Gegen religiöse Infiltration des Schulunterrichts

PARIS. (lp/hpd) Auf dem Kongress der französischen Freidenker (La Libre Pensée) Ende Juni präsentierte Pascal Clesse die Zusammenfassung

einer Studie zu der Frage des Religionsunterrichts in Europa und Frankreich. Die Studie gelangt zu einer Reihe auch für die aktuelle Diskussion in Deutschland wichtigen Schlussfolgerungen.

 

So wies Herr Clesse zunächst darauf hin, dass der „Unterricht zum Religiösen", der EU-Richtlinie 1720 (angenommen durch das Europäische Parlament am 4. Oktober 2005) unterliegt: In Frankreich ist es insbesondere die auf Initiative des Abgeordneten JP Brard durchgeführte Änderung des Gesetzes Fillon, vom 14. Februar 2005, die Sorgen bereitet.

Die EU-Richtlinie anerkennt ausdrücklich, in ihrem § 13, die religiösen Wurzeln der europäischen Werte, so wie sie vom Europarat verteidigt werden: "Die Versammlung stellt ferner fest, dass die drei monotheistischen Religionen des Buches gemeinsame Wurzeln (Abraham) haben und viele Werte mit anderen Religionen teilen und dass diese Werte den Ursprung der vom Europarat vertretenen Werte bilden."

Der Wortlaut der EU-Richtlinie wurde bereits lange vorher in Diskussionen mit Vertretern der monotheistischen Religionen in Europa vorbereitet. Dazu gehört, beispielsweise, die Konferenz von Oslo vom 6.-8. Juni 2004 mit Vertretern der Ministerien für Bildung der verschiedenen Mitgliedstaaten der Europäischen Union und in Anwesenheit des Vertreters des Vatikans. Dazu zählt auch die Sitzung der EU-Kommission "Kultur, Wissenschaft und Bildung" in Paris am 2. Dezember 2004.

Die heutige Diskussion über die Einführung des Religionsunterrichts basiert vor allem auf den Schlussfolgerungen der Konferenz von Oslo. Diese Schlussfolgerungen schreiben fest, dass die religiöse Bildung sich in den größeren Rahmen des „interkulturellen Dialogs" integrieren muss, um „den Dialog mit und zwischen den Religionen und den sozialen und kulturellen Ausdruck der Religionen" zu fördern. (vgl. § 6). Das Ministerkomitee, erinnert in seiner Antwort (Dok. 10944 § 2; 31. Mai 2006), „an die neue Herausforderung der interkulturellen Erziehung: religiöse Vielfalt und Dialog zwischen den Religionen, die sich sowohl die interkulturelle Erziehung zum Ziel setzt als in diesem Zusammenhang auch die der religiösen Dimension in der Schule berücksichtigt."

Ziel dieses Unterrichts ist es, „den Schülern die Religionen, die in ihrem Land und bei ihren Nachbarn praktiziert werden, näher zu bringen, ihnen zu zeigen, dass jeder das gleiche Recht hat zu glauben, dass ihre Religion ‚die wahre ist', und dass durch die Tatsache, dass Andere verschiedene Religionen haben, oder keine haben, sie sich als menschliche Wesen nicht unterscheiden (vgl. § 14-1). Das heißt, es geht darum, dass die jungen Generationen „den Sinn der Toleranz, die Ausübung der demokratischen Zivilgesellschaft durch eine gute Kenntnis der verschiedenen Religionen erwerben".

Analog zu diesen Festlegungen stellt der Änderungsantrag von JP Brard fest, dass, nach ihm, dieser Unterricht „in diffuser Art in den Programmen vieler Disziplinen verbreitet ist: Geschichte, Geisteswissenschaften, bildende Kunst oder Musik". Er schlägt vor, ihn besser strukturiert auch auf andere Disziplinen wie "Sprachen, Philosophie" auszudehnen.

Herr Clesse resümiert: „Es ist klar, dass die Einführung eines solchen Unterrichts de facto und trotz kirchlichen Vorsichtsmaßnahmen von verschiedenen Seiten, den säkularen Charakter der Schule in Frage stellt: Nach ihm sind die Grundlagen und Ziele dieser Aktionen explizit religiös, weil:

  • Wie anders ist der Verweis auf die Wurzeln der religiösen Werte, wie er vom Europarat verteidigt wird, in einem Rechtsakt über die Einrichtung eines neuen Unterrichtswesens zu verstehen?
  • Wie anders ist die Erklärung des Ministerkomitees zu verstehen, die an die Notwendigkeit zur Berücksichtigung, "der religiösen Dimension in der Schule" erinnert, zu interpretieren?
  • Wie soll man nicht besorgt sein, wenn der Änderungsvorschlag von Herr Brard über eine Veränderung hin zu einem stärker strukturierten Unterricht des Religiösen spricht, und dabei impliziert, dass ein Unterricht, der lediglich die Religionen als ein Faktor unter anderen behandelt, im Geschichtsunterricht zum Beispiel, unzureichende Bildung ist? Soll man nun die Religionen als strukturierenden Faktor der Kulturen und des Gewissens der Völker privilegieren?

