Der moderne amerikanische Faschismus trägt keinen Uniformrock. Er trägt ein T-Shirt mit Stars and Stripes, hält eine Bibel in der einen, eine Waffe in der anderen Hand. Sein Ursprung liegt nicht in der Gegenwart, sondern tief in der unbewältigten Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs.
Die Niederlage der Südstaaten 1865 hat ein generationenübergreifendes Trauma hinterlassen, das bis heute das politische und psychologische Koordinatensystem großer Teile der US-Gesellschaft prägt. Im Herzen dieser Erzählung steht der "Lost Cause", der Mythos vom edlen, moralisch überlegenen Süden, der nicht
für Sklaverei, sondern für Freiheit gekämpft habe – eine Lüge, die zur Grundlage einer ganzen Identitätskultur wurde.
Vom Bürgerkrieg zum Opfermythos
Die Niederlage der Konföderation bedeutete den Zusammenbruch einer ganzen Gesellschaftsordnung – ökonomisch, sozial und kulturell. Die Abschaffung der Sklaverei zerstörte nicht nur ein Wirtschaftssystem, sondern auch die hierarchische Selbstgewissheit des weißen Südens. Was blieb, war ein Gefühl kollektiver Kränkung: Die "Nordstaaten" galten als Besatzer und moralische Sieger. Die eigene Identität – stolz, fromm, "ehrenvoll" – erschien entehrt. Aus dieser Kränkung entstand ein Mythos: der "Lost Cause". Er verklärt die Konföderation zur heroischen Verteidigerin der Freiheit, stilisiert die
Niederlage zur Tragödie und verschweigt, dass es um die Aufrechterhaltung der Sklaverei ging. Dieses Narrativ wurde über Generationen weitergegeben – in Familien, Kirchen, Schulen und Liedern.
Von der Niederlage zur Erlösungsfantasie
Diese psychologische Matrix – Kränkung, Opferrolle, Sehnsucht nach Reinheit und Rache – hat sich über Generationen erhalten. Immer wenn gesellschaftlicher Wandel drohte, flammte sie erneut auf: nach der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre, nach der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten und schließlich im Aufstieg Donald Trumps. Trump griff diese alte Energie auf und übersetzte sie in die Gegenwart. Er gab den Nachfahren der Verlierer das Gefühl, endlich wieder die Helden zu sein. "Make America Great Again" war die säkulare Neuauflage des "Lost Cause" – eine Erlösungsformel für kollektive Demütigung.
Geographie der Erinnerung – der alte Süden als MAGA-Kerngebiet
Die geographische Verteilung der politischen Lager in den USA spiegelt bis heute die Bruchlinie des Bürgerkriegs wider. Die Mehrheit der sogenannten "Red States" – jene Bundesstaaten, die bei Präsidentschaftswahlen zuverlässig republikanisch wählen – entspricht nahezu exakt dem Gebiet der ehemaligen Konföderation. Staaten wie Alabama, Mississippi, Louisiana, Georgia, South Carolina und Texas bilden das Herzstück der heutigen MAGA-Bewegung. Wahlsoziologische Analysen (z.B. Acharya, Blackwell & Sen, Deep Roots: How Slavery Still Shapes Southern Politics, 2018) zeigen, dass Regionen mit historisch hoher Sklavendichte und späterer Rassentrennung bis heute signifikant stärkere Unterstützung für autoritäre Politikmuster und religiös-konservative Bewegungen aufweisen. Die ideologischen Muster des alten Südens – Misstrauen gegenüber der Zentralregierung, sakralisierte Männlichkeitsbilder und die Sehnsucht nach "law and order" – haben sich in den modernen Populismus übersetzt. Der "Deep South" ist somit nicht nur ein geografischer, sondern ein mentaler Raum, in dem die Niederlage von 1865 nie ganz akzeptiert wurde.
Die religiöse Sakralisierung des Autoritarismus
Nach dem Bürgerkrieg bot die Religion einen Ausweg aus der Scham. Der evangelikale Protestantismus verwandelte Niederlage in göttliche Prüfung: "Gott hat uns gezüchtigt, aber nicht verlassen. Wir sind seine Auserwählten." Diese Deutung machte aus politischer Niederlage spirituelle Überlegenheit. Im 20.
