Kommentar

Vom Schwinden der Theologie: Warum die Universitäten weniger Dogma und mehr Zukunft brauchen

beten_theologie.jpg

Deutschlandweit sinken die Zahlen der Theologiestudierenden seit Jahren drastisch. Umso erstaunlicher ist es, dass gleichzeitig neue bekenntnisgebundene Strukturen aufgebaut werden – etwa durch die Einrichtung einer islamisch-theologischen Fakultät an der Universität Münster. Angesichts knapper öffentlicher Mittel stellt sich daher umso dringlicher die Frage: Warum hält der Staat nicht nur an einer akademischen Infrastruktur fest, die gesellschaftlich immer weniger nachgefragt wird, sondern baut sie sogar weiter aus?

Wer einen Blick in die Hörsäle und Seminarräume theologischer Fakultäten wirft, findet gähnende Leere. Während Studiengänge wie Jura oder Betriebswirtschaft überlaufen sind, wird man in der Theologie oft noch persönlich begrüßt. Die Fakten sprechen eine klare Sprache: Innerhalb von nur fünf Jahren ist die Zahl der Studierenden in evangelischer Theologie um fast 35 Prozent eingebrochen, in katholischer Theologie um knapp 30 Prozent. Die Zahl der Studienanfänger hat sich auf weniger als 1.000 Studierende halbiert, die der kirchlichen Prüfungen – also der Absolventen, die tatsächlich den Weg ins Pfarramt anstreben – ist auf ein historisches Tief gesunken. Was hier sichtbar wird, ist kein kurzfristiger Trend, sondern ein struktureller Bedeutungsverlust, und die Universitäten sollten darauf reagieren.

Ein Spiegel der säkularen Gesellschaft

Die Entwicklung folgt einem klaren gesellschaftlichen Wandel: Deutschland wird zunehmend säkular, die Bindung an die Kirchen schwindet. Für viele junge Menschen ist die Theologie weder intellektuell attraktiv noch beruflich relevant. Die kirchliche Prüfung, das Tor zum Pfarrberuf, nahmen in der katholischen Theologie 2023 nur noch 25 (!) Absolventen auf sich – eine Zahl, die den Bedeutungsverlust drastisch vor Augen führt.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine schrittweise Reduzierung theologischer Fakultäten an deutschen Universitäten nicht nur sinnvoll, sondern überfällig. Universitäten sind keine Museen für überkommene Institutionen, sondern Orte der Erkenntnis, der Innovation und der Vorbereitung auf die Herausforderungen der Zukunft.

Wenn ein Fachbereich über Jahre hinweg an Bedeutung verliert, stellt sich zwangsläufig die Frage nach seiner weiteren Finanzierung. Warum sollten weiterhin erhebliche Ressourcen in kaum ausgelastete Studiengänge, unterbesetzte Seminare und kostspielige Strukturen samt Personalkosten fließen? Die ehrliche Antwort kann nur lauten: Die institutionelle Präsenz der Theologie gehört auf den Prüfstand.

Die Mittel, die derzeit in rund 50 theologische Fakultäten investiert werden, könnten in andere, gesellschaftlich relevantere Bereiche umgeleitet werden: in die Pflegewissenschaften, die angesichts des demografischen Wandels massiv unter Fachkräftemangel leiden, in die MINT-Fächer, die für die digitale Transformation zentral sind, oder in die Ausbildung von Lehrkräften. Auch innerhalb der Geisteswissenschaften gäbe es Alternativen mit größerem Zukunftspotenzial – etwa die Religionswissenschaft, die Religion aus einer analytischen, nicht-bekenntnisgebundenen Perspektive untersucht, oder die Bereiche Philosophie und Ethik, die in einer pluralistischen Gesellschaft unverzichtbar sind.

Zeit für institutionelle Konsequenzen

Es entsteht der Eindruck, dass theologische Fakultäten einen politischen Bestandsschutz genießen, der sich sachlich kaum noch rechtfertigen lässt. Doch Universitäten sind keine Reservate für institutionelle Traditionen, sondern dem freiheitlichen Gemeinwohl verpflichtet. Es verwundert, warum eine strukturelle Reduzierung theologischer Fakultäten von keiner demokratischen Partei, sei es SPD, Grüne oder FDP, bis dato gefordert wurde.

Die staatliche Finanzierung bekenntnisgebundener Theologie wirkt wie ein Anachronismus: Der Staat subventioniert indirekt kirchliche Aufgaben und privilegiert eine bestimmte Weltanschauung innerhalb des Wissenschaftssystems. Dass ein Fach, das an Glaubensvoraussetzungen gebunden ist, zugleich den Status einer Wissenschaft beansprucht, bleibt dabei ein grundlegender Widerspruch.

Diese problematische Verflechtung wird aktuell sogar noch vertieft: An der Universität Münster entsteht eine eigenständige Fakultät für islamische Theologie. Was auf den ersten Blick wie ein Schritt in Richtung religiöser Pluralisierung erscheinen mag, verstärkt bei näherer Betrachtung genau jenes Grundproblem: Der Staat baut die institutionelle Verankerung bekenntnisgebundener Theologie weiter aus, anstatt sie zu hinterfragen.

Statt Rückbau: Ausbau

Mit der neuen Fakultät werden ab diesem Juli nicht nur zusätzliche Professuren geschaffen, sondern auch umfassende akademische Strukturen etabliert – einschließlich des Rechts, eigenständig Promotionen und Habilitationen durchzuführen. Damit wird einer religiös gebundenen Disziplin ein voller wissenschaftlicher Status verliehen, obwohl sie per Definition nicht weltanschaulich neutral arbeitet. Anstatt die Trennung von Wissenschaft und Bekenntnis zu schärfen, wird sie weiter verwischt.

Zugleich sendet dieser Ausbau ein politisches Signal: Wer neue theologische Fakultäten schafft, legitimiert indirekt auch die bestehenden. Der ohnehin fragwürdige Bestandsschutz wird so nicht nur fortgeschrieben, sondern aktiv im Namen religiöser Gleichbehandlung stabilisiert.

Ein konsequenter Schritt wäre daher nicht nur die strukturelle Reduzierung theologischer Fakultäten, sondern auch eine klare Trennung von Staat und Kirche im Bildungsbereich. Die Ausbildung kirchlichen Personals sollte in die eigenverantwortlichen Strukturen der Religionsgemeinschaften überführt werden.

Unterstützen Sie uns bei Steady!