Gastbeitrag

Ein Signal an die ganze Welt: Wie die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten eine säkulare Revolution einläutete

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Gemälde: "Declaration of Independence" von John Trumbull (1819).
"Declaration of Independence" von John Trumbull

Morgen jährt sich die amerikanische Unabhängigkeit zum 250. Mal. Anlässlich dessen hat der hpd die amerikanische Organisation Americans United for Separation of Church and State gebeten, einen säkularen Blick auf diesen Jahrestag zu werfen.

Fünf Jahre nach Unterzeichnung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776 – einer Proklamation, die den christlichen König Englands scharf kritisierte und die säkulare Unabhängigkeit der 13 englischen Kolonien auf amerikanischem Boden verkündete – und gegen Ende des Unabhängigkeitskrieges, äußerte ein anonymer Autor in einem Aufsatz eine düstere Prognose.

Der Artikel erschien in der New-Jersey Gazette, der Verfasser war lediglich als "Ein wahrer Patriot" (A True Patriot) ausgewiesen. Er beklagte den "säkularen" Charakter "des gegenwärtigen Zustands unserer nationalen Angelegenheiten" und forderte, dass die "staatliche Regierung" Gott offiziell ehren und "die Entweihung des christlichen Sabbats" verbieten solle.

Die "nationale Pflicht" der Regierung bestehe laut dem "wahren Patrioten" darin, zum "Wohl dieses neuen Reiches" den "moralischen Gehorsam" gegenüber Gott sicherzustellen. Aus diesem Grund "flehe ich meine Mitbürger an", so erklärte er, "bei ihren [politischen] Wahlen umsichtig zu sein und ihre Freiheiten, ihr Eigentum sowie die Belange einer guten Staatsführung" nicht "gottlosen Persönlichkeiten anzuvertrauen". Amerikas "staatliche Herrscher", so fuhr er fort, müssten "den Übeltätern ein Schrecken sein", indem sie Gottes Willen für die Nation aufrechterhielten.

"Ein wahrer Patriot" war bei weitem nicht der Einzige, der die säkulare Ausrichtung der neuen Nation verurteilte. Zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung wandten sich die Gesetze des Bundesstaates New Jersey gegen den Säkularismus, indem sie biblische Moral vorschrieben und "unseren Erlöser Jesus Christus" anriefen. Verstöße gegen das biblische Gesetz konnten zu einer Geldstrafe "oder einer Haftstrafe mit Zwangsarbeit" führen. Eine der Straftaten war das "vorsätzliche" Lästern "des heiligen Namens Gottes durch das Leugnen, Verfluchen oder schmähende Herabsetzen seines Wesens oder seine Vorsehung […] oder durch das Verfluchen von Jesus Christus, dem Heiligen Geist, der christliche Religion oder dem heiligen Wort Gottes".

Im Laufe der Zeit stellte man fest, dass die religiösen Gesetze von New Jersey (und einiger weiterer Bundesstaaten) gegen die säkulare Verfassung der Vereinigten Staaten verstießen und somit ungültig waren – eine Entwicklung, die mit der bahnbrechenden Unabhängigkeitserklärung ihren Anfang genommen hatte.

In seiner historischen Einordnung bezeichnet der britischer Historiker und Harvard-Professor David Armitage die Erklärung als als "die Geburtsurkunde der Vereinigten Staaten von Amerika" – das erste offizielle Dokument, das die Nation öffentlich beim Namen nannte.

Der Historiker Garry Wills führt dies in seinem vielbeachteten Buch "Lincoln at Gettysburg: The Words that Remade America" weiter aus. Darin stellt er fest, dass US-Präsident Abraham Lincoln in der "Gettysburg Address" – seiner berühmten Rede von 1863, nach der entscheidenden Schlacht von Gettysburg im Amerikanischen Bürgerkrieg – die Unabhängigkeitserklärung als Gründungsdokument der Nation hervorhob.

Noch weiter geht John Yoo vom American Enterprise Institute. Nach seiner Ansicht sei das Gründungsdokument der Nation einer Verfassung gleichwertig, wie es im Anspruch der Erklärung zum Ausdruck kommt, "eine neue Regierung einzusetzen, die auf solche Grundsätze gegründet (…) wird".

Chelsea Blake schreibt im Northwestern Law Journal und argumentiert, dass die Unabhängigkeitserklärung (und nicht die Verfassung) den Werten der Nation Ausdruck verlieh, indem sie "die Grundlage für das schuf, was schließlich die Vereinigten Staaten von Amerika werden sollte: eine Nation, die auf den Prinzipien der Freiheit, der Selbstverwaltung und der Rechte des Einzelnen aufbaut".