Jahrhundert verschmolz diese Haltung mit einem zunehmend fundamentalistischen Evangelikalismus, der gesellschaftlichen Fortschritt als Angriff auf Gottes Ordnung deutete. Trump – persönlich alles andere als
gottesfürchtig – wurde in dieser Welt als Werkzeug Gottes interpretiert: ein sündiger, aber von der Vorsehung berufener Retter. In dieser religiösen Rahmung wird Politik zu Theologie, Kritik zu Blasphemie.
Waffen, Wahn und Wiedergeburt

Parallel dazu entwickelte sich im Süden der Kult um die Waffe. Was früher Plantagenherrschaft und Sklavenpeitsche symbolisierten, verkörpert heute das Sturmgewehr: Selbstbehauptung, göttlich sanktionierende Stärke, Abwehr gegen "das Böse". In der religiösen Rhetorik der Evangelikalen verschmilzt das zur sakralisierten Gewalt. Bibelzitate begleiten Schießtrainings, Prediger sprechen vom "Arsenal Gottes". So entsteht ein quasi-religiöses Ritual: das Christentum der Waffe. Die Waffe ersetzt die Hostie – sie ist das Sakrament der Macht. Und der politische Gegner wird nicht mehr als Mensch, sondern als
"dämonischer Feind" betrachtet.
QAnon und die digitale Apokalypse
Das Internet hat diese Mythen globalisiert. Was einst in Kirchenbänken und Familienkreisen verhandelt wurde, verbreitet sich heute in Echtzeit über Telegram, YouTube und Truth Social. QAnon ist die Endstufe dieser Entwicklung: eine digitale Religion mit Trump als Messias, der die "satanische Elite" vernichten
wird1. Sie verbindet Verschwörung, Erlösung und Gewaltfantasie zu einer postmodernen Offenbarungsschrift. Hier schließt sich der Kreis zum "Lost Cause": Wieder kämpft das "wahre Amerika" gegen die "dämonische Übermacht". Nur dass der Feind heute nicht mehr "die Yankees" sind, sondern Liberale, Migranten, Feministinnen, Transmenschen oder Juden.
Die Herrschaft der Desinformation
In dieser ideologischen Landschaft ist Desinformation kein Unfall, sondern ein Herrschaftsinstrument. Wer die emotionale Matrix kontrolliert, kontrolliert die Realität. Fox News und seine digitalen Ableger funktionieren wie sakrale Sender: Sie produzieren keine Nachrichten, sondern Gefühle – Stolz, Empörung,
Angst. Der Wahrheitsgehalt ist irrelevant; entscheidend ist die emotionale Plausibilität. Das gleiche Muster findet sich in deutschen Desinformationsnetzwerken – Compact, RT DE, apolut, Auf1, reitschuster.de, AfD-TV-Kanäle – sie alle übernehmen rhetorisch identische Strategien: Opfermythos, moralische Polarisierung und religiös-aufgeladene Sprache. Die Mechanik ist universell: Zerstöre das Vertrauen in gemeinsame Wirklichkeit – und biete stattdessen Identität.
Psychologische Folgen: Die Entfremdung der Gesellschaft
Diese Dauerpropaganda hat gravierende Folgen für das kollektive Bewusstsein. Sie fragmentiert die Realität: Jeder lebt in seiner eigenen Informationswelt, in seinem eigenen Mythos. In den USA führt das zu tiefen Rissen in Familien, Freundeskreisen und Nachbarschaften. Gespräche über Politik werden zu
Glaubenskriegen; Fakten werden als Angriffe erlebt. Der Mitbürger wird zum Ketzer. Viele Menschen verlieren dadurch das Vertrauen in Institutionen, Wissenschaft und Journalismus. Stattdessen entsteht eine emotionale Identität aus Feindschaft: Man weiß nicht mehr, was wahr ist – aber man weiß genau,
wen man hassen soll.
Der Krieg, der nie endete
Der amerikanische Bürgerkrieg wurde 1865 militärisch beendet, aber psychologisch nie. Sein Erbe lebt fort – in Mythen, Symbolen und Medienblasen. Aus der Scham der Niederlage wurde der Stolz der Opfer, aus der Verteidigung der Sklaverei der Kampf für "Freiheit", aus Religion eine politische Waffe. Heute tobt dieser alte Krieg weiter – nicht mehr um Baumwolle und Sklaven, sondern um die Deutungshoheit über die Wahrheit. Und so steht die westliche Welt – nicht nur Amerika – vor einer alten, neuen Versuchung: die Wirklichkeit der Gefühle über die Wirklichkeit der Fakten zu stellen. Der alte Süden ist nicht
verschwunden. Er hat nur WLAN bekommen.
