Interview

"Es ist gut gewesen"

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Prof. Fritz K.
Prof. Fritz K.

Prof. Fritz K. starb selbstbestimmt mit 82 Jahren. Wenige Tage vor seinem Tod führte unser Autor ein Interview mit ihm.

Reinhard Konermann: Herr K., Sie wollen in fünf Tagen sterben. Wieso haben Sie diesen Entschluss gefasst und wie geht es Ihnen heute damit?

Prof. Fritz K.: Es ist für mich eine sehr, sehr ambivalente Situation. Ich habe meinen Entschluß, selbstbestimmt zu sterben schon vor einiger Zeit gefasst und mir ist die Endgültigkeit sehr bewusst. Meine Sorge aktuell ist, dass ich die nächsten Tage nicht mehr durchhalte, dass mir irgendetwas passiert, das dann dieser Schritt unter Umständen nicht mehr möglich ist. Also das ist eigentlich das Paradoxon – ich muss gesund bleiben, um mein Ende selbstbestimmt zu gestalten. Das ist völlig widersinnig, aber das ist meine Sorge.

Eine der Voraussetzungen für den assistierten Suizid ist die Urteils- und Entscheidungsfähigkeit bis zur letzten Sekunde. Wenn Sie jetzt zum Beispiel noch einen schweren Schlaganfall bekommen würden, wäre das eventuell nicht mehr gegeben. Eine weitere Voraussetzung ist die Dauerhaftigkeit des Entschlusses.

Mein Entschluss ist eindeutig und klar. Ich bin 82 Jahre alt und seit 2023 befasse ich mich intensiv mit dieser Thematik. In meinem Tagebuch habe ich den Prozess für mich dokumentiert. In der letzten Woche war ich in Dortmund bei einem Treffen, bei dem über die Selbstbestimmung am Lebensende gesprochen werden sollte. Viele der Teilnehmer waren älter als ich. Leider musste ich feststellen, dass es den meisten schwerfällt, über Sterben und Tod zu reden. Es ist vielfach noch ein Tabuthema. Umso überraschter war die Gruppe, als ich in aller Offenheit ausführlich von meinem bevorstehenden Tod berichtet habe. Es ist ein Beispiel, warum wir beide, Herr Konermann, in den letzten Monaten so intensiv miteinander kommuniziert haben. Die Menschen trauen sich nicht, selbst mit ihren nächsten Angehörigen und langjährigen Freunden über ihr Lebensende zu reden. Es braucht Information und Aufklärung. Mit der Veröffentlichung meiner Geschichte möchte ich ein wenig dazu beitragen.

Es gibt noch ein weiteres Thema, über das nicht gesprochen wird. Seit dem bahnbrechenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar 2020 hat jeder in Deutschland ein Grundrecht auf Hilfe beim Suizid. Jeder darf Hilfe in Anspruch nehmen und jeder darf helfen – aber keiner muss helfen. Grundlage dieser Entscheidung ist der Artikel 1 und 2 unseres Grundgesetzes. Leider kennen nach über fünf Jahren laut einer Forsa-Umfrage nur 15 Prozent der Bevölkerung dieses weitreichende Recht. Wie erklären Sie sich das?

Die Macht von Institutionen wie Kirchen, Ärzteverbänden und konservativen Politikern ist enorm groß. Es ist ihr Bestreben, dass Sterben ein Tabuthema bleibt. Das ist geradezu skandalös.

Jeder Lokführer, jeder Lokführerin erlebt im Laufe ihrer Dienstzeit durchschnittlich zwei Menschen, die harte Schienen-Suizide begehen. Für die Presse ist es ein Tabu, über das wegen des Nachahmungseffekts nicht berichtet wird. Schlimm ist, dass auch über Menschen, die selbstbestimmt gestorben sind, nicht medial berichtet wird und damit die Unwissenheit in der Bevölkerung unterstützt wird. Das halte ich für vollkommen falsch. Es muss bekannt werden, dass es eine humane Art und Weise gibt zu sterben.

Eigentlich sollten Mediziner den Menschen auch in ihrer letzten Lebensphase helfen. Meinen Urologen kenne ich seit über 20 Jahren und ich konnte immer sehr offen mit ihm reden. Nachdem ich ihm von meinem Wunsch, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, erzählt habe, kam keine Reaktion vom ihm, er wechselte sofort das Thema und unser bisher guter Kontakt ist fast abgerissen.

Ich kann das nur bestätigen. In den letzten vier Wochen war ich bei drei Hausärzten. Ich habe sie gefragt, wie sie zu Suizidassistenz stehen. Alle drei waren der Überzeugung, dass sie in Deutschland nicht erlaubt und damit strafbar für den Helfer sei. Nachdem ich die rechtliche Lage geschildert habe und dass im Jahr 2024 über 1.500 Freitodbegleitungen rechtssicher durchgeführt wurden, waren alle drei sehr hellhörig und wollten weitere Informationen auch für ihre Patienten haben.

Das heißt doch konkret, dass auch Ärzte schlecht und falsch informiert sind. Aufklärung ist auch dort zwingend erforderlich.

Sie leiden aktuell an einigen körperlichen Beschwerden. Sind sie der Grund, warum sie jetzt sterben wollen?

Meine Arthroseprobleme im linken Knie und im linken Fußgelenk haben dazu geführt, dass ich mich nur noch wenig bewegen kann und einige Herz-Kreislauf-Operationen stehen an. Das Tragen eines dauerhaften Katheders ist mehr als beschwerlich. Das ist zwar alles lästig, aber mit den Einschränkungen könnte ich noch einige Jahre leben. Der eigentliche Grund für meinen endgültigen Abschied ist, dass nach einem langen und erfüllten Leben mit einigem Auf und Ab ich mich immer schwächer fühle und bei vollem Bewusstsein den Verfall meiner Körperlichkeit nicht miterleben will. Es ist gut gewesen.

Seit wann wissen nahestehende Personen von Ihrem Entschluss?

Fast alle meine Bekannte sind verstorben. Meine Partnerin kennt meine Gedanken dazu seit Jahren. Sie wird es bedauern, dass sie mich als Partner verliert – gar keine Frage; aber sie versteht es und sie begleitet mich in einer absoluten Rationalität. Sie wird auch bei der Freitodbegleitung an meiner Seite sein.

Wie sieht der letzte Tag bei Ihnen aus?

Am Sonntag fahren meine Partnerin und ich nach Koblenz in meine Mietwohnung. Am Montag kommen die Juristin und der Arzt. Ich werde auf meinem geliebten Sofa im Wohnzimmer sitzen, wenn der Arzt den Venenzugang am Armgelenk legt. Ich werde froh sein, wenn ich das Ventil am dem Infusionsschlauch für das Thiopental aufgedreht habe. Dann habe ich es geschafft!

Dieser Text wurde zuerst in der Zeitschrift Humanes Leben – Humanes Sterben 2026-1 der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) veröffentlicht.

Der hpd hat außerdem eine zweiteilige autobiografische Reflexion von Fritz K. veröffentlicht. Sie finden Sie hier und hier.

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