Interview mit Philipp Blom

"Wir stehen am Ende von 3.000 Jahren Kulturgeschichte"

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Bei der globalen Klimakatastrophe steht nicht weniger als der Fortbestand der menschlichen Zivilisation auf dem Spiel, schreibt der Philosoph und Historiker Philipp Blom in seinem neuen Essay "Das große Welttheater". Im Interview erklärt er, wieso wir nur überleben werden, wenn wir uns nicht länger als "Krone der Schöpfung" verstehen, sondern als eine Primatenart, die vom Aussterben bedroht ist.

hpd: Sie haben sich in Ihren früheren Werken hauptsächlich mit den Umbrüchen vergangener Zeiten auseinandergesetzt. Inzwischen widmen Sie sich auch den gesellschaftlichen Entwicklungen unserer Zeit. Woran liegt es, dass Sie sich als Historiker nun verstärkt mit der Gegenwart beschäftigen?

Philipp Blom: Für einen Historiker gibt es keine großartigere Zeit zu leben als jetzt. Wir leben nämlich in einer Zeit, in der eine historische Epoche endet und eine neue beginnt. Einen solchen Umbruch selbst zu erfahren und zu studieren, ist für mich als Historiker überaus faszinierend. Es geht bei Geschichte ja nicht darum, wann welcher Kaiser auf welchem Thron saß, sondern vielmehr um gesellschaftliche Strukturen, um das Bestehen von Kräfteverhältnissen und von intellektuellen Konstellationen. Diese analytische Perspektive kann man auch auf heute anwenden, um die gegenwärtigen Entwicklungen zu verstehen.

Als Mensch finde ich unsere Zeit zugleich sehr beängstigend. Schließlich lebe ich in ihr und muss die Luft um mich herum atmen. Durch meine Bücher versuche ich, Menschen zu erreichen und zumindest einen kleinen Beitrag zu aktuellen Diskursen wie dem Klimawandel zu leisten. Die Welt ist zu spannend, um tatenlos bei ihrer Zerstörung zuzusehen. Und ich bin noch zu jung, um mich einfach zurückzulehnen und Wein zu trinken. Dabei mache ich mir allerdings keine Illussionen, dass wir individuell die Geschichte so beeinflussen könnten, dass auf einmal alles anders wird.

Wo finden heute konkret Umbrüche statt und was sind die großen Scheidepunkte unserer Zeit?

Der große Scheidepunkt unserer Zeit ist die Klimakatastrophe. Wir stehen vor einer Kaskade von katastrophalen Entwicklungen, die daraus herrühren, dass wir immer tiefer in die Natur eingreifen. Dabei geht es nicht um die paternalistische Vorstellung, dass wir als Menschen den Planeten zerstören. Selbst wenn wir die Biodiversität dramatisch reduzieren und uns damit selbst von diesem Planeten eliminieren, wird es nämlich nur ein paar tausend Jahre dauern, bis die Erde wieder blüht und gedeiht – nur eben ohne uns.

Entscheidend ist also vielmehr, die Möglichkeit dafür zu schaffen, weiterhin auf diesem Planeten überleben zu können. Nicht im erbitterten Kampf um Ressourcen, sondern als zivilisierte Menschen, die versuchen, die Welt etwas besser zu hinterlassen, als sie sie selbst vorgefunden haben. Das Ganze wird nicht einfach sein. Es ist eine existenzielle Herausforderung von historischem Ausmaß, die wir derzeit noch noch nicht ausreichend ernst nehmen.

Bisher wurde nicht wirklich etwas unternommen, was einen echten Wandel herbeiführen könnte. Meinen Sie, dass wir das Ruder noch herumreißen können?

Ich bin kein Prophet, sondern Historiker. Ob wir diese Herausforderung meistern werden, kann ich nicht sagen. Im Moment sieht es jedenfalls nicht gut aus. Weder bei den wissenschaftlichen Fakten noch bei der demokratischen Meinungsbildung. Die Klimatastrophe ist ein globales Problem, das nur global gelöst werden kann. Es hätte daher keinen Sinn, wenn Deutschland morgen eine CO2-freie Wirtschaft hat, solange in anderen Regionen der Welt unvorstellbar große Flächen der Regenwälder gerodet werden. Vor der Corona-Pandemie waren es weltweit 30 Fußballfelder Regenwald pro Minute, die verschwinden. Das ist erschreckend und macht deutlich, wie wenig Zeit uns noch bleibt.

Sie gehen davon aus, dass das menschliche Handeln von Ideen und Narrativen geleitet wird. Welche Einstellungen hindern uns daran, verantwortungsvoll mit unserer Umwelt umzugehen?

