Incels und Islamisten: Was sie verbindet und was sie trennt

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Was haben Incels und Islamisten gemeinsam – und was nicht? Dieser Frage widmete sich die Frauenrechtlerin Rebecca Schönenbach im Rahmen eines Online-Vortrags bei der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung.

Incels – das sind frustrierte Männer, die unfreiwillig zölibatär leben. Sie halten sich selbst für die besseren Gentlemen, bekommen aber keine Frau ab, weil Frauen ihrer Auffassung nach ihren Trieben ausgeliefert seien und sich deshalb vorrangig für wenige Alpha-Typen entscheiden. Gleichzeitig sind sie der Ansicht, dass ihnen Frauen und vor allem der Sex mit ihnen zustehe. Daher gelte es, Frauen zu unterwerfen. Frauen werde unterstellt, sie seien eher Tieren ähnlich; mit dieser Dehumanisierung werden ihnen auch die Menschenrechte abgesprochen.

Es handelt sich vorrangig um ein Internetphänomen, das sich sehr ausgebreitet hat über die letzten Jahre und das sich auf verschiedene Untergruppen verteilt. Incels selbst sind lediglich eine Untergruppe der sogenannten "Manosphere". Wie viele es sind, weiß man nicht genau, die Datenlage ist unzureichend, zudem beruht vieles lediglich auf Selbstbeschreibungen der Incels. Studien sind bisher nicht repräsentativ. Viele Incels werden dem rechten Spektrum zugerechnet, ordnen sich selbst aber nicht so ein.

Einen ausführlichen Bericht über das "Incel-Phänomen" lesen Sie hier.

Bei der Mehrheit dieser unzufriedenen Männer findet man einen persönlich motivierten Frauenhass, der keine politischen Ziele verfolgt. Incels übernehmen dabei nur Teile anderer Ideologien, haben aber selbst kein einheitliches, geschlossenes Weltbild, das sie durchsetzen wollen, etwa keine Vorstellung, wie ein Staat aufgebaut sein sollte. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist, Emanzipation den Kampf anzusagen.

Dem gegenüber steht die Unterdrückung von Frauen als politisches Konzept, wie sie islamistische Regime praktizieren. Trotz des gemeinsamen Nenners der Verachtung von Frauen besteht hier nach Einschätzung der Vortragenden der entscheidende Unterschied. Neueste Befragungen zeigten, dass trotz Gewaltverherrlichung im anonymen digitalen Raum und einzelner Attentäter aus diesem Spektrum die meisten Incels Gewalt ablehnen, im Unterschied zu Islamisten, die sie befürworteten, wenn sie ihren Zielen dient. Incels wollten eine romantische Beziehung und die Abschaffung von Gleichberechtigung, Islamisten gehe es hingegen nicht um eine persönliche Beziehung, sondern um ein Herrschaftssystem.

Schönenbach merkte an, dass es keine allgemeine und wissenschaftlich anerkannte Definition von Frauenfeindlichkeit gebe, auch nicht im Journalismus. Auch Publikationen zum Islamismus behandelten meistens nur das Thema Gewalt gegen Frauen sowie Frauen als Täterinnen, nicht aber Frauenfeindlichkeit als Radikalisierungsfaktor. Für ihren Vortrag nutze sie daher eine eigene Definition: Frauenfeindlichkeit seien solche Haltungen und Handlungen, die Frauen dehumanisieren, also Frauen das Menschsein und damit die Menschenrechte absprechen, und/oder das politische Ziel verfolgen, gesetzliche Gleichberechtigung abzuschaffen beziehungsweise zu verhindern.

Die politische Gewalt in islamistischen Regimen habe das Ziel der Abschaffung von Rechtsstaat und Demokratie und ein entscheidender Schritt auf diesem Weg sei immer die Entrechtung von Frauen. Dabei gebe es ein dreistufiges Verfahren: Der Entzug von Rechten, die Bestrafung bei Regelübertritt und das Zurückdrängen aus der Öffentlichkeit in die Häuser unter anderem durch sexuelle Belästigung. Islamisten würden immer weitere Einschränkungen herbeiführen, um eine Geschlechter-Apartheid zu errichten. Als Beispiele für ergriffene konkrete Maßnahmen auf diesem Weg nannte sie die Einführung von Kopftuch- beziehungsweise Verschleierungszwang durch islamistische Regime. Attentate auf Frauen durch islamistische Täter seien sehr häufig, etwa auf Mädchenschulen oder Frauenrechtlerinnen. Angegriffen würden alle Ziele, die nicht dem islamistischen Weltbild entsprächen. Ehrenmorde seien dabei nicht nur Bestrafung, sondern auch politische Abschreckung für andere Frauen. Die Referentin nannte das "frauenverachtenden Terrorismus".

Rebecca Schönenbach
Rebecca Schönenbach
(Foto: © privat)

Warum aber die Frauenverachtung bei Incels? Größtenteils seien sie westlich sozialisiert. Zum Prozess der Radikalisierung gebe es noch zu wenig Forschung. Es gebe jedoch Erklärungsmodelle, die von einer kognitiven Öffnung in Folge einer Diskriminierungserfahrung ausgehen, vom Anschluss durch die Botschaft, man sei selbst nicht schuld, was schließlich in der Radikalisierung münde.

Islamistische Terroristen hingegen hätten nach Untersuchungen des Diplompsychologen Stefan Tydecks beim Aufwachsen in fundamentalistischen Haushalten ein System der Angst verinnerlicht, der Unterordnung unter einen dominanten Vater, keine Ablösung von den Eltern in der Pubertät vollzogen, das erlernte Wertesystem beibehalten und auf ein islamistisches Weltbild übertragen – eine Form der Pseudoemanzipation.

Attentäter jeder Richtung hätten zudem häufig selbst häusliche Gewalt erfahren und ausgeübt, die Befürwortung von Gewalt gegen Frauen gehe einher auch mit der Zustimmung zu anderen Formen der Gewalt.

Wo finden sich noch Überschneidungen zwischen Incels und Islamisten? Etwa beim frauenfeindlichen Influencer Andrew Tate, der unter anderem dafür plädiert, dass Männer Frauen schlagen dürften. Er erreiche mittlerweile ein großes Publikum junger Männer in westlichen Gesellschaften, auch muslimische Teenager. In Großbritannien teilten laut Befragungen 16- bis 17-jähige Jungen zu 46 Prozent seine Ansichten. Frustrierte Teenager würden online in eine solche Denkweise hineingezogen, was dann in die reale Gesellschaft hineinwirke. Gemeinsam sei Incels und Islamisten die Überzeugung, dass Frauen keine vollwertigen Menschen seien, die über ihr Leben entscheiden dürfen. Für muslimische Incels entstand so der Begriff "Mincels".

Rebecca Schönenbach ist Vorsitzende von Frauen für Freiheit e. V. Der Verein setzt sich gegen Gewalt gegen Frauen ein. Schönenbach ist Diplom-Volkswirtin, zertifiziert in Schariafragen bezüglich Islamic Finance und Spezialistin für islamischen Extremismus. Zusammen mit Naïla Chikhi hat sie im Januar 2021 den Sammelband "Ich will frei sein, nicht mutig – FrauenStimmen gegen Gewalt" (Alibri) herausgegeben.

Frauen, die den Vorgaben der Islamisten entsprechen, seien "rein", aber nicht gleichberechtigt. Sie würden entsexualisiert und heiliger gesprochen als "normale" Frauen. Innerhalb dieses Denkkonstrukts ergibt sich eine paradoxe Situation: Wer sich besonders streng verschleiert, gewinne dadurch Freiheiten und könne sich innerhalb des vorgegebenen Wertekodex' emanzipieren – eine Pervertierung des Freiheitsbegriffs in einer unfreien Gesellschaft. Die Mehrheit der Musliminnen in Deutschland trage kein Kopftuch und halte sich nicht an die Regeln der Islamisten, daher seien sie genau wie Nicht-Musliminnen Freiwild in den Augen von Islamisten.

Abschließend empfahl Rebecca Schönenbach, mehr in die Forschung zu Gewalt gegen Frauen sowie in Frauenverachtung als Faktoren von Radikalisierung zu investieren, mit Prävention ließe sich viel verhindern, meinte sie. Es gebe zu wenige Projekte zur Resozialisierung, die mit (potentiellen) Tätern arbeiten. Eine offene Frage blieb, wie man man Leute offline erreichen könne, die sich online radikalisierten.

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