Dieser Essay steht im Kontext aktueller Forschungsarbeiten zur Erinnerungskultur des amerikanischen Südens, zum religiösen Nationalismus und zu den psychologischen Mechanismen des Autoritarismus. Vgl. u.a. David W. Blight: "Race and Reunion – The Civil War in American Memory" (2001), Kristin Kobes Du Mez: "Jesus and John Wayne – How White Evangelicals Corrupted a Faith and Fractured a Nation" (2020), Arlie Russell Hochschild: "Strangers in Their Own Land – Anger and Mourning on the American Right" (2016) sowie Acharya, Blackwell & Sen: "Deep Roots – How Slavery Still Shapes Southern Politics" (2018). Ein ausführliches Literaturverzeichnis findet sich im Anhang zu diesem Artikel.
1Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde vor Veröffentlichung der Epstein-Akten geschrieben.







8 Kommentare
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Kommentare
Bernie am Permanenter Link
Eine gute Analyse, die die Vorgänge in den Vereinigten Staaten unter Trump nur zu verständlich macht.
Der Autor bezieht sich jedoch nur auf die ehemaligen Südstaaten, aber mittlweile ist aus so mancher Schulgeschichtsstunde auch bekannt, dass es Abraham Lincoln, und den Nordstaaten, zu Anfang nicht um die Abschaffung der Sklaverei ging, die entwickelte sich nur nebenher, und wurde zum Kriegsende hin dann, zum Glück für die ehemaligen Sklaven, durchgesetzt.
Das ursprüngliche Ziel von Abe Lincoln war die Abspaltung der CFA (Konförderierten Staaten von Amerika) rückgängig zu machen, da nach Ansicht der US-Republikaner unter Abraham Lincoln kein Bundesstaat das eigenständige Recht hatte aus den USA einfach so auzutreten.
Wie schon gesagt der Artikel konzentriert sich ja auf die Sicht der ehemaligen Südstaaten, aber wie bereits erwähnt, auch die Nordstaaten hatten zu Anfang des Amerikanischen Bürgerkrieges keineswegs die Abschaffung der Sklaverei im Sinne - es ging den Nordstaaten ums Prinzip, so las ich mal früher in einem Geschichtswerk, dass, eben, kein Staat aus den USA austreten kann.
Hat ja seit Kriegsende 1865 nie wieder ein US-Bundesstaat gewagt, da ein solcher Schritt zu einem "neuen Bürgerkrieg" führen könnte.
Ja, ich weis es wird in diversen US-Bundesstaaten manchmal immer wieder das Thema angeschnitten, aber ernsthaft hat es noch nie ein US-Bundesstaat gewagt - man beruft sich da eben auch auf die Erfahrung des Amerikanischen Bürgerkrieges von 1861 - 1865.
Gruß
Bernie
Michael Fischer am Permanenter Link
Das Problem war die Westexpansion. Die neuen Staaten wären überwiegend als sklavenfrei in die Union aufgenommen worden. Den Südstaaten war klar, dass das den Anfang vom Ende der Sklaverei bedeuten würde.
Bernie am Permanenter Link
@Michael Fischer
Ja, danke für Ihre Ergänzung. Dieser Punkt war auch wichtig damals.
Gruß
Bernie
A.S. am Permanenter Link
@Bernie: Sehr guter Kommentar!
Die von Lincoln erst im Laufe des Krieges proklamierte Abschaffung der Sklaverei gab den Nordstaaten ein moralisches Momentum, das die beginnende Kriegsmüdigkeit auffing.
Meine Informationsquelle: Der mehrteilige Dokumentarfilm von Ken Burns zum amerikanischen Bürgerkrieg.
Michael Fischer am Permanenter Link
Das Ganze war halt auch ziemlich vertrackt. Man darf nicht vergessen, dass es in der Union auch vier Sklavenstaaten gab. In der Bevölkerung gab es zudem viel Rassismus.
Tatsächlich hatten die Republikaner mit Lincoln einen als gemäßigt geltenden Kandidaten für das Präsidentschaftsamt nominiert. Irgendwie naheliegend, dass er dieser Erwartungshaltung dann nach seiner Wahl zunächst auch zu entsprechen versuchte.