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Darauf gibt es eine Kurzzeit- und eine Langzeitantwort. Die Kurzzeitantwort ist der allmächtige Markt, der völlig außer Kontrolle geratene Hyperkapitalismus. Womit ich nicht meine, dass Märkte an sich schlecht sind oder der Kapitalismus an sich böse ist. Ein Markt kann beispielsweise die Demokratie fördern, weil er eine pragmatische Toleranz verlangt. Für das Geschäft ist es nämlich erst einmal egal, welche privaten Ansichten jemand hat oder welche sexuelle Präferenzen er besitzt, solange Verträge eingehalten werden.

Markt und Kapitalismus sind aber nur dann konstruktiv, wenn sie ein Teil der Gesellschaft sind, welche damit Ziele realisiert, die sie sonst nicht realisieren könnte. Bei der Corona-Pandemie haben wir nun sehr deutlich gesehen, dass der Markt auf bestimmte Probleme keine Antworten hat. So haben Marktmechanismen etwa bei der Bereitstellung von mediznischer Ausrüstung versagt. Und wir haben deutlich gesehen, dass die Prioritäten des Marktes nicht zwangsläufig die Prioritäten einer Gesellschaft sein müssen. Deshalb haben wir uns auch dafür entschieden, alte Menschen zu schützen, die nicht ökonomisch produktiv sind und die den Staat Geld kosten. Als Gesellschaft haben wir aus guten Gründen völlig marktunkonform gehandelt.

Die Idee des ewigen Wirtschaftswachstums und der allumfassenden Profitabilität ist eine Idee, die uns auch in Bezug auf die Klimaktastrophe die Sicht versperrt. Der Markt kann hier durchaus eine Rolle bei der Lösung des Problems spielen, doch er wird mit seinen eigenen Prioritäten keinesfalls ein Erlöser sein, der die Bedürfnisse der Menschen ausreichend berücksichtigt.

Und die Langzeitantwort?

Die führt uns etwas weiter zurück auf die biblische Idee "Macht euch die Erde untertan". Sie geht davon aus, dass der Mensch die "Krone der Schöpfung" sei, die sich frei an der Natur als Materiallager bedienen kann. Das war lange Zeit eine konstruktive Idee, weil sie dazu geführt hat, dass Gesellschaften über sich selbst hinausgewachsen sind. Zumindest in Europa hat diese Idee so lange funktioniert, bis Erdöl im großen Stil verwendet wurde. Seitdem sind Produktivität, Wohlstand und damit auch der Konsum dramatisch angestiegen. Dies führte zwar zu einem enormen zivilisatorischen Fortschritt, zugleich aber auch zu einer zunehmenden Ausbeutung der Natur. Während sie anfangs lokal begrenzt und reversibel war, beschleunigte sie sich im Laufe der Zeit so enorm, dass dadurch die Lebensgrundlage unserer Spezies untergraben wird. Nicht in einigen Jahrhunderten, sondern in wenigen Jahrzehnten könnte dies zu einem katastrophalen Kollaps der menschlichen Zivilisation führen.

Insofern kann man durchaus sagen, dass wir heute am Ende von 3.000 Jahren Kulturgeschichte stehen. Wir werden nämlich nur dann überleben, wenn wir unseren Platz innerhalb der Natur finden. Nicht als "Krone der Schöpfung", sondern als eine Primatenart, die vom Aussterben bedroht ist.

Unser derzeitiger Umgang mit der Natur folgt eher dem Motto "Nach uns die Sintflut". Der Glaube an eine bessere Zukunft scheint verloren gegangen zu sein...

Das ist eine sehr gefährliche Idee. Hinter ihr steht eine Ausverkaufsmentalität, die sich zwar in einer komfortablen Gegenwart wähnt, aber keine Perspektive für eine Zukunft hat, in der es sich zu leben lohnt. Für Gesellschaften ist diese Haltung zerstörerisch. Wenn es für Menschen keine rationale Hoffnung mehr gibt, werden sie leicht zynisch und laufen Bauernfängern hinterher.

Der Soziologe Zygmunt Baumann sprach in diesem Zusammenhang einmal von "Retrotopie". Die Idee des Fortschritts verheiße heute weniger die Aussicht auf eine Verbesserung der persönlichen Lage als die Angst davor, abgehängt und zurückgelassen zu werden. Daher würden sich viele von der Zukunft abwenden und sich nach der Rückkehr einer verklärten Vergangenheit sehnen. Es ist gewissermaßen die Hoffnung, dass es wieder so wird, wie es niemals war.

