„Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen“

5. Nach dem Eifern: die menschlichen Aufgaben

An dieser Stelle müssen wir uns mit Sloterdijk in aller Kürze den Inhalt der Lessingschen Ringparabel (aus Nathan der Weise) ins Gedächtnis rufen: Ein kostbarer Ring mit der Fähigkeit, „sich bei Gott und den Menschen angenehm zu machen“ wird über Generationen jeweils vom Vater auf den Sohn vererbt - bis ein Vater mit drei Söhnen in Verlegenheit gerät und sich den Trick einfallen lässt, zwei weitere Ringe bei einem Künstler ununterscheidbar nachmachen zu lassen. Die Söhne geraten, wie nicht anders zu erwarten, in Streit und ein weiser Richter entscheidet: wer sich letztendlich - zu entscheiden in fernerer Zukunft - vor Gott und den Menschen tatsächlich angenehm gemacht hat, der besitzt den echten Ring. Den drei Söhnen bleibt nur die eigene Anstrengung, um dieses Resultat dereinst vorweisen zu können. Das bequeme Besitzen der Wahrheit (des echten Rings) wird also abgelöst durch ein Arrangement, das eigenes Bemühen und Arbeit erfordert.

Diese Umstellung kann allerdings, bei genauerem Hinsehen, bestimmte Schwierigkeiten in der Konstruktion der Fabel nicht beseitigen: Lessings Aufklärungsoptimismus lässt unerörtert, dass die Beliebtheit eines Menschen bei Gott nicht unbedingt mit seiner Angenehmheit für die übrigen Menschen zusammenfällt. Beides kann sich widersprechen - und hat sich in der Geschichte häufig und heftig widersprochen. Ein Plebiszit war noch nie als Wahrheitskriterium theologisch anerkannt:

„In Wahrheit drückt sich das Wesen des Monotheismus in keinem Merkmal so
prägnant aus wie in der Bereitschaft der Eiferer, sich bei den Menschen verhasst zu machen, wenn dies das Mittel sein sollte, Gott desto besser zu gefallen.“
(S. 174)
„Eine monotheistische Religion, die ihr Anspruchsniveau verteidigt, kann nur an die
Macht gelangen und sich an ihr halten, indem sie die Massen unnachgiebig ihren
Normen unterwirft - was ohne die Diktatur des Priestertums… nicht geschehen
kann. In einer solchen Ordnung der Dinge geben die unsanften und die sanften Mittel einander die Hand.“
(S. 175)

In diesem Wettbewerb um orthodoxe Strenge und „noble Verhasstheit“ (S. 177) in den Augen der jeweiligen Adressaten bzw. Beobachter ist das Judentum als Religion, lange Zeit in der Unbeliebtheit führend, mittlerweile weit zurückgefallen und fast gänzlich dem Blick entschwunden. Aber auch das Christentum (insbesondere katholischer Prägung), zwischenzeitlich in Erinnerung an Inquisition und klerikalen Absolutismus weit vorn, muss sich in diesem Ranking heute geschlagen geben - von einem Islam, der, sofern er in fundamentalistischer Restauration verharrt, mit vorerst uneinholbarem Vorsprung das Feld der religiösen Antipathieträger anführt.

„Aufklärung“: dieses Stichwort hat nicht nur das eben geschilderte Ranking in Bewegung gebracht, es hat ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass eigenverantwortliches menschliches Leben und Lernen möglich ist; dass behauptete „Offenbarungen“ bloß einen Versuch darstellen, der Wahrheit über die menschlichen Belange ohne Anstrengung, ohne die Mühe der Forschung und des eigenen Nachdenkens, in Form „versteinerter Zwischenrufe“ (S. 193) habhaft zu werden. Auch die ins Diesseits transponierten Erlösungsphantasien und die daraus resultierenden politisch-totalitären Praktiken, wie sie am Beispiel kommunistischer Systeme studiert werden können und von den Betroffenen erlitten werden mussten, haben sich, ihrem Absolutheitsanspruch gemäß, bei den Menschen gründlich verhasst und inakzeptabel gemacht.

Heute, nach der Phase des Eiferns für den einen Gott oder die eine Partei, die immer recht hat, gelten andere „Glaubensartikel“: die Unverzichtbarkeit des Rechtsstaats, die Freiheit der Meinungsäußerung, der Schutz der Menschenwürde und die Unveräußerlichkeit humaner Selbstbestimmung (einschließlich des „Rechts auf freie Illusionsausübung“ - wie Sloterdijk an anderer Stelle treffend formuliert).

„’Aufklärung’ ist bloß der gängige Name des immerwährenden literarischen Konzils, in dem diese Artikel beraten, verabschiedet und gegen Häretiker verteidigt werden“ (S. 187).

Dass dies gelinge, dazu kann die vorliegende Schrift substantiell beitragen. Sie kann, als eine gleichermaßen informierte wie fröhliche Wissenschaft, zu einem nicht eifernden, wohl aber beharrlichen Bemühen um ein von subtilen jenseitigen Ängsten und grober diesseitiger Not befreites Leben motivieren.

 

Peter Sloterdijk „Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen“, Verlag der Weltreligionen, Frankfurt/M. und Leipzig, 2007, 218 S., 17,80 €.