Russland

Druckstopp neuer Banknote nach Beschwerde russisch-orthodoxer Kirche

1000_rubel.png

Der beanstandete Geldschein mit Palastkirche und Sujumbike-Turm in Kasan.
Der beanstandete Geldschein

Die russische Zentralbank muss die Ausgabe eines neuen 1.000-Rubelscheins einstellen, da sich orthodoxe Priester über das Motiv auf der Banknote beschweren. Die Zentralbank sieht sich gezwungen, einen neuen Rubelschein zu entwerfen.

Auf der Banknote sind zwei Bauten abgebildet: Zu sehen sind ein Turm mit einer Mondsichel auf der Turmspitze und eine orthodoxe Kirche ohne Kreuz. Sie gehören zum Kasaner Kreml in der Republik Tatarstan (Tatarien), die im östlichen Teil des europäischen Russlands liegt. Sie ist eine der bevölkerungsreichsten Republiken Russlands, wobei der überwiegende Teil der Bevölkerung dem Islam angehört. Der Kasaner Kreml war ursprünglich eine von Iwan dem Schrecklichen an der Kasanka, einem Nebenfluss der Wolga, errichtete Befestigungsanlage. Aufgrund seiner bewegenden Geschichte vereint der Komplex heute Elemente sowohl der christlich-orthodoxen als auch der muslimischen Architektur, und er ist als Weltkulturerbe der UNESCO anerkannt. Symbol für das friedliche Zusammenleben der christlichen und muslimischen Gemeinschaft sind die russisch-orthodoxe Mariä-Verkündigungs-Kathedrale und die Kul-Scharif-Moschee.

Eines der Gebäude, die auf der Banknote gezeigt werden, ist der Sujumbike-Turm. Er ist ein weiteres wichtiges Wahrzeichen des Kremls, wurde zwischen der zweiten Hälfte des 17. und dem frühen 18. Jahrhundert errichtet und ist nach der letzten Kasaner Herrscherin Sujumbike benannt. Das Gebäude diente zunächst als Wachturm, von dessen Spitze aus man auf die Flüsse Wolga und Kasanka sehen kann. Auf der Turmspitze war zu Sowjetzeiten der Sowjetstern montiert, heute befindet sich dort eine Mondsichel. Der Turm wurde jedoch nie als Moschee genutzt. Im selben Komplex wie der Sujumbike-Turm befindet sich die Palastkirche, das zweite Gebäude auf der Banknote. Der Bau ist ein seltenes architektonisches Denkmal aus der Zeit des russischen Frühbarocks und von daher ein würdiges Objekt für eine russische Banknote. Die Kirche hat vor über 100 Jahren nach der Revolution von 1917 ihr Kreuz verloren und wurde zu Sowjetzeiten als Speisesaal für die Rote Armee genutzt. Heute beherbergt sie Ausstellungen über die Geschichte des tatarischen Volkes.

Zusammengefasst: Die russische Zentralbank plante mit der Banknote, die prachtvolle Architektur des Kasaner Kremls zu würdigen. Falls die Zentralbank ein Statement zu Religionen abgeben wollte, dann nur jenes der Anerkennung der Koexistenz der Religionen in der mehrheitlich muslimisch geprägten Republik. Vertreter der orthodoxen Kirche Russlands sind jedoch empört und behaupten, Anhänger des Islam würden bewusst provozieren. Obgleich die russische Zentralbank nur die Realität vor Ort abbildet, müsste der Entwurf das Ergebnis "der Dummheit der Designer" sein, zitiert The Guardian den russisch-orthodoxen Priester Pavel Ostrovsky. Die Wirklichkeit zu zeigen, wie sie ist, stellt also für den Geistlichen eine Dummheit dar. Denn, so der orthodoxe Geistliche weiter, es sei irrelevant, wie das Gebäude in der Realität aussehe, "da die meisten Russen seine Geschichte nicht kennen".

Russisch-orthodoxe Kirche in Moskau ist Verbündete beim Krieg gegen die Ukraine

Dass die Zentralbank auf Grund des Widerstands der russisch-orthodoxen Kirche den Druck der Banknote stoppen musste, beweist ein weiteres Mal, dass Säkularität und Religionsfreiheit in diesem Land ausgeschaltet sind. Präsident Wladimir Putin fördert die russisch-orthodoxe Kirche massiv, da sie ihrerseits seinen völkerrechtswidrigen und mörderischen Überfall auf die Ukraine seit dem 24. Februar 2022 gutheißt. Für Putin ist der Moskauer Patriarch Kirill I. ein überaus wichtiger Verbündeter. Wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag weltweit mit Haftbefehl gesucht, bedarf der russische Präsident dringend der moralischen Legitimation, um sein verbrecherisches Handeln zu rechtfertigen. Die Menschen in Russland sollen denken, dass der Kampf gegen den dekadenten Westen Gottes Wille sei.