Eine neue Nation

Geburtsurkunde. Gründungsdokument. Verfassungskonform. Werte stiftend – Die Unabhängigkeitserklärung schuf eine neue Nation. Diese gründete sich nicht auf den Anspruch einer biblischen Herrschaft, wie ihn die kolonialen Theokratien vertraten, sondern auf einer säkularen, durch die Aufklärung geprägten Vision einer Herrschaft des Volkes: "Regierungen [wurden] unter den Menschen eingeführt […], welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten". Amerikas Geburtsurkunde übertrug die Macht dem Volk – nicht Gott.

Indem das Gründungsdokument der Nation sowohl die individuellen als auch die kollektiven Menschenrechte ansprach, erklärte es: "Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit." Die Unabhängigkeitserklärung lehnte jegliche Vorstellung von einem in menschliche Angelegenheiten eingreifenden Gott ab und erteilte der orthodoxen Religion eine Absage, indem sie die Autorität in dem begründete, was durch die Vernunft erfasst werden konnte – in den "Gesetze(n) der Natur".

Nach Vorstellung der Deisten der Aufklärung lauerte hinter der beobachtbaren Welt ein unerkennbarer, geheimnisvoller "Gott der Natur" und eine "göttliche Vorsehung" – Begriffe, die sich auch in der Unabhängigkeitserklärung finden. Sie verweisen auf ein rationalistisches Glaubenssystem, das sich zwar einer theologischen Sprache bediente, aber christliche Dogmen und die biblische Autorität ablehnte.

Derartige Ketzereien waren schon seit langem der Schrecken christlicher Geistlicher. "Wir haben eine Generation unter uns […], die man Deisten nennt", schrieb ein Prediger im ausgehenden 17. Jahrhundert, "was nichts anderes ist als ein neues Modewort für Atheist". Er und viele im darauf folgenden Jahrhundert hielten einen säkularen "Schöpfer" umfassender Menschenrechte für unvereinbar mit den restriktiven Rechten, die ihr Gott den Menschen gewährte. Freiheit und Glückseligkeit abseits der Treue zu Gottes Gesetz und dem Streben nach Heiligkeit galten als sündhaft. Das Gleiche galt für eine Regierungsführung durch menschliche Gesetze anstelle der Gesetze Gottes.

Einer von ihnen war Pfarrer Henry Cumings aus Boston. Als Delegierter des Verfassungskonvents von Massachusetts von 1779 bis 1780, der die theokratische Regierungsform des Bundesstaates einschließlich Gesetzen zur "öffentlichen Verehrung GOTTES" beibehielt, verurteilte der Pfarrer den Deismus als Ketzerei, da Cumings eigene Werte im Dogma verwurzelt waren. Zudem beharrte er darauf, dass die Amerikaner "das auserwählte Volk Gottes" seien. In einer Predigt über die Unabhängigkeitserklärung und den Unabhängigkeitskrieg im Jahr 1781 nannte er Gott den allmächtigen Herrscher über die nationale Regierung und ordnete die "bürgerliche Freiheit" dem Willen und den Gesetzen Gottes unter.

Ganz anders jedoch die Unabhängigkeitserklärung, die im Jahr 1776 der Welt unmissverständlich signalisiert hatte, dass die neu proklamierten Vereinigten Staaten von Amerika andere Werte vertraten, als es christliche Regierungen taten. Während die Religion in den 1780er Jahren, nach dem Sieg über Großbritannien, die Bundesstaaten und die Bevölkerung noch spaltete, einigten sich die Gründerväter der Nation unter der US-Verfassung darauf, die staatliche Durchsetzung von Kirchendogmen zu beenden – zugunsten einer Regierung, die Kirche und Staat trennt.

Danach legten auch die Bundesstaaten, die dies bis dahin noch nicht getan hatten, nach und nach ihre religiösen Regierungsformen ab und trennten die Kirche vom Staat – als letzter Bundesstaat verankerte Massachusetts 1833 die säkulare Regierungsform im Gesetz.

Als ein amerikanisches Original, das das Recht jedes Einzelnen schützt, so zu leben, wie er ist, und zu glauben, was er will – solange er anderen keinen Schaden zufügt –, gewährleistet die Trennung von Kirche und Staat das Recht der Menschen, frei zu denken und ihren Glauben – oder auch keinen Glauben – auszuüben. Am morgigen 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung sollten die Amerikaner stolz sein auf das grundlegende amerikanische Erbe der Religionsfreiheit. Und sie sollten dafür kämpfen, es für weitere 250 Jahre zu bewahren.


Aus dem Englischen übersetzt von Inge Hüsgen mit Hilfe von DeepL und Gemini. Für die deutschen Zitate aus der Unabhängigkeitserklärung wurde die Übersetzung von Wikisource verwendet.

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