Lincoln hatte es nicht leicht und mußte sich irgendwie durchlavieren.
GeBa am Permanenter Link
All das sehe ich als die weltweite Verdummung der Menschheit durch Religionen, die Realitäten werden nicht erkannt und man versinkt in einem Sumpf von Gefühlen irgendwo zwischen Hass und Gläubigkeit, dabei wäre es doc
sieht und liest, genauer darüber nachzudenken ob es sinnvoll für die Menschheit und den Planeten ist und dann sich eine positive Meinung zu bilden, niemand kann von Hass satt werden oder von Neid klüger werden, bedenkt alles und handelt dann.
user unknown am Permanenter Link
Der "Faschismus in den USA" - kann man das wirklich so sagen? Es gibt ja, glaube ich, keine anerkannte Definition für Faschismus, sondern Disput um den Begriff.
In Deutschland wird ja meist die Zeit 33-45 damit gemeint, und da Gemeinsamkeiten mit den USA heute zu behaupten könnte man als Verharmlosung der NS-Zeit auffassen. Mir ist nicht bekannt, dass Trump die Abschaffung der Demokratie je in Aussicht gestellt oder als wünschenswert verkauft hätte. Die erste Amtszeit war auch ziemlich unmilitaristisch. Totalitäre und autoritäre Tendenzen beobachte ich eher aus dem Lager der sog. Demokratischen Partei.
Wenn wir von Mythen rund um die Sklaverei reden, dann gehört wohl auf den Tisch, dass die Republikaner für die Abschaffung der Sklaverei eingetreten sind und die Demokraten die Jim-Crow-Gesetze vorangetrieben haben. Aus Ihrer Feder liest es sich, als sei es umgekehrt.
Als "dämonischen Feind" zeichnen Sie Trump und die Republikaner und 6 von rd. 50 Staaten und den Antisemitismus, der doch eher aus dem links-woken-Universitätsklüngel mit fetischisiertem Antirassismus stammt, schlagen Sie auch - wie ich meine - den falschen zu. Ohne dass ich bestreiten will, dass es im konservativ-rechten Lager auch zu viele Antisemiten gibt (C. Owens). Ich gebe nichts auf das, was Trump sagt, aber seine Taten in Bezug auf Israels Politik gegen die Hamas und im Streit mit dem Iran stützen m.E. keinen Antisemitismusverdacht.
Und wer sich im Kampf mit einer dämonischen Übermacht sieht, der fühlt sich vielleicht auch im Recht ICE-Beamte zu behindern, zu versuchen einen Präsidentschaftskandidaten zu ermorden und die Ermordung eines unliebsamen Youtubers in die Tat umzusetzen.
Zu Desinformation, dem Ansprechen von Gefühl, Angst und Empörung - arbeiten damit nicht alle Seiten gleichermaßen?
A.S. am Permanenter Link
Zitat: "... sie alle übernehmen rhetorisch identische Strategien: Opfermythos, moralische Polarisierung und religiös-aufgeladene Sprache.
Genau diese Mechanismen nutzen auch Islamisten und Links-Identitäre.
Trump ist nicht der Einzige, der Freiheit und Demokratie zerstören will.
Zur Waffen-Frage in den USA:
Den Verfassungsvätern, sehr klugen Leuten, war klar, dass die Demokratie eine instabile Herrschaftsform ist. Jeder machtgierige Mensch, jede machtgierige Gruppe würde versuchen, erst an die Macht zu kommen und dann die eigene Macht zu zementieren. Das war absehbar.
Das Recht jedes Amerikaners auf eigene Waffen ist das letzte Mittel, der allerletzte Schutzwall zur Verteidigung der Freiheit und Demokratie gegen einen Putsch.
Dafür nehmen die Amerikaner auch die alltäglichen Opfer durch Waffengewalt in Kauf.
Was hätten wir in Deutschland für Möglichkeiten, uns gegen eine Putsch durch das Militär oder die Polizei zu wehren?
Bisher hat die gute gesellschaftliche Verankerung von Polizei und Bundeswehr uns ein solches Szenario erspart. Es gibt aber keine Garantie, dass das auch in Zukunft so bleibt.
Die breite gesellschaftliche Verankerung der Bundeswehr ist in meinen Augen das allerbeste Argument für eine allgemeine Wehrpflicht, unabhängig von der weltpolitischen Bedrohungslage.