„Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen“

3. Frontstellungen und Feldzüge

Wie ist es möglich, dass ein transzendentes allmächtiges, allwissendes und allgütiges Wesen, das sich, wie erwähnt, den Menschen offenbaren will, dies in einer Art und Weise tut, die als Ergebnis eine ganze Reihe einander widersprechende Botschaften hervorbringt? Botschaften und Bekenntnisse, die sich gegenseitig bekämpfen, verspotten, unterdrücken, womöglich vernichten? Bekenntnisse, die sich nur in dem einen Punkt einig sind, nämlich die naheliegende, sich geradezu aufdrängende Antwort auf diese Fragen abzuwehren: dass es sich also offenkundig bei all diesen heiligen Verlautbarungen gar nicht um Offenbarungen handeln kann, sondern schlicht um Menschenwort und Projektion, um die Äußerungen von Menschen, die sich als Mundstück eines Gottes missverstanden. Sloterdijk entwickelt in seiner Schrift ein Raster mit insgesamt 12 Feldern, in die er die verschiedenen möglichen inter- und intramonotheistischen Frontstellungen (vom christlichen Antijudaismus, dem islamischen Antichristianismus usw. bis zum christlichen Antichristianismus und islamischen Antiislamismus) einträgt und erläutert.

Was die Feldzüge der Monotheismen zur (zumindest spirituellen) Eroberung und Unterwerfung des Erdkreises betrifft, so ist, wie Sloterdijk ausführt, für das Judentum kennzeichnend, sich, während der längsten Zeit seiner historischen Existenz, auf einen „defensiven Universalismus“ (S.79) beschränkt zu haben. Will sagen: Im Unterschied zu Christentum und Islam kann von einer offensiven Missionierung anderer Völker oder Erdteile, trotz eines gewaltigen theologischen Überbaus, der den einen Gott als höchste Instanz für alle und alles einsetzt und an ihm durch die Jahrtausende festhält, keine Rede sein. Viel zu sehr war dieses Volk Gottes unfreiwillig damit beschäftigt, sich in Exil, Zerstreuung und Verfolgung als Volk überhaupt zu erhalten und zu identifizieren.

Anders die Geschichte der Ausbreitung des Christentums über den Erdball. Hier wird, nach einer kurzen Phase der Unterdrückung durch das Imperium Romanum, die Offensive gegenüber allen anderen Religionen und Kulturen zum Programm. Die Geschichte wird zur Weltgeschichte, und diese Weltgeschichte hat - vorgebildet in der jüdischen Erwartung des Messias - ein Ziel: sie ist der Prozess der Unterwerfung aller Völker und Menschen unter die eine Heilsbotschaft, einmündend in das Jüngste Gericht am Ende aller Zeiten. Wer sich diesem Zug nicht anschließen will, gerät nicht nur in ein Abseits, er sieht sich schärfsten Drohgebärden und detailreich ausgemalten Bestrafungsszenarien gegenüber. Wen die Liebe des Apostels und die gute Nachricht, die er überbringen will, nicht überzeugt, wird ohne Umstände „mit ewigem Verderben“ bestraft (2 Thess 1,9). „Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht“ (1 Kor 16,22).

Dem großen Kirchenlehrer Aurelius Augustinus kommt dann das Verdienst zu, einen Weg gefunden zu haben, solche, an sich nicht mehr steigerbaren Schrecknisse von Hölle und ewiger Verdammnis noch zu überbieten. Seine Lehre von der Prädestination, von der ewigen Vorherbestimmung des Einzelnen sei es für die Seligkeit, sei es für die Verdammnis, enthüllt sich bei näherer Betrachtung „als das abgründigste System des Schreckens, das die Geschichte der Religionen kennt“ (S. 89).

„Er darf das Privileg in Anspruch nehmen, mehr als jeder andere einzelne Gläubige,
Paulus ausgenommen, zur Verwirrung, ja Neurotisierung einer Zivilisation beigetragen zu haben“
(S. 89).

Solche Drohungen und Einschüchterungen bilden den nicht wegzudenkenden Hintergrund der Christianisierung zunächst Europas, dann auch - vom 16. bis 18. Jahrhundert - der neu entdeckten und eroberten anderen Erdteile. Neben solch psychologischen Kampfmitteln ist freilich gleichrangig oder sogar vorrangig die politische Strategie der Fürstenbekehrung als Motor der Weltmission in Rechnung zu stellen, deren erstes und folgenreichstes Beispiel bereits im 4. Jahrhundert die konstantinische Wende bildet. Dass auf Seiten der Fürsten hier in aller Regel höchst unfromme Kalküle den Ausschlag zugunsten des christlichen Glaubens gaben, kann ebenfalls an Konstantin (einem Vielfachmörder und Herrscher von ausgesuchter Skrupellosigkeit - die seiner Heiligsprechung durch die Ost-Kirchen freilich nicht im Wege stand) studiert werden. Auch wird heute gerne verschwiegen, dass solche Mission „zumeist als Partner und Parasit“ (S. 96) eines in der Wahl seiner Mittel und Ziele denkbar unbekümmerten Kolonialismus auftrat.

Kein Zweifel: das Christentum, als kulturelle Größe, bietet heute ein Bild, das all diese Ungeheuerlichkeiten seiner Geschichte kaum mehr erahnen lässt. Der jahrhundertelange Kampf des Christentums mit philosophischer Aufklärung hat den Kirchen gewiss keinen Sieg gebracht, hat ihnen aber zu jener heilsamen und „wohltätigen Schwächung“ (S. 101) verholfen, von der sie heute in ihrer Selbstdarstellung, ja sogar in ihrem Selbstverständnis profitieren: sie wissen, dass sie - so schwer es auch sein mag - mit ihrer Botschaft überzeugen müssen und dass keine noch so wohlwollende staatliche Hilfestellung (wie sie hierzulande geübt wird) ihr Überleben langfristig sicherstellen kann.

Was den Islam betrifft, so ist sein Universalismus, seine Tendenz zur Welteroberung keinen Augenblick zu bezweifeln. Den Unterschied zum Christentum macht die von Anfang an, also die vom Propheten selbst vorgegebene und vorgelebte Einheit von politisch-militärischem Kalkül und religiöser Mission. Von der Urgemeinde an bis heute ist die völlige, also psychische und physische Hingabe an die vom Propheten verkündeten Weisungen Allahs oberste Pflicht jedes Gläubigen: er hat sie fünfmal am Tag in Form des Pflichtgebets psychisch und (mit jeweils 17 Verbeugungen und 2 Niederwerfungen) auch physisch zu vollziehen.

„Was in den muslimischen Gebetshäusern, diesen Gymnasien der Andacht, geschieht, dient also nicht allein der Manifestation des Glaubens. Die physisch und psychisch alltäglich zelebrierte Beziehung zur Transzendenz wird ebenso sehr als Sich-in-Form-Halten für Projekte heiliger Streitsamkeit wirksam.“ Damit ist dem Islam „die vollkommene Einbindung des Eiferertums in die Alltäglichkeit geglückt.“ (S. 105)

Wie aber kommt es zur aktuellen, emotional aufgeladenen Konfrontation zwischen dieser Religion und, pauschal gesagt, „dem Westen“? Sloterdijk zeigt auf, wie insbesondere vom 15. und 16. Jahrhundert an, durch die überlegene europäische Seefahrt und den Übergang Europas zur modernen Eigentumsökonomie mit seiner Innovationsdynamik die islamische Welt insgesamt, eingesperrt „in das Gefängnis ihrer Traditionen“ (S. 108), ins Hintertreffen geriet und der Stolz über ihre früheren Leistungen sich in eine bis heute andauernde Kränkungsneurose verwandelte.

„Seither liegt über der hochgradig thymotisch geprägten Kultur der islamischen Länder der Schleier des Zorns, der von den widersprüchlichen Affekten des Verlangens nach Glanz und Vorrang sowie der chronisch erlebten Zurücksetzung gesponnen wird.“ (S. 109)

Solche Beleidigung fordert Reaktionen heraus. Das aktuelle Bild des Islam zeigt, in welch unterschiedlicher Weise nach Auswegen gesucht wird. Es gibt den Blick nach vorn: den Versuch, den eigenen religiösen Wurzeln treu zu bleiben und doch den Anschluss an die Kultur der Moderne zu finden. Dies ist, wie es den Anschein hat, der Weg der wenigen. Und es gibt den Weg der restaurativen Verschärfung, den Weg „des entschlossenen Nicht-Lernens“, des „Nicht-Hörens auf die Stimmen der Gegenwart“ (S. 110), wie er in den eifernden Gottesstaaten begangen und von Gruppen beschritten wird, die den „Heiligen Krieg“ auf ihre Fahnen geschrieben haben und das Paradies als Märtyrer einer heiligen Sache erwarten.