2. Die Dreifaltigkeit der Monotheismen
Damit rückt die Entstehungsgeschichte der drei Monotheismen ins Blickfeld, also die Art und Weise, wie sie - „einer Drei-Phasen-Explosion (oder einer Sequenz feindlicher Übernahmen) vergleichbar“ (S.36) - auseinander hervorgegangen sind. Am Anfang dieser Entwicklung (etwa 1500 - 1200 Jahre vor der Zeitenwende) steht die, von Thomas Mann (in: Joseph und seine Brüder) poetisch nachempfundene, abrahamitische Meditation, die den „Urvater“ zu dem Gedanken führt, nicht die Erde, auch nicht der gestirnte Himmel seien seiner Verehrung würdig, diese könne nur einem überaus erhabenen, gewaltigen und jenseitigen Wesen, also „dem Höchsten allein“ zukommen. Nur dieser Eine sei seiner Anbetung würdig - eine Denkfigur, die sofort erkennen lässt, wie sehr dieses menschliche Auswählen des Einzigen und Höchsten die Bedeutsamkeit des wählenden Menschen selbst erhöht: wer zum Gefolge des Höchsten zählt, verleiht sich selbst höchste Wichtigkeit. Er wird selbst zum Auserwählten. Trotz dieser Überhöhung des Einen - die übrigen Götter „fallen notwendigerweise auf die hinteren Plätze zurück“ (S. 39) - bleiben bei Abraham (und noch Jahrhunderte nach ihm) die Eigenschaften dieses Gottes unverkennbar menschlich: „Sein Affektleben schwankt zwischen Jovialität und Tumult“ (S.39), er ist reizbar, eifersüchtig, cholerisch, selbstverliebt, ruhmbegierig, grausam, nachtragend, leicht zu beleidigen und wie immer man die typischen Eigenschaften eines despotischen Alleinherrschers benennen will. Gestatten wir uns, auch um den Kontrast deutlich zu machen, mit Sloterdijk einen Blick nach vorn auf die spätere christliche Trinitätsdogmatik:
„Dass ausgerechnet ein charismatischer Schwärmer wie Jesus sein ‚lieber Sohn’ gewesen sein soll ja sogar wesensgleich mit ihm, wie die Theologen in Nizäa statuierten, ist theopsychologisch undenkbar. Mit einem solchen Ausbund an Eigensinn kann niemand homoousios sein, schon gar nicht ein ‚Sohn’ mit jesuanischen Profilen. Was die christlichen Theologen Gott Vater nannten, war eine späte Neuerfindung zu trinitätspolitischen Zwecken. Man musste damals einen gütigen Vater einführen, der halbwegs zu dem erstaunlichen Sohn passen mochte.“ (S. 40)
Sloterdijk verweist sodann auf zwei besondere „psychopolitische Komplikationen“, die den jüdischen Monotheismus geprägt haben. Zum einen den Exodus-Mythos, die Geschichte vom Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten, bei dem der Bund dieses Gottes mit seinem Volk mit Blut besiegelt wurde: der Racheengel ermöglichte die Flucht, indem er an den mit Lammblut bestrichenen Türpfosten der Israeliten, als den Angehörigen des von ihrem Gott auserwählten Volkes, vorüberging, die ägyptischen Erstgeborenen aber, Mensch und Vieh, erschlug.
Die zweite Besonderheit der jüdischen Theologie resultiert aus den Erfahrungen des jüdischen Volkes in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft (im 6. Jhd. vor der Zeitenwende), als sich eine andere folgenreiche Denkfigur etablierte: die gegen alle Erfahrung durchgehaltene, kontrafaktisch behauptete Überlegenheit des einen Gottes über die Götter der Unterdrücker. Die Besiegten wissen sich damit, ihrer gegenwärtigen Misere zum Trotz, als die eigentlich und letztlich Siegenden; die diesseitig und vorläufig Mächtigen werden am Ende zu Schanden werden, der große Verborgene wird einst sein Volk aus der Versklavung und Niederlage erretten.