Ja, so ist das. Wie die Welt eigentlich zu sein hat und was normal ist, wird in den allermeisten Fällen durch die Kindheit definiert. Lange Zeit waren das aus verständlichen biografischen Gründen die Fünfzigerjahre. Zufälligerweise sind wir alle aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten Kinder gewesen. Die verschiedenen Vorstellungen von dem, was als "normal" anzusehen ist, sind deshalb mit Konflikten verbunden, auch weil es keine gemeinsame Vision einer vernünftigen Zukunft zu geben scheint.

Dabei gäbe es doch gute Gründe, sich der Zukunft nicht zu verschließen, sondern aufgeschlossen zuzuwenden. Die Welt, in der wir heute leben, ist zu einer der friedlichsten in der Menschheitsgeschichte geworden. In rasantem Tempo wurden zivilisatorische Fortschritte erzielt, die vor hundert Jahren noch undenkbar gewesen wären. Hunger, Gewalt, Analphabetismus und Kindersterblichkeit sind laut den Statistiken in den vergangengen Jahrhunderten deutlich gesunken.

Solche Zahlenspiele, die immer wieder angestellt werden, sind sehr problematisch. Wenn man beispielsweise sagt, dass es im 20. Jahrhundert viel weniger Gewalt gegeben hat, ist das sicher zutreffend für Menschen, die in Südamerika gelebt haben. Nicht zutreffend ist es für Menschen, die in Litauen, Polen oder Kambodscha gelebt haben. Kumulativ mag es positive Entwicklungen gegeben haben. Aber sie beruhen im Prinzip darauf, dass wir eine Wirtschaft haben, die die Grundlagen unseres Überlebens untergräbt und die wir deshalb nicht weiterführen können. Entweder endet sie in einer Katastrophe oder wir müssen sie in etwas überführen, das Bestand haben wird.

Wodurch würde ein sich ein nachhaltiges Wirtschaften auszeichnen?

Notwendig wäre ein radikaler Green New Deal, der über die kosmetischen Maßnahmen hinausgeht, die derzeit von Politikern beschlossen werden. Ein ambitioniertes Ziel wäre es, dass ganz Europa durch grüne Energie in höchstens 20 Jahren CO2-neutral sein muss. Man würde damit en passant auch die Technologie und Expertise erhalten, die demnächst überall auf der Welt gebraucht werden. In nicht weit entfernter Zukunft wird dies ein massiver Wettbewerbsvorteil sein.

Es kann jedenfalls nicht nur darum gehen, bloß eine CO2-Steuer einzuführen. Denn wenn Menschen solche Maßnahmen nicht mit ihrem Willen unterstützen, werden sie die betreffenden Regierungen abwählen oder die Vorgaben ignorieren. Hinzu kommt, dass Unternehmen inzwischen eine größere und flexiblere Macht haben, weil sie sich nicht in einem abgegrenzten Territorium bewegen. Sie können damit drohen, einen Produktionsstandort in ein anderes Land zu verlagern, was zu höherer Arbeitslosigkeit führt. Dadurch wird die Handlungsfähigkeit eines Staates sehr stark ausgehebelt. Legislativ lässt sich das Problem daher letztlich nur auf internationalem Niveau lösen.

Was fehlt, damit Menschen den erforderlichen Willen aufbringen, verantwortungsvoll zu handeln?

Es bräuchte ein neues Selbstverständnis, das an die Überlegungen der Aufklärung anschließt. Denn die Aufklärung forderte nicht nur Rationalität und Menschenrechte, sondern versuchte den Menschen auch als Teil der Natur zu verstehen. Aufklärerische Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts wie Comte de Buffon beschrieben den Menschen zum ersten Mal in seiner frappierenden Ähnlichkeit zu Primaten. Schon vor Darwin erstellten sie Stammbäume der Entwicklungsgeschichte, die den Menschen als biologisches Wesen in der Natur statuierten.

Diesen realistischen Ansatz gilt es heute weiterzudenken. Der Philosoph Bruno Latour erkannte einmal richtig, dass wir nicht auf der Erde, sondern in der kritischen Zone leben – also der winzigen Membran zwischen dem toten Gestein unter unseren Füßen und der ewigen Leere über unseren Köpfen. Unsere Atmosphäre wird dabei konstituiert und beinflusst durch unendlich viele Faktoren, von Mikroben über Jetstreams bis hin zu menschlicher Gesetzgebung.

Wenn wir unsere Verwobenheit mit dem Rest der Natur endlich anerkennen würden, wäre das der Anfang eines lohnenden Menschenbildes. Mit ihm würde man Abstand von der Vorstellung nehmen, dass wir die Natur beherrschen und ausbeuten können. Es wäre die Voraussetzung dafür, den wissenschaftlichen, politischen und legislativen Klimaschutz-Initiativen ein echtes Wollen zur Seite zu stellen.

