In der Vergangenheit wurde Karl Marx häufig heroisiert oder dämonisiert – heute wird er zunehmend trivialisiert und kommerzialisiert. Tatsächlich ging es bei den Veranstaltungen zum 200. Geburtstag des Philosophen oft weniger um den "wahren Marx" als um die "Ware Marx", doch es gab löbliche Ausnahmen. Ein Bericht aus dem Zentrum des Marx-Rummels.
Karl Marx ist derzeit in aller Munde – nicht nur in seiner Geburtsstadt Trier, wo sein 200. Geburtstag mit erstaunlichem Pomp gefeiert wird, sondern auch am Amtssitz des Bundespräsidenten, der eine kluge, ausgewogene Rede über Marx hielt. Auffällig ist jedoch, dass bei den vielen Gedenkveranstaltungen dieser Tage ein wesentlicher Aspekt des Marxschen Denkens ausgeblendet wird, nämlich die "Kritik der Religion", die für Marx die "Voraussetzung aller Kritik" war.
"Für eine offene, freie Gesellschaft" kann man auf der Startseite der SPD lesen. Dass diese Offenheit nicht unbedingt Religionskritik miteinschließt, zeigt ein Fall in Augsburg: David Farago wollte in die SPD eintreten und wurde abgelehnt – wegen kirchenkritischer Äußerungen im Internet.
Mein Urteil vorweg: "Argumente kontra Religion" sprengt als ein Werkzeugkasten der Religionskritik den Rahmen bisher vorgelegter religionskritischer Veröffentlichungen. So kann ich mich trotz jahrzehntelanger Lektüre religionskritischer Literatur nicht daran erinnern, jemals einen Band in der Hand gehabt zu haben, der auf vergleichbar beschränktem Raum eine so breit angesetzte, verständlich formulierte, zum Mitdenken stimulierende, selbst informierte Leser überraschende Palette religionskritischer Argumente präsentiert.
Um den Stand der Meinungsfreiheit geht es Theater- und Hörspielautor Dirk Laucke in seinem neuen Stück "Die Freiheit in Abrede". Besonders interessiert ihn, wie es um die Meinungsfreiheit bestellt ist, wenn das Thema "Religion" verhandelt wird. Lauckes "radiophone Show" wurde am vergangenen Freitag am Theater Oberhausen unter der Regie des Autors uraufgeführt.
Islamkritik polarisiert. Den einen dient sie als Tarnung für ihre fremdenfeindlichen Ressentiments; den anderen als verpöntes Feindbild, um die Religion gegen jegliche Kritik zu immunisieren. Dabei gehört Religionskritik zu den selbstverständlichen Elementen einer offenen Gesellschaft.
Weil der Evolutionsbiologe und Religionskritiker Richard Dawkins den Islam mit deutlichen Worten kritisierte, sagte ein Radiosender in Kalifornien eine Veranstaltung mit ihm ab. Eine falsche Entscheidung, die eine problematische Entwicklung innerhalb der Linken aufzeigt, findet hpd-Redakteurin Daniela Wakonigg.
Der marburger Philosoph Dr. Dr. Joachim Kahl ist bekannt für seine humanistisch orientierte Religionskritik – aufgeregtem Anti-Theismus erteilt er eine Absage. Der Autor des Best- und Longsellers "Das Elend des Christentums" nimmt trotz aller Rücksicht kein Blatt vor den Mund und wußte durch eine ausgewogene Einordnung und Kritik der Bedeutung Martin Luthers zu überzeugen. Im Jahr des Reformationsjubiläums widmet er sich der säkularen Sicht auf Martin Luther und skizziert warum dessen Persönlichkeit heute überbewertet wird und nur noch musealen Charakter hat."
Im Luther gewidmeten Sonderband (2/2017) der Zeitschrift "Aufklärung und Kritik" wurde unter anderem auch ein Beitrag veröffentlicht, worin Gabriele Röwer Ausschnitte aus dem 11. und 12. Kapitel des 8. Bandes der "Kriminalgeschichte des Christentums" von Karlheinz Deschner zusammenstellte. Dem hpd stellte Frau Röwer ihren Begleittext zur Verfügung.
Der wahhabitische Islam aus Saudi-Arabien überflutet die Welt im Netz mit seiner Propaganda. Darin rufen salafistische Prediger zum weltweiten Dschihad auf und Versprechen im Gegenzug 72 Jungfrauen im Paradies. Davon fühlen sich vor allem junge und sexuell frustrierte Menschen angesprochen. Der algerische Regisseur Merkaz Allouache hat in seiner Heimat die Folgen dieser religiösen Einflussnahme untersucht, sein sehenswerter Film "Investigating Paradise" erzählt davon.
Eine junge algerische Journalistin taucht mit der Kamera ein in die Welt des slawistischen Islam, zwei junge Filmemacher erkunden den Kosmos einer jungen schwarzen Frau im rassistischen Amerika und eine französische Nachwuchsfilmerin begleitet zwei Schwestern aus der Minderheit der Jenischen in ihrem Alltag. Außerdem präsentiert die Berlinale Filme zu den politischen Folgen der Wirtschaftskrise in Südeuropa und zum Krieg in der Ukraine sowie einen hochbrisanten friedenspolitischen Appell.
Aktuell macht ein einstündiges Radioportrait des Kabarettisten Dieter Nuhr im Internet die Runde. Das Feature beleuchtet Nuhrs Religions- und Kirchenkritik. Der Skandal daran: Kein öffentlich-rechtlicher Sender in Deutschland traute sich an die Produktion des Stoffes heran.
Seit September wurden im Kreis Coesfeld in Nordrhein-Westfalen insgesamt 28 Fälle der Sachbeschädigung an christlichen Heiligenstatuen durch die Polizei aufgenommen. Der nun ermittelnde Staatsschutz hält ein religiöses bzw. anti-religiöses Motiv für durchaus realistisch.
Paul Henri Thiry D’Holbach, ein heute weitgehend vergessener Repräsentant der Aufklärung, nahm in "Der gesunde Menschenverstand" eine radikale Kritik an der Religion vor. Endlich liegt wieder eine deutschsprachige Ausgabe des Textes von 1772 mit Erläuterungen und Kurz-Portrait vor.
Gemäß der Grundthese "Wissen ist mehr wert als Glauben" erläutert der Autor als Ich-Erzähler in sachlich klarer Sprache und mit sehr plausiblen Argumenten, dass es sich bei Gott/Göttern nur um die Erfindung von Menschen handeln kann. Er will sein Buch als "Tabubruch" im positiven Sinn verstanden wissen; als Appell, über "Gut" und "Böse" und über Fragen der Gerechtigkeit - ohne Rückzug auf vermeintlich von Göttern inspirierte "Autoritäten" - kritisch nachzudenken (S 318). Das Gebot, Inhalte zu glauben, sei durch ein Gebot, diese zu hinterfragen und geglaubte Inhalte im Hinblick auf ihren Wahrheits- und Qualitätsgehalt zu analysieren, zu ersetzen.