 

Die Freidenker erklären, dass sie einer Schule verbunden sind, die erzieht, das heißt, die im Rahmen von Lehrplänen und auf der Grundlage von nationalen Programmen, Wissen zu Naturwissenschaften, Geschichte, usw. vermittelt, damit die jungen Generationen eine Allgemeinbildung erwerben. Deshalb fragen sie, ob es den kirchlichen Lobbyisten noch um Unterricht und Bildung geht?
Konkret:

  • Kann man noch von allgemeiner Kultur sprechen, wenn das „Religiöse" willkürlich nur auf die Religionen der Welt von heute, auf den begrenzten Raum des europäischen Kontinents begrenzt ist, und der Unterricht die alten Mythologien verschweigt?
  • Handelt es sich um erziehen oder um beeinflussen, wenn das erklärte Ziel die „Erziehung zur Toleranz", die Entwicklung von „sozialen und zivilen Kompetenzen", und „die Teilnahme an den Aufbau des Gefühls der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Bürger" ist?
  • Nach P. Clesse ist das tatsächliche Ziel der „Reformer" die Förderung der religiösen Form, d.h. die Ausnutzung des gesamten Glaubens als Wesen eines gemeinschaftlichen Bewusstseins und ganz allgemein des europäischen Bewusstseins. Das heißt, es geht darum, den jungen Generationen zu sagen: Sie müssen an etwas glauben um Teil einer Gemeinschaft werden zu können. So kann man sich nur besorgt fragen, wann das „Religiöse" sich endgültig mit Gewalt in die Lehrfächer drängt, damit es die Rolle der Polizei der Vorstädten, auf Kosten der Kultur der Verstandes, spielt.

 

Herr Clesse nannte zum Abschluss zwei Beispiele der Verletzung des Laizismus durch die Anwendung der EU-Richtlinie und die Änderung des Gesetzes Fillon durch die Gesetzesänderung Brard:
So gibt es das EU-Programm REDCO: „Die Religion in der Lehre: einen Beitrag zur Debatte in Europe". Wie die Präsentation der Broschüre zeigt, handelt es sich um eine interdisziplinäre Forschungsgruppe, die „in den Bereichen der Soziologie, Politikwissenschaft, Ethnologie, Theologie, der Islamischen Studien-, Erziehungswissenschaft und Religionsunterricht" wirkt. Das Forschungsprogramm soll von März 2006 bis Februar 2009 gehen. Was sind seine Ziele?
„Die REDCO Ergebnisse sollen es ermöglichen, besser zu verstehen, wie die Religion und die Religiosität von Kindern, Jugendlichen und Studenten in den Bildungsprozess integriert werden können, um, ein Verständnis der Werte und der Entwicklung gegenseitiger Achtung zu fördern ".

Es geht, so Herr Clesse, eindeutig um die Integration der Religiosität der Schüler in den Bildungsprozess, es handelt sich also nicht mehr um Religionsunterricht!

„Müssen die Lehrer jetzt die durch ihre Schüler praktizierte Religion berücksichtigen, um ihre Kurse zu gestalten?" fragt Herr Clesse.

Ergänzend wird darüber informiert, dass zu den Institutionen, die mit diesem Programm von der Europäischen Kommission finanziert werden, neben einigen ausländischen Universitäten, die Sorbonne und die christliche Akademie für Geisteswissenschaften Russlands in St. Petersburg gehören! Auch das Europäische Institut für Religionswissenschaften (IESR) beteiligt sich an dem REDCO-Programm. Und: Herr JP Brard ist Mitglied des Verwaltungsrats des IESR!

Herr Clesse erinnert daran, dass das IESR, im Jahr 2006 gegründet wurde, „für die Teilnahme an der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften und Ausbildern in der Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen in der Kenntnis der religiösen Fragen..." (Art. 2 des Dekrets vom 6/03/06). Das IESR hat daher den Status einer Universität und beteiligt sich an die Ausbildung der Lehrer an öffentlichen Schulen.

Die Freidenker sind der Auffassung, dass die Beteiligung des IESR und der EPHE-Sorbonne an das Programm REDCO, die auch Theologie und Islamische Studien in ihren Studiengängen und Forschung enthalten und in Partnerschaft mit religiösen Instituten arbeiten, ein Angriff auf den Laizismus ist, und fordert den Abzug des IESR und der Sorbonne aus diesem Programm.

Als zweites Beispiel wird die Wirkung des Bürgerzentrums für Studien zu religiösen Fragen in Montreuil dargestellt. Das CCEFR (Centre d'Etude du Fait Religieux) wurde 2003 von der Stadt Montreuil gegründet und stand unter der Leitung von JP. Brard! Nach Eingang der Genehmigung des Rektorats von Créteil, ist das CCEFR berechtigt, die Ausbildung der Lehrer der Schulen und Gymnasien der Stadt, im Rahmen von kostenpflichtigen öffentlichen Vorträgen oder Seminaren zu gewährleisten. Eine detaillierte Namensliste beweißt, dass die meisten für die Ausbildung der Lehrkräfte verantwortliche Referenten Theologen sind.

Die Wahrnehmung der Ausbildung von Lehrern an öffentlichen Schulen durch Theologen ist aber eine Verletzung der Gesetze von 1886, welche die Basis des laizistischen Schulsystems sind. Die Freidenker fordern auch hier, dass das Ministerium für nationale Erziehung beim Direktor des CCEFR interveniert, damit der Laizismus respektiert wird, oder dass das Rektorat von Créteil das CCEFD von Montreuil die Zulassung entzieht.

Das Fazit von Herr Clesse ist sehr scharf: Nach seiner Meinung zeigen alle diese Elemente, dass der Widerstand gegen die Lehre des Religiösen nicht unabhängig vom Kampf gegen die Europäische Union stattfindet, das bedeutet, gegen das „vatikanische Europa" zu führen ist. Dieser Kampf muss mit der Forderung nach Wiederherstellung einer Schule „die unterrichtet" verbunden werden und soll sich dabei auf den Widerstand der Lehrer stützen. Wie die konkreten Modalitäten dieses Kampfes zu gestalten sind, wollen die Freidenker auf ihrem nächsten Kongress entscheiden.

Übersetzung : R. Mondelaers

 

Quelle: librepenseefrance