Viele Menschen empfinden es als Kränkung, sich selbst als Naturwesen oder gar als Primaten anzusehen. Warum fällt es uns so schwer, unser Welt- und Menschenbild trotz besseren Wissens radikal in Frage zu stellen?

Wir sind nunmal alle Kinder unserer Zeit. Es ist enorm schwierig, etwas zu denken und zu vertreten, was die Menschen um einen herum nicht denken – insbesondere wenn man sie schätzt, respektiert und liebt. Weil das so schwierig ist, ist es natürlich sehr viel einfacher, etwas zu vertreten, was sich auf gewohnte Strukturen stützt.

Den eigenen Gedanken dorthin zu folgen, wo man ihnen eigentlich nicht hinfolgen möchte, ist vielleicht eine der größten Herausforderungen. Denn dort werden Ansichten in Frage gestellt, die einem viel bedeuten. Es ist daher wichtig, neue Erfahrungen zu machen und aus ihnen heraus zu versuchen, neue Erklärungsmuster zu suchen. So entstehen Risse im alten Weltbild, durch die etwas Licht eindringen kann.

Kann die Corona-Krise als eine neue Erfahrung gesehen werden, aus der wir lernen können?

Es wäre illusionär zu meinen, dass wir als Gesellschaft nun geläutert aus dieser Krise hervorgehen werden. Allerdings hat sie immerhin eines gezeigt: Früher haben die Kritiker des entfesselten Neoliberalismus immer wieder zu hören bekommen, dass das ungebremste Wirtschaftswachstum eine notwendige Voraussetzung für Demokratie und Freiheit sei. Angeblich sei es unmöglich, diese Maschine anzuhalten, ohne dass eine Katastrophe mit verheerenden Konsequenzen eintritt. Aber dann ist genau das passiert. Gesellschaften haben entschieden, ihre eigenen Interessen über Marktinteressen zu stellen.

Man darf natürlich nicht beschönigen, dass diese Entscheidung eine massive Wirtschaftskrise nach sich gezogen hat, bei der viele menschliche Existenzen gefährdet und vernichtet wurden. Damit verbunden war jedoch auch das theoretische und praktische Verstehen davon, dass Dinge auch anders laufen können als bisher. Es wurde deutlich, dass Gesellschaften doch noch Kontrolle darüber haben, wie sie leben wollen. Das hat einen Präzendenzfall geschaffen, der in folgenden Diskussionen über die nächsten Jahrzehnte nicht mehr wegzureden ist. Ob daraus rechtzeitig die richtigen Schlüsse gezogen werden, können wir jetzt noch nicht sagen. Sicher ist jedoch, dass sich dieser Präzendenzfall als sehr wichtig erweisen wird.

Vor allem die Wissenschaft hat im Zuge der Pandemie verlorenes Vertrauen in der Bevölkerung zurückgewonnen.

Ich bin mir nicht sicher, ob der Vertrauenszuwachs tatsächlich so groß ist, wie wir das gerade gerne glauben. Aus der Dringlichkeit des Moments heraus wurde die Wissenschaft auf einmal das stärkste Entscheidungskriterium für die Politik, auch weil sie unmittelbare Resultate lieferte. Deutlich wurde jedenfalls, dass die Leugnung wissenschaftlicher Tatsachen nicht weiterhilft. In Ghana gab es beispielsweise einen Pfarrer, der Covid-19 durch Handauflegen heilen wollte und leider selbst an der Krankheit gestorben ist. Da waren Ursache und Konsequenz unmittelbar sichtbar, ebenso wie die zutreffenden Prognosen von Wissenschaftlern.

Wenn es aber darum geht, politische Prioritäten zu setzen, geht es nicht mehr primär um wissenschaftliche Wahrheiten, sondern um Interessen und Prinzipien. Der Prozess der Entscheidungsfindung wird dadurch wieder wesentlich politisiert. Es gibt viele Menschen, die von Grund auf leugnen, dass es überhaupt eine Pandemie gibt und die allen möglichen Verschwörungstheorien hinterherlaufen. Ich glaube daher nicht, dass wir nun in eine Zeit gekommen sind, in der Menschen endlich die Wissenschaft akzeptieren. Denn letztlich wird sich nicht die wissenschaftlich sauberste und logischste Position durchsetzen, sondern diejenige, die am meisten emotionale Resonanz bereithält.

Die Fragen stellte Florian Chefai für den hpd.

Philipp Blom ist Schriftsteller, Historiker, Journalist und Übersetzer. Er studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. Seine Schriften publizierte er u. a. in The Independent, Financial Times, The Guardian, Die Zeit, NZZ, FAZ, Süddeutsche Zeitung und Der Standard.

Blom ist Beiratsmitglied der Giordano-Bruno-Stiftung und wurde im März 2017 in den Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels berufen.

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