Was ist „Orient“ – Was ist „Westen“?

(hpd) Iman Attia, Professorin für Diversity Studies an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, deutet in ihrem Buch „Die ‚westliche Kultur’ und ihr Anderes...“ die ideologischen Zerrbilder vom „Islam“ und den „Muslimen“ als Ausdruck einer westlichen Hegemonialideologie.

So beachtenswert die Kritik an essentiellen Bildern von „dem Islam“ und „den Muslimen“ ist, so problematisch ist die damit verbundene Zuordnung von Einwänden gegen bestimmte Praktiken in der islamisch geprägten Welt.

 

Der bekannte amerikanisch-palästinensische Literaturwissenschaftler Edward W. Said veröffentlichte 1978 sein einflussreich wirkendes Buch „Orientalismus“, worin er den titelgebenden Begriff als ideologisches Zerrbild des „Orients“ durch den „Westen“ interpretierte. Die westlichen Orientalisten, so die Kernthese, hätten das Bild vom „Orient“ als das essentiell Andere und den fundamentalen Gegenpol zum Westen erst geschaffen. In der Tradition dieser Perspektive argumentiert auch Iman Attia, Professorin für Diversity Studies an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, in ihrem Buch „Die ‚westliche Kultur’ und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus“. Ihr geht es um eine Aufarbeitung von dem, was der Blick auf die „Muslime“ und den „Orient“ über den „Westen“ aussagt. Hierbei handele es sich um ein „Spiegelbild dessen, was als ‚Eignes’ imaginiert wird. Die Reflexion des ... Blicks auf ‚das Andere’ ermöglicht Einblicke in ‚das Eigene’ bzw. in das, was als ‚Eigenes’ präsentiert wird“ (S. 8).

Der Band gliedert sich in drei große Teile: Zunächst geht es um das Spannungsfeld von kultureller Differenz und neuem Rassismus, welches in der Konstruktion „des Muslim“ in einen antagonistischen Dualismus zum Selbstbild münde. Dem folgt eine Betrachtung hegemonialer Diskurse, bezogen auf die Herausbildung des „Islam“ als politischem Gegenbild und der Kulturalisierung „des Islam“, aber auch hinsichtlich der Deutung des Nahostkonflikts und der Interpretation des „islamischen“ Antisemitismus. Hierbei liefert Attia auch einen Überblick zum aktuellen Forschungsstand, bietet er doch die inhaltlichen Bezugspunkte für ihre eigene Argumentation. Und schließlich stehen die Alltagsdiskurse im Zentrum des Interesses, wobei Analysen von Tiefeninterviews im Sinne der qualitativen Sozialforschung vorgenommen werden. Diese belegten anschaulich, dass die Aktivierung der politischen Ablehnung des Islam in Gestalt eines entsprechenden Feindbildes aufgrund einer ausgeprägten und langen kulturellen Tradition problemlos gelingen konnte.

Ganz in diesem Sinne heißt es dann auch: „Die Essenzialisierung von ‚Orient’ und ‚Islam’ blickt auf eine lange Tradition zurück. Sie kann in überlieferten kulturellen Präsentationen und ihren Transformationen und Aktualisierungen nachvollzogen werden. Die Essenzialisierung ‚des Anderen’ geht regelmäßig mit Prozessen der Konstruktion ‚des Eigenen’ einher. Die Dichotomisierung von ‚Islam’ und ‚Westen’ bietet eine Folie zur Auseinandersetzung mit eigenen Themen und zur Durchsetzung politischer Interessen mit Hilfe kultureller Hegemonie“ (S. 93). Und weiter bemerkt Attia: „Einerseits geht der Islamdiskurs von in sich geschlossenen Kultur(kreis)en aus, andererseits wird Kultur als universelle Entwicklung mit weniger und mehr entwickelten Kulturen definiert. Im Anschluss an einen essenzialistischen Kulturbegriff werden ‚der Islam’ und ‚der Westen’ als in sich geschlossene Kulturen präsentiert. ... Entsprechend werden gemeinsame oder interdependente Entwicklungen negiert“ (S. 151).

Die Beurteilung der Analyse „Die ‚westliche Kultur’ und ihr Anderes“ fällt ambivalent aus: Einerseits enthält sie eine beachtenswerte Dekonstruktion der inhaltlichen Bestandteile eines ideologischen Zerrbildes von dem „Islam“, den „Muslimen“ und dem „Orient“. In der Tat lassen sich einschlägige Negativbilder und Pauschalisierungen, Stereotype und Vorurteile sowohl in den offiziellen politischen Diskursen wie der einflussreichen traditionellen Kolportageliteratur ausmachen. Andererseits neigt die Autorin aber zu den gleichen Fehlern, die sie selbst hervorhebt und ähnelt auch dabei ihrem methodischen Vorbild Edward Said. So kritikwürdig das essentielle Bild vom „Orient“ ist, so kritikwürdig ist auch das essentielle Bild vom „Westen“. Darüber hinaus sollten nicht leichtfertig Einwände gegenüber den Lebensbedingungen in der islamischen Welt als Ausdruck von „antimuslimischem Rassismus“ gelten. Hier wäre mehr Differenzierungsvermögen nötig gewesen, auch und gerade bei der doch etwas unkritischen Darstellung zum islamischen Antisemitismus.

Armin Pfahl-Traughber

 

Iman Attia, Die „westliche Kultur“ und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus, Bielefeld 2009 (Transcript-Verlag), 21,80 €