Es gibt Metaphern, die überzeichnen. Und es gibt solche, die beunruhigend exakt sind. Donald Trump und Wladimir Putin als Piraten gehört zur zweiten Kategorie. Zwei Machtpolitiker, die Recht nicht als Grenze, sondern als Werkzeug begreifen, die Staaten wie Beute behandeln und Menschenrechte nur dann erwähnen, wenn sie dem eigenen Vorteil dienen. Die Ereignisse der letzten Tage, insbesondere der US-Militärangriff auf Venezuela und die gewaltsame Abführung von Nicolás Maduro, machen diese Logik brutal sichtbar.
Beide – Donald Trump und Wladimir Putin – eint ein archaisches Machtverständnis. Politik ist kein Aushandlungsprozess, sondern ein Kräftemessen. Wer militärisch oder ökonomisch überlegen ist, setzt sich durch. Wer schwach ist, wird unterworfen. Regeln gelten nur selektiv. Das ist keine Entgleisung, es ist das Programm.
Putin folgt dieser Logik seit Jahren offen. Der Angriffskrieg gegen die Ukraine, die Annexion von Territorium, die gezielte Zerstörung ziviler Infrastruktur, all das basiert auf der Annahme, dass Gewalt Fakten schafft. Souveränität zählt nur für Staaten, die sie verteidigen können. Menschenleben sind in diesem Kalkül Kollateralschäden. Russland agiert nicht als Rechtsstaat, sondern als imperiale Beutegemeinschaft, abgesichert durch Repression und Propaganda.
Trump agiert anders im Stil, aber nicht im Prinzip. Der nächtliche US-Angriff auf Venezuela, die militärische Operation zur Festnahme des amtierenden Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Ehefrau, die gewaltsame Verbringung außer Landes, markieren eine neue Eskalationsstufe. Ein souveräner Staat wurde ohne UN-Mandat militärisch angegriffen, seine politische Führung entführt. Das ist kein diplomatischer Zwischenfall, das ist ein Angriffskrieg.
Die Rechtfertigungen aus Washington folgen dem bekannten Muster. Demokratie, Sicherheit, Stabilität. Doch wer genau hinsieht, erkennt die Leerstelle. Weder lag ein akuter Selbstverteidigungsfall vor, noch ein Mandat des Sicherheitsrates. Das Völkerrecht wurde nicht interpretiert, sondern ignoriert. Dass Maduros Regierung autoritäre Züge trägt, ist kein Freibrief für militärische Intervention. Menschenrechte lassen sich nicht durch Bomben und Entführungen exportieren.
Die venezolanische Regierung sprach folgerichtig von militärischer Aggression und mobilisierte Verteidigungskräfte. International folgte scharfe Kritik. Staaten Lateinamerikas, China und weitere Akteur:innen warnten vor einem gefährlichen Präzedenzfall. Zu Recht. Denn wenn die Entführung eines Staatsoberhauptes durch eine Großmacht akzeptabel wird, dann ist jede internationale Ordnung nur noch Fassade.
Hier zeigt sich die strukturelle Nähe zwischen Trump und Putin besonders deutlich. Beide beanspruchen das Recht, über die Souveränität anderer zu entscheiden. Beide setzen Gewalt als legitimes Mittel politischer Gestaltung ein. Beide verachten multilaterale Institutionen, sobald diese ihre Macht begrenzen. Zwei Piraten, unterschiedliche Flaggen, dieselbe Logik.
Die Vorstellung, die Welt werde zwischen diesen Akteuren aufgeteilt, ist keine Verschwörungstheorie. Sie geschieht faktisch. Russland reklamiert Einflusszonen in Osteuropa. Die USA beanspruchen das Recht, in Lateinamerika Regierungen zu stürzen. Nicht koordiniert, aber komplementär. Jede Grenzüberschreitung des einen schwächt die Normen, die auch den anderen bremsen könnten.
Die Leidtragenden sind immer dieselben. Zivilist:innen in der Ukraine, deren Städte zerbombt werden. Menschen in Venezuela, die seit Jahren unter Sanktionen leiden und nun zusätzlich militärischer Gewalt ausgesetzt sind. Oppositionelle, Journalist:innen, Minderheiten, deren Leben zwischen geopolitischen Interessen zerrieben werden. Humanitäre Rhetorik ersetzt keine humanistische Politik.
Humanistisch betrachtet ist diese Entwicklung ein Rückfall in vorkonstitutionelles Denken. Menschenrechte sind universell oder sie sind bedeutungslos. Wer Putins Angriffskrieg verurteilt, aber den US-Angriff auf Venezuela relativiert, verteidigt keine Werte, sondern Machtblöcke. Wer Gewalt nur dann benennt, wenn sie von geopolitischen Gegnern ausgeht, macht sich unglaubwürdig.
Ein Humanismus, der diesen Namen verdient, muss klar sein. Gegen Bomben in Kiew wie gegen Kommandoaktionen in Caracas. Gegen Annexion wie gegen Entführung. Gegen offene Kriege wie gegen militärisch erzwungenen Regimewechsel. Das Gewaltverbot gilt nicht optional.
Es wäre bequem, Trump als unberechenbaren Egomanen und Putin als autoritären Despoten zu isolieren. Doch das greift zu kurz. Beide sind Ausdruck einer politischen Kultur, die Stärke mit Rücksichtslosigkeit verwechselt und Moral zur PR-Floskel degradiert. Wer ihnen nur mit selektiver Empörung begegnet, stabilisiert genau jene Ordnung, die solche Taten ermöglicht.
Die entscheidende Frage ist nicht, wie diese Piraten ihre Einflusssphären definieren. Die Frage ist, ob demokratische Gesellschaften bereit sind, dem etwas entgegenzusetzen. Mit Konsequenz statt Doppelmoral. Mit Recht statt Gewalt. Mit einem Humanismus, der nicht an Landesgrenzen endet.
Erstveröffentlichung auf der Website des Humanistischen Verbands Österreich.






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