Christliche Werte gehören für viele Unternehmer zur Firmen-DNA. Doch was als moralischer Kompass verkauft wird, entpuppt sich nicht selten als Machtinstrument: Evangelikale Netzwerke prägen Unternehmensentscheidungen, reproduzieren traditionelle Rollenbilder und missionieren bis in die Kantine hinein.
In Deutschland und Europa gibt es zahlreiche Familienunternehmen, die sich ausdrücklich einem christlichen Werteverständnis verpflichtet fühlen. Das wohl bekannteste Beispiel ist "C&A". "Unser Glaube verbindet uns Eigentümer als Quelle der Inspiration", erklärte Maurice Brenninkmeijer, Oberhaupt des katholischen Eigentümerclans. Katholische Werte prägen die Unternehmenskultur bis heute – wenn auch längst nicht mehr so rigoros wie früher, als evangelische Christen von Führungspositionen ausgeschlossen waren und verheiratete Frauen im Konzern nicht arbeiten durften.
Heute jedoch sind es weniger katholische Unternehmerdynastien als vielmehr evangelikale Netzwerke, die Glauben offensiv zur Firmenpolitik erklären. Max Webers Klassiker "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" müsste im 21. Jahrhundert um ein Kapitel ergänzt werden: Freikirchen, Unternehmertum und die Renaissance traditioneller Rollenbilder im Gewand moderner Managementrhetorik.
Abus: Wenn Gott über Karriere entscheidet
Ein besonders prominentes Beispiel ist der Schließsystemhersteller "Abus". Das Unternehmen beschreibt sich als "mittelständisches Unternehmen, das von christlichen Prinzipien geprägt wird" und betont Respekt gegenüber "Einzigartigkeit und kultureller Vielfalt". In der Praxis bedeutet das allerdings: Frauen aus der Gründerfamilie dürfen in der Firma keine Führungspositionen übernehmen – aus religiösen Gründen.
Die Eigentümerfamilie "Bremicker" gehört der evangelikalen Brüderbewegung an. Die Töchter mussten Erbverzichtsverträge unterschreiben, die sie im Todesfall ihrer Väter automatisch aus dem Unternehmen ausschließen. Begründet wird dies theologisch. Ernst-August Bremicker schrieb in einem Bibelkommentar: "So wie die Knechte nicht nur den guten und angenehmen Herren gehorchen sollten, gilt die Aufforderung der Unterordnung der Frau unabhängig vom Charakter ihres Mannes." Christliche Werte – konsequent zu Ende gedacht.
Der Vorhängeschloss- und Fahrradschlosshersteller "Abus" ist kein Einzelfall. Martin Dürrstein, CEO von "Dürr Dental", einem führenden Ausrüster von Zahnarztpraxen, bekennt sich offen zu seinem freikirchlichen Glauben. Dieser habe "zentrale Bedeutung" für sein Handeln und präge auch unternehmerische Entscheidungen. Integrität, Verlässlichkeit, Aufrichtigkeit – die vertrauten Schlagworte evangelikaler Unternehmerethik. Dass die Firmenkantine sonntags einer Freikirchengemeinde zur Verfügung gestellt wird, passt ins Bild.
Netzwerke der Gläubigen
Die religiös ausgerichteten Firmen sind in vielerlei Hinsicht miteinander vernetzt, so gibt es den Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in Deutschland, der Unternehmertum als urprotestantisches Verhalten erachtet: "Freiheit und Verantwortung sind Kern des Protestantismus und zugleich Grundlagen unserer Gesellschaft. Als evangelische Christinnen und Christen betrachten wir unser unternehmerisches Engagement als Beitrag, diese zu stärken sowie Fortschritt und Weiterentwicklung unserer Gesellschaft im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft zu fördern." Statt Investitionstipps hat der Arbeitskreis ein Buch mit den Lieblingsgebeten von 50 Führungskräften herausgegeben. Gebet statt Bilanzanalyse.
Daneben existieren weitere Zusammenschlüsse wie die Christlichen Unternehmer oder die Christliche Kooperationsbörse, die ihren Glauben als Grundlage ihrer Geschäftsbeziehungen erachten. Höhepunkt der Szene ist der alle zwei Jahre stattfindende "Kongress Christlicher Führungskräfte" (KCF), zu dem rund 3.000 Manager zusammenkommen, um – so die Eigenbeschreibung – "die Herausforderungen der Zeit zu meistern".
Missionieren im Betrieb
Zu den Teilnehmern am "KCF" zählt auch Andreas Adenauer, der Gründer der Bekleidungsmarke "Adenauer & Co." und Mitglied der freikirchlichen Hillsong Church. Der ehemalige Katholik ließ sich in New York erneut taufen und ist überzeugt: "Du kannst nicht nur sonntags Christ sein. Das funktioniert nicht". Auch Heinrich Deichmann, Europas größter Schuhhändler, bekennt sich offen zu seinem Glauben und betet täglich, um "die Dinge mit einem anderen Blick zu sehen".
Der "KCF" gilt als ideologischer Think Tank der Szene. Neben persönlichen Glaubensbekenntnissen werden dort auch ganz praktische Tipps für Missionierung im Unternehmen ausgetauscht. Katja Hof, Geschäftsführerin eines Metallverarbeitungsbetriebes, erzählte auf dem "KCF", sie bete öffentlich bei betrieblichen "Pizza-Partys" – schließlich sei sie die "Hausherrin". Auch Martin Dürrstein von "Dürr Dental" ist missionierend unterwegs und nutzt jede Gelegenheit, in der Firma mit seinen Mitarbeitern über seinen Glauben zu sprechen: "Das ist niederschwellig und funktioniert besonders gut." Und bei der Firmenweihnachtsfeier stehen selbstverständlich christliche Werte im Vordergrund.
Was als Werteorientierung verkauft wird, ist häufig mehr als das: eine religiös aufgeladene Unternehmenskultur, die Hierarchien legitimiert, Rollen festschreibt und Kritik erschwert. Der Glaube wird zur übergriffigen Führungsphilosophie, das Unternehmen zur Missionsfläche. Und wer nicht mitbetet, wird nie ganz dazugehören.






