in Afghanistan geborene Journalistin und Autorin Shikiba Babori will dieses Vergessen nicht hinnehmen.

Mit Büchern und Medienbeiträgen macht Shikiba Babori auf die Menschenrechtsverletzungen in dem Land aufmerksam. Jetzt war sie zu Gast im "Humanistischen Salon" des Düsseldorfer Aufklärungsdienstes (DA!). Rund 100 Zuschauerinnen und Zuschauer waren auf Einladung der Regionalgruppe der Giordano-Bruno-Stiftung und mehrerer Kooperationspartner ins Düsseldorfer Forum Freies Theater gekommen, wo die WDR-Journalistin Edda Dammmüller Babori interviewte.

Die Lage ist zum Verzweifeln: Seit ihrer Rückkehr an die Macht nach dem Rückzug der Nato-Staaten im Jahr 2021 haben die radikal-islamischen Taliban praktisch alle Fortschritte im Land zunichtegemacht. Frauen sind seither aus dem öffentlichen Leben verbannt. Gerade erst wurde durch eine entsprechende Veröffentlichung der afghanischen Menschenrechtsorganisation Rawadari bekannt, dass mit einem Dekret die ohnehin nicht bestehende Gleichstellung von Mann und Frau in Afghanistan nun sogar ganz formell aufgehoben werden soll. Für Gewalt in der Ehe soll ein Mann nur dann verantwortlich sein, wenn er schwere und sichtbare körperliche Verletzungen verursacht. Andere Formen von Gewalt, einschließlich psychischer und sexueller Gewalt, sind nicht verboten. Verbittert kommentiert Babori, die in Kabul geboren wurde und im Alter von 13 Jahren mit ihrer Familie das Land verließ: "Wenn keine Knochen gebrochen sind, ist es erlaubt, so mit Frauen und Mädchen umzugehen."

Babori zeigt in ihrem Buch "Die Afghaninnen: Spielball der Politik" auf, dass das Schicksal der afghanischen Frauen immer verknüpft war mit den politischen Interessen der jeweiligen Machthaber im Land. In der frauenfeindlichen Tradition der afghanischen Gesellschaft seien sie schon lange als Eigentum ohne Menschenrechte betrachtet, das ungestraft ausgebeutet, verletzt, missbraucht oder getötet wurde. Afghanistan, so sagt es Babori in Düsseldorf, sei ein zutiefst patriarchalisches Land. Nicht erst, seit die Taliban nach dem Abzug der Nato-Truppen 2021 erneut an die Macht gekommen sind. So hätten die Paschtunen, die mit 43 Prozent größte Gruppe der Bevölkerung, einen gefürchteten Ehrenkodex, genannt "Paschtunwali". Dieser stelle selbst die Scharia, die strengen islamischen Normen, in den Schatten. "Mir haben Afghaninnen gesagt, sie wären froh, wenn die Scharia gelten würde", sagt Babori. Dieser Ehrenkodex werde frei interpretiert, sei nicht kodifiziert, was der Willkür viel Raum lasse.

Der Ehrenkodex der Bevölkerungsgruppe der Paschtunen stelle selbst die Scharia in den Schatten.

Shikiba Babori betont, dass die patriarchale Gesellschaft in Afghanistan schon lange zur gesellschaftlichen Realität gehöre. Sie kommt auf die Geschichte des Landes zu sprechen: die 1974 weggeputschte Monarchie, die sodann von den Sowjets manipulierte Republik, die militärische Intervention der Sowjetunion (1979 bis 1989). Die Mudschaheddin, die "Gotteskrieger", die sich den Invasoren entgegenstellten, seien keinesfalls besser gewesen als später die Taliban, wenn es um die Verletzung von Menschenrechten geht. Babori erzählt davon, dass in dieser Zeit sogar kranke Frauen auf Intensivstationen vergewaltigt wurden. Vor diesem Hintergrund erschienen die gegen die Mudschaheddin kämpfenden Taliban zunächst als Befreier. Doch besser wurde es nicht.

Und als dann nach 2003 bei dem bis 2021 andauernden Eingreifen der Nato-Staaten die Taliban zurückgedrängt wurden, da sei das Leid der Frauen gewissermaßen instrumentalisiert worden. Die internationalen Akteure hätten auch die Lage der Frauen als Begründung für den Militäreinsatz genutzt. Die strukturelle Unterdrückung der Frauen sei jedoch nicht nachhaltig angegangen worden. Schlimmer noch: Nach dem hastigen Abzug der Nato wurden Frauen weitgehend schutzlos zurückgelassen. Sie wurden von Universitäten, von weiterführenden Schulen ausgeschlossen. Interviewerin Edda Dammmüller fragt: "Es ist also so, dass seit 2021 und der Machtergreifung der Taliban Zehntausende Richterinnen, Ärztinnen, Dozentinnen zu Hause bleiben müssen?" Worauf Babori antwortet: "Ja, das kann man so sagen, aber das ist nur die gute Version. Die schlechte Version ist die: Frauen wurden verhaftet, sind verschwunden. Und einige wenige, die zurückkamen, waren nicht wiederzuerkennen, waren entstellt. Selbst Tiere sind barmherziger."

Shikiba Babori und Edda Dammmüller
Shikiba Babori (rechts) im Gespräch mit der WDR-Journalistin Edda Dammmüller beim Düsseldorfer Aufklärungsdienst. Foto: © Eva Creutz

Für Frauen biete nur das eigene Haus ein Stück Freiheit. Hier hätten sie die Organisationshoheit. Aber die eigenen vier Wände sind eben auch die Grenze. Babori kommt auf das Phänomen Bacha Posh zu sprechen: Mädchen werden als Jungen verkleidet, um der Familie eine scheinbar männliche Arbeitskraft zu verschaffen. Aber diese Instrumentalisierung junger Mädchen funktioniere eben nur bis zur Pubertät. Mädchen bekommen als "Ersatzsöhne" also nur kurzfristig eine Freiheit. Was die tiefsitzende Verachtung und Diskriminierung von Frauen umso deutlicher macht. Und so verzichtet das wirtschaftlich und auch durch Erdbeben und Klimawandel gebeutelte Land mit mehreren Millionen Binnenflüchtlingen auf die Arbeitskraft, auf das Mitwirken der Hälfte der Bevölkerung.

Ob es denn nicht irgendeinen Lichtblick, irgendetwas Positives aus der Perspektive der Frauen gebe, fragt ein Zuhörer nach dem bedrückenden Interview. "Nein", antwortet Babori. Sie könne da nur ermuntern, auf deutsche Politiker zuzugehen und diese an einstige Versprechen zu erinnern. Oder auch Organisationen wie den Afghanischen Frauenverein oder Medica Mondiale zu unterstützen.

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