Für den Garnisonkirchenturm in Potsdam gab es weder einen Bedarf, noch ist das Betriebskonzept der kirchlichen Stiftung Garnisonkirche wirtschaftlich tragfähig. Auch historisch gesehen ist der Turm ein problematisches Symbol. Dennoch wird er wiedererrichtet. Doch bei einer weiteren Finanzierung ist sogar die öffentliche Hand zurückhaltend.
Am 22. August 2024 ist in Potsdam nach sieben Jahren Bauzeit der Garnisonkirchenturm eröffnet worden. Neben der noch fehlenden 30 Meter hohen Helmspitze, die dieses Jahr aufgesetzt werden soll, fehlen im oberen Turmbereich auch noch die Fenster. Die Fensteröffnungen sind provisorisch mit Balken, Nylonnetzen und Acrylplatten teilweise geschlossen worden. Es regnet jedoch in den Turm.
Der Turm wird seit seiner Eröffnung als eintrittspflichtige Aussichtsplattform und für eine unkritische Ausstellung zur preußischen Militärgeschichte – mit einem Anhang zum Abriss und Wiederaufbau der Kirche – genutzt. Zwei Seminarräume können für Bildungsveranstaltungen angemietet werden.
Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Garnisonkirche war das Symbol des Preußischen Militarismus und seit dem "Handschlag von Potsdam" zwischen Hindenburg und Hitler 1933 vor der Kirche auch das Symbol der Verbindung der konservativen Schichten des Deutschen Reiches mit dem Nationalsozialismus. Der von der evangelischen Kirche und konservativen Kreisen propagierte Wiederaufbau ihres Turmes war daher von Anfang an politisch hoch umstritten. Zu der verfehlten restaurativen Symbolik kamen verfassungsrechtliche Verstöße der Wiederaufbauorganisation (Siehe dazu auch diesen Artikel beim hpd).
Einen Bedarf für den Kirchenturm gab es zu keiner Zeit. Ende 2021 hatte die evangelische Landeskirche EKBO (Evangelische Kirche Berlin-Oberlausitz) 1.120 Kirchgemeinden. Ende 2025 hat sie noch 533 Gemeinden. In fünf Jahren hat sich die Zahl der Gemeinden mehr als halbiert. Die EKBO geht davon aus, dass mindestens 30 Prozent der Kirchengebäude in den nächsten Jahren nicht mehr benötigt werden und sucht verzweifelt nach Käufern oder kulturellen Nutzungsmöglichkeiten, um Abrisse zu vermeiden. Auch 2005 bei der symbolischen Grundsteinlegung und 2017 bei Baubeginn hat niemand in Potsdam den Garnisonkirchenturm gebraucht. Das war schon immer klar.
Nun ist der Kirchenturm seit anderthalb Jahren in Betrieb und es stellt sich heraus, dass das Betriebskonzept der kirchlichen Stiftung Garnisonkirche Potsdam, die den Turm gebaut hat und betreibt, wirtschaftlich nicht tragfähig ist. Die Baukosten sind durch Kirchengelder, private Spenden und staatliche Zuschüsse finanziert worden. Aber auch der Betrieb des Turmes ist mit erheblichen Kosten verbunden.
Der Eintritt in den Turm kostet pro Person 12 Euro. Dafür darf man 365 Stufen auf eine Aussichtsplattform hinaufsteigen und einen Blick auf Potsdam genießen, den man vom Potsdamer Pfingstberg aus umsonst hat. Die Besucherzahlen lagen 2025 bei 50 Prozent der für einen ausgeglichenen Haushalt nötigen Zahl. Die Stiftung erwirtschaftete damit 2025 ein Defizit von rund 250.000 Euro und hätte Insolvenz anmelden müssen, wenn die EKBO nicht eingesprungen wäre. Für einen Zeitraum von drei Jahren hat die EKBO nun insgesamt für die Stiftung einen Krisenfonds in Höhe von 950.000 Euro bereitgestellt.
Die Leitung der EKBO fordert, dass die Stiftung Garnisonkirche Ende 2026 eine selbsttragende Finanzierung hat. Entweder müssen die Einnahmen gesteigert werden oder es muss ein anderes, finanziell funktionierendes Nutzungskonzept für den Turm geben. Weitere Zuschüsse soll es von der EKBO nicht mehr geben, diese fordert für den Fall, dass ein tragfähiges Finanzierungskonzept 2026 nicht gefunden werden kann, eine "Exitstrategie".
Auch die im Kirchenturm angebotenen Bildungsveranstaltungen können die wirtschaftliche Schieflage der Stiftung nicht ändern. Um der Kritik an der militaristischen und demokratiefeindlichen Symbolik des Wiederaufbaus entgegenzutreten, hat die Stiftung in das Betriebskonzept des Turms eine "friedensethische" Bildungsarbeit vor allem mit Schülern aufgenommen. Damit betreibt die Stiftung "peacewashing". In der Dauerausstellung zur preußischen Militärgeschichte findet sich von Friedensarbeit allerdings keine Spur. Im Gegensatz zu der von der Stiftung ständig aufgestellten Behauptung, man setze sich für die Demokratie ein, findet man auch davon in der Ausstellung nichts. Als digitales Bildungsangebot gibt es "Christlich-Sein in der DDR".
Eine friedensethische Bildungsarbeit, die vor allem von der Landeszentrale für politische Bildung gefördert wird, ist natürlich sehr sinnvoll. Nur braucht man dafür den Garnisonkirchenturm nicht. Es gibt in Potsdam – in Kirchen oder außerhalb von Kirchen – genügend Räume, um solche Veranstaltungen durchzuführen. Solche Veranstaltungen in einem Symbol des preußischen Militarismus durchzuführen hat keinen zusätzlichen Nutzeffekt. Und auch die durch diese Veranstaltungen erwirtschafteten Einnahmen reichen zur Deckung des Defizits nicht aus.
Wie weiter?
Es ist nicht zu erwarten, dass sich die finanzielle Lage 2026 ändern wird. Eine Steigerung der Besucherzahlen um 100 Prozent erscheint unwahrscheinlich. Die politische Bildungsarbeit kann auch nicht mehr wesentlich gesteigert werden. Es gibt für dieses überdimensionierte Gebäude mit erheblichen Betriebskosten keine sinnvolle wirtschaftliche Nutzung. Die Räumlichkeiten erfüllen auch nicht die heute bei Seminarveranstaltungen üblichen Anforderungen.
Dass man dauerhafte private Zustiftungen in Höhe von jährlich rund einer Viertelmillion Euro eintreiben kann, dürfte illusorisch sein. Die Stiftung versucht immer noch die 365 Stufen zu "verkaufen". Im unteren Bereich kosten der Namenseintrag auf einer Stufe 2.500 Euro im oberen 5.000 Euro – vermutlich weil man oben näher "zu Gott" ist. Die Nachfrage ist mäßig. Rund die Hälfte der Stufen ist noch nicht verkauft. Auch Zierziegel, die mit