Die russisch-orthodoxe Kirche unter ihrem Oberhaupt, dem Moskauer Patriarchen Kirill I., agiert als willfähriger Handlanger. Es geht auch für Kirill um viel Macht. Die von Nationalisten wie von Gläubigen propagierte Russische-Welt-Ideologie besagt, dass Moskau einen Führungsanspruch über alle ethnischen Russen und russischsprachigen Menschen in der Ukraine, Weißrussland, Moldawien und in der sonstigen Welt auszuüben hat. In diesem Heiligen Russland bilde Moskau das politische Zentrum und das Moskauer Patriarchat beansprucht, für all diese Länder das religiöse Zentrum zu sein. Als Verteidiger des Heiligen Russlands, der orthodoxen Lehre und einer traditionellen Moral will Kirill über Moral und russische Kultur wachen. Der korrupte Westen unter der Führung der Vereinigten Staaten würde das Heilige Russland schwächen wollen. Die russische Gesellschaft müsse vor Homosexuellen und Säkularisten geschützt werden.

Patriarch Kirill I. ist nicht nur ein ideologischer Wegbereiter für den Überfall auf die Ukraine, sondern auch ein überaus gefährlicher Kriegshetzer. Kürzlich hat er in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale die russischen Atomwaffen in höchsten Tönen gelobt, indem er die Behauptung aufstellte, sie seien unter dem Schutz des heiligen Seraphim von Sarow erschaffen worden, als Teil der "unaussprechlichen Vorsehung" Gottes (vgl. News.de). Die religiöse Rhetorik der "göttlichen Vorsehung" erinnert stark an den Vorsehungsglauben und das Sendungsbewusstsein des Diktators Adolf Hitler, der bis zu seinem Suizid der römisch-katholischen Kirche angehörte. Und auch die Mission des "Russkii Mir" erweckt Assoziationen mit der "Lebensraum"-Doktrin Hitlers.

Ein andere Nachrede über Kirill lautet, dass sich der Moskauer Patriarch und der russische Präsident eine weitere Gemeinsamkeit teilen: die Arbeit für den Geheimdienst. Der Moskauer Patriarch soll früher ein KGB-Spion gewesen sein. Diese Behauptung stammt nicht allein von der ukrainischen Propaganda, sondern wurde von Schweizer Medien und dem ZDF aufgegriffen. Angeblich soll die Schweizer Bundespolizei über Beweise verfügen, dass Kirill während des Kalten Krieges unter einem Decknamen in Genf für den KGB spionierte und im Weltkirchenrat Stimmung gegen die NATO machte. Der Wahrheitsgehalt dieser Beschuldigung wurde aber von unabhängigen Historikern noch nicht verifiziert.

In Kürze werden wir wissen, welche Schritte die russische Zentralbank auf Druck der russisch-orthodoxen Kirche und Putins unternehmen musste. Sehr wahrscheinlich wird der Sujumbike-Turm mit seiner Mondsichel aus der 1.000-Rubel-Banknote entfernt und durch ein anderes Objekt ersetzt. Allen Russ*innen soll damit verdeutlicht werden, dass die russisch-orthodoxe Kirche die Staatskirche Russlands ist. Die vielen Muslime in Russland sollen erkennen, dass sie zwar geduldet sind, aber in der Gesellschaft keine sichtbare Präsenz haben dürfen. Statt der Palastkirche könnte die Mariä-Verkündigungs-Kathedrale des Kasaner Kremls auf der Banknote auftauchen. Es wäre auch nicht allzu überraschend, wenn die Notenbank auf Anweisung Putins ein Kreuz auf die Palastkirche in die 1.000-Rubel-Banknote retuschieren müsste, um eine alternative Realität zu erschaffen. Falls es zutrifft, dass die meisten Russ*innen nichts über die Geschichte der ehemaligen Palastkirche wissen, dürfte es kaum jemandem auffallen oder jemanden stören, wenn auf einem Geldschein gelogen wird.

Mehrheit der Russen misst Religion keine (sehr wichtige) Rolle bei

Laut Russian News hat Patriarch Kirill I. Anfang November in einer Predigt erklärt, die Zugehörigkeit zum russischen Volk müsse mit einem tiefen orthodoxen Glauben einhergehen, andernfalls dürfe man sich nicht als Russe bezeichnen. Ob den meisten Russ*innen die Ermahnung des Patriarchen zum Glauben und zum Besuch der Kirche gefallen wird, darf angezweifelt werden. Die russisch-orthodoxe Kirche führt keine öffentlichen Aufzeichnungen über die Zahl ihre Mitglieder, weshalb die konkrete Zahl der orthodox Gläubigen in Russland unbekannt ist. Vermutlich hat der Krieg in den letzten eindreiviertel Jahren der russisch-orthodoxen Kirche enormen Zulauf beschert, weil sie kompromisslos auf Seiten der Nationalisten steht.

Doch trotz der Vorsicht, die Russ*innen bei Befragungen seit Abschaffung der Meinungs- und Pressefreiheit und der Einführung drakonischer Strafen walten lassen, hat jüngst eine Umfrage in einer repräsentativen Stichprobe unter russischen Stadt- und Landbewohnern ein für die Kirche noch immer ernüchterndes Bild ergeben: Die klare Mehrheit (59 %) der Befragten gab an, der Religion entweder keine sehr wichtige oder sogar keine Rolle zuzuschreiben. Lediglich ein Zehntel der Befragten will mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen. 18 Prozent bekannten sich entweder zu keiner Religion oder bezeichneten sich offen als Atheisten. Aber 70 Prozent feiern Ostern, indem sie Ostereier bemalen.

Unterstützen Sie uns bei Steady!