4. Die Logik des Eiferns und Versuche der Entspannung
Wenn wir in keinem der drei Monotheismen befangen sind und sie mit kühlem Blick von außen betrachten: Nach welcher Regel, nach welchem Programm funktionieren sie? Welche Struktur macht sie, noch unabhängig von allen psychologischen Faktoren, so wirkungsvoll und mächtig? - Sloterdijk macht hier, im Anschluss an die abrahamitische Meditation, auf die „suprematistische Denkbewegung“ aufmerksam, die „über zahlreiche Stufen zur Höhe des Über-Besten“ aufsteigt (S.120). Diesem Über-Besten sind dann folgerichtig alle Eigenschaften in Vollkommenheit zuzueignen, die nach menschlichem Ermessen gut sind. Er ist jedenfalls als Person zu denken (zu konzipieren), als Herrscher, als Allmächtiger, als Schöpfer aller Dinge, als Gesetzgeber und Allwissender. Gegenüber solch absolutem Königtum (personifiziert in Jahweh, Allah und dem Königtum Christi) kommen auf menschlicher Seite nur die Positionen von Vasallen, Mitarbeitern oder Dienern in Betracht, deren höchster und einziger Ehrgeiz es sein kann, gehorsam zu sein bis - wohin? Dafür gibt es im Grunde keine interne Schranke. Im Ernstfall, wenn es , wie gesagt, ums Ganze geht - und angesichts unendlich folgenreicher Entscheidungen gibt es prinzipiell keinen anderen als den Ernstfall - ist jedes Opfer gerechtfertigt und sogar leicht zu erbringen: vom alltäglichen Leben im Gehorsam gegen die göttlichen Gebote über das unblutige sacrificium intellectus (dem vielfach beschworenen und gelobten Opfer des eigenen Verstandes und des Selbstdenkens) bis zum blutigen Martyrium und Selbstmordattentat ist alles möglich und begründbar. Urvater Abraham hat es vorgelebt: er glaubte unerschütterlich und zögerte keinen Augenblick, auch seinen eigenen unschuldigen Sohn zu töten - als seltsames Vorbild für den christlichen Vatergott, der es sich nicht versagen konnte, ebenfalls seinen eigenen unschuldigen Sohn dem schrecklichen Tod am Kreuz auszuliefern - in diesem Fall ohne das hilfreiche Einschreiten eines dienstbaren Engels.
Neben dieser personalen Variante des Suprematismus werden von Sloterdijk auch zwei apersonale Möglichkeiten abgehandelt: das Höchste als der ewige Seinsgrund (wie es z.B. in der indischen Meditationspraxis gelebt wird) und das Höchste als die vollständige Durchsichtigkeit (Intelligibilität) allen Seins (wie es z.B. in der Idee einer Weltformel zum Ausdruck kommt). Er beleuchtet sodann die Komplikationen, die sich daraus ergeben, dass die Konzeption eines personalen Höchsten und Einzigen, die durch das Herunterzählen von der Vielheit der Dinge auf die Eins des Einen zustande kommt, sich dennoch in der grundsätzlich mehrwertigen Sprache der Menschen bemerkbar und verständlich machen muss - einer Sprache, die, aufbauend auf dem sinnenbezogenen und perspektivischen menschlichen Erkennen, immer der Gefahr ausgesetzt ist, die Wahrheit des einen Seins zu verfehlen und falsche Sätze in Umlauf zu bringen:
„Diese Eins ist die Mutter der Intoleranz. Sie fordert das radikale Entweder, bei dem das Oder gestrichen wird… Wir rühren hier an die Tiefenstruktur des ikonoklastischen Syndroms. Wenn in den rigiden Monotheismen die Bilder verpönt sind, so nicht bloß, weil sie die Gefahr des Götzendienstes verkörpern. Die Unannehmbarkeit der Bilder geht mehr noch auf die Beobachtung zurück, dass diese niemals nur der reinen Wiedergabe des Dargestellten dienen, sondern stets auch ihr eigenes Gewicht zur Geltung bringen. In ihnen kommt der Eigenwert des Zweiten als solcher zum Vorschein…In Wahrheit meint der Bildersturm den Angriff auf die Autonomie der Welt…“(S. 136f.)
Das eklatante Beispiel für den Versuch, „in die für Menschen unmögliche einwertige Sprache zurückzugehen“ (S. 138), ist das frühmonotheistische Wort der Propheten. Es bringt nicht die persönliche Meinung des Sprechers zum Ausdruck, der man auch widersprechen könnte, vielmehr ist es so: „nichts kann ihm widersprechen, da es aus einer Sphäre ohne Reflexion und ohne zweite Meinung stammen will.“ Es „ist kein Beitrag unter dem Palaverbaum. Es setzt jeder Debatte ein Ende, indem es sagt, was ist und was sein soll.“(S. 139)
Besonders in diesen Passagen des Buches (S. 132ff.), in denen eine an sich hoch abstrakte philosophische Materie abgehandelt wird, ist das Vergnügen Sloterdijks spürbar, das ihm sein Denken und sein sprachliches Können offenkundig bereiten.
Wer die Gefährlichkeit personaler Suprematismen sieht (und sie sind, wenn man die Menschheitsgeschichte betrachtet, nicht zu übersehen), muss sich fragen, wie eine mögliche Entsuprematisierung und Entradikalisierung aussehen könnte. Sloterdijk handelt diese Frage in einem Kapitel über „Pharmaka“ ab. Er kann dabei auf Heilmittel verweisen, die in den Suprematismen selbst entwickelt wurden: in islamischen Gesellschaften der dhimmi-Status von Nicht-Muslimen, denen auf diese Weise (bei Entrichtung einer Kopfsteuer) die Wahl zwischen Bekehrung oder Tod erspart blieb. Diese Möglichkeit eines dritten Weges, vergleichbar einem Grauton zwischen Schwarz und Weiß, kann als intelligenter Ausweg aus einem unerkannt selbstproduzierten Dilemma betrachtet werden - insofern wiederum vergleichbar der Erfindung des Fegefeuers im christlichen Mittelalter, das gleichfalls ein genialer Einfall war, um die unannehmbar gewordene Alternative zwischen Himmel und ewiger Verdammnis (letztere wäre für die übergroße Mehrzahl aller Menschen unausweichlich gewesen) aufzulockern. Die Religionen selbst entdeckten also
„die Aufgabe, das prophetische Feuer, aus dem sie entspringen, zu drosseln, ohne es zu löschen. Das Geheimnis ihres Überlebens lag in ihrer Fähigkeit, die ihnen inhärente Maßlosigkeit mit bordeigenen Mitteln zu zügeln.“ (S. 161)
In der Moderne schließlich taten die „negative Theologie“ (die den Höchsten von allen benennbaren, mithin menschlichen Eigenschaften befreite und insofern in eine wohltätige Unsagbarkeit und Vagheit entrückte) und die Hermeneutik („als Kunst des mehrsinnigen Lesens“ (S. 162)) ein übriges, um die monotheistischen Überspanntheiten zu lindern und den Blick für Humanität wieder frei zu bekommen. Dass solche Lernprozesse noch keineswegs abgeschlossen sind, ist offensichtlich; dass sie andauern, ist zu hoffen.