„Diese Wende bildet einen der folgenschwersten Momente in der Geistesgeschichte des späteren Westens. Hier spalten sich erstmals Geist und Macht, vormals eine diffuse Einheit, in entgegengesetzte Pole auf.“ (S. 48)
„Wahrheit und Wirklichkeit treten auseinander - dabei entsteht die Option, im Namen der Wahrheit, die von nun an wie die schärfste Waffe der Schwachen geführt wird, gegenwirkliche Werte zu propagieren, die auf der Bühne des Realen zum Scheitern verurteilt sind und doch nicht aufhören können und wollen, die Stunde ihres Triumphs vorwegzunehmen.“ (S.49)
Verknüpft mit den Namen Jesus von Nazareth und Paulus tritt als zweiter Monotheismus nach dem Judentum (sofern wir das altägyptisch-monotheistische Vorbild des Echnaton-Kults nicht mitzählen) das Christentum weltgeschichtlich in Erscheinung. Der Gott des Christentums ist im Prinzip derselbe wie sein jüdischer Vorgänger, die Unterschiede sind dennoch gravierend. Er wird, dank der strategischen Weitsicht des Paulus, vom Provinz- und Regionalgott zu einer Größe mit weitestreichenden Ambitionen: Paulus identifiziert das gesamte römische Imperium, mithin die gesamte damalige kultivierte Welt als Operationsgebiet für seine Mission. Folgerichtig kann die neu begründete religiöse Gemeinschaft sich nicht mehr stammesgeschichtlich ableiten und bestimmen, der Neue Bund - „ein paulinischer Geniestreich“ (S.51) - bezieht sich auf ein rein „pneumatisches“ Kollektiv, das sich aus den Gläubigen aller Völker zusammensetzt. Nicht mehr die leibliche Abstammung ist maßgebend, das Sakrament der Taufe gewährleistet die Zugehörigkeit.
Hatte das Judentum im alljährlich zu feiernden Pessachfest ein Ritual gefunden, das die Erinnerung, ja die Verinnerlichung einer mythischen Rache an den Unterdrückern zugleich mit einer mythischen Errettung aus der Gefangenschaft und Knechtschaft für alle künftigen Generationen von Gläubigen sicherstellte, so ist es dem Christentum gelungen, dieses Fest - in einer „piratischen Operation“ (S. 53) - ins christliche Abendmahl zu transformieren: eine ebenso absichtsvolle wie unerhörte Form von misreading („Falschlesen“) eines Ereignisses, bei dem der gekreuzigte Gottmensch selbst in die Position des zu schlachtenden und zu verzehrenden Lammes eingesetzt wird. Auf diesem Wege eignete sich auch der neue Glaube ein „unverwechselbares Maximal-Stress-Ritual“ an, „das bei seinen Teilnehmern die lebhafteste Form memoaktiver Anteilnahme gewährleistete - inzwischen bereits über eine Zeitspanne von zwei Jahrtausenden. In jeder Messe wird nicht nur das Gedächtnismahl zitiert, sondern die intime Merkbarkeit des Glaubens selbst erneuert.“ (S. 54)
Der Islam, als dritte und späteste Form eines ausgearbeiteten Monotheismus, sieht sich einerseits als Fortsetzung, andererseits als Korrektur fehlerhafter Konstruktionen seiner beiden Vorgänger. So wird insbesondere die Figur Jesu vom Stand der Gottgleichheit in den Status eines Propheten zurückversetzt, gemäß der Einsicht, „der Höchste sei in Ewigkeit allein und habe kein Kind“ (S. 58).
„Im übrigen war auch der Islam auf die Schaffung eines maximalen Stressmythos angewiesen. Er produzierte diesen in Form der für alle Gläubigen gültigen Pflicht zur Wallfahrt nach Mekka: Die Höhepunkte dieses entbehrungsreichen Unternehmens bestehen in der persönlichen Teilnahme des Pilgers an der Steinigung des Teufels und an der eigenhändigen Schlachtung eines Opfertiers.“ (S. 59)
Neben diesem Programm zur aufwühlenden Verinnerlichung der Glaubensdogmen ist für den Islam eine von Anfang an ungebremste Ausbreitungsdynamik kennzeichnend, die sich dem Umstand verdankt, dass schon bei Mohammed „die religiösen und die politisch-militärischen Impulse… in dieselbe Richtung wirkten“ (S.61). Diese „Komplizenschaft von Religion und Staatlichkeit“ (S. 62) - auch im Christentum zeitweise (sicherlich nicht zu seinem Vorteil) anzutreffen - ist, wie bekannt, bis heute nicht aufgelöst und trägt nicht unerheblich zu schwerwiegenden menschenrechtlichen Komplikationen in den betreffenden Ländern und Gesellschaften bei. Sie steht dem für die Moderne typischen Auseinandertreten und Unabhängigwerden gesellschaftlicher Teilsysteme (politische Macht, Recht, Ökonomie, Religion, Wissenschaft usw.) im Wege und hemmt deren Entfaltung.





