Rezension

Der Westen zwischen Anmaßung und Selbsthass

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Die Ethnologin Susanne Schröter legt mit "Global gescheitert? Der Westen zwischen Anmaßung und Selbsthass" einen kritischen Blick auf die Entwicklung in der westlichen Welt vor, wobei die Außen- und Identitätspolitik den Schwerpunkt bilden. Viele Ambivalenzen und Doppelmoralen werden durch den Problemaufriss deutlich herausgearbeitet, wobei in zukünftigen Debatten dazu die genauen Ursachen noch mehr thematisiert werden sollten.

Wo allgemein in den Gesellschaften jeweils Krisen konstatiert werden, kann auch eine Krise des Westens festgestellt werden. Dabei stellen sich aber die beiden Fragen, in welchen Bereichen eben diese Krisen auszumachen ist und welche Ursachen dafür verantwortlich sind. Zum erstgenannten Aspekt liefert Susanne Schröter wichtige Veranschaulichungen. Die Ethnologin lehrte lange an der Universität Frankfurt am Main, wo sie auch das Forschungszentrum Globaler Islam leitete. Mit ihrem Buch "Global gescheitert? Der Westen zwischen Anmaßung und Selbsthass" geht sie auf unterschiedliche Krisen ein. Dabei fallen bereits früh "Ambivalenzen" und "Doppelmoral" als begriffliche Zuschreibungen. Deren Berechtigung wird dann auf den folgenden Seiten ausführlich anhand von verschiedenen Themenkomplexen veranschaulicht. Bereits einleitend heißt es dazu: "Verantwortlich ist eine krude Mischung aus Hybris und Selbsthass, die gleichermaßen zum Aufstieg von Diktaturen wie zur Eliminierung fundamentaler demokratischer Errungenschaften führt" (S. 7).

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Das erste Kapitel ist dem russischen Überfall auf die Ukraine gewidmet, worin die Autorin berechtigt danach fragt, warum man über den Angriff im Westen so überrascht war. Insbesondere die deutsche Politik im Vorfeld wird kritisiert: "Man belohnte die neokolonialen Aggressionen des russischen Präsidenten, indem man ihm ein energiepolitisches Instrument für weitere Kriegsführungen in die Hand gab" (S. 21). Auch später wird eine außenpolitische Doppelmoral gegenüber einem autoritären Regenten thematisiert, was der anschauliche und zugespitzte Erdoğan-Putin-Vergleich zeigt (vgl. S. 172 f.). Danach macht die Autorin auf die Fehler der westlichen Interventionspolitik aufmerksam, Afghanistan wie Mali zeigten: "Eine Durchsetzung unserer Ordnung mit Waffengewalt ist weder sinnvoll noch legitim" (S. 55). Auch die "Herausforderung Islamismus", so das folgende Kapitel, habe man im Westen nicht verstanden. Gleiches gelte für die "Fallstricke der Migrationspolitik", worum es dann in einem späteren Kapitel geht. Beides hätte mehr zusammengeführt werden können.

Während sich die genannten Ausführungen auf die Außenpolitik beziehen, geht es bei Schröter dazwischen um die Identitätspolitik. Die Autorin kritisiert vehement Diskurse von Minderheiten, die mit identitätspolitischen Forderungen insbesondere im universitären Raum wirkten. "Kulturelle Aneignung", "Cancel Culture", "Rassismus ohne Rassen" mögen hier als Stichworte genügen. Aktivisten würden eine "Schuldidentität" für den Westen vermitteln, womit eben der "Selbsthass" aus dem Untertitel thematisiert wird. Dabei geht es anschaulich ebenso um die ideengeschichtlichen Hintergründe wie die gegenwärtigen Nachwirkungen. Als Beispiel mag auf die knappe, aber treffende Kritik am "Orientalismus"-Schlagwort von Edward Said verwiesen werden. Schröter weist außerdem darauf hin, dass "Antirassismus"-Berufungen aktuell sowohl einen "Neorassismus" wie auch "Zensur" (S. 122) salonfähig machten. Auch wenn hier manche Begriffswahl überzeichnet, so werden doch bedenkliche Entwicklungen angesprochen. Auch der Antisemitismus – etwa in den BDS-Handlungen – in solchen Kontexten ist hier ein Thema.

Durchweg liefert Schröter einen beachtenswerten Problemaufriss, was jeweils in aufrüttelnd gemeinter und deutlich formulierter Sprache geschieht. Indessen besteht hinsichtlich des oben erwähnten zweiten Aspekts der interessanten Frage doch eine inhaltliche Lücke: Wie erklärt sich die durchaus berechtigt vorgetragene Kritik? Da ist nachvollziehbar von Anmaßung und Selbsthass, aber auch von Doppelmoral und Laisser-faire die Rede. Dabei handelt es sich aber um Erscheinungsformen, nicht unbedingt um Ursachen. Es kann auch nicht an den identitätslinken Akteuren liegen, die nur im begrenzten universitären Raum aktiv sind. Auch die Außenpolitik ist ja bei Schröter mehrfach ein Thema. Diese Anmerkungen verstehen sich nicht als fundamentale Kritik, sie wollen nur auf offene Fragen eben zu den Ursachen aufmerksam machen. Politiker würden hier von Sachzwängen sprechen, was für Ausreden stehen kann, aber auch nicht muss. Damit lädt das Buch zu kritischen Reflexionen auch über das westliche Selbstverständnis ein. Es bedarf der Antworten auf die im Buch gestellten kritischen Fragen von Schröter.

Susanne Schröter, Global gescheitert? Der Westen zwischen Anmaßung und Selbsthass, Freiburg 2022, Herder-Verlag, 240 Seiten, 20 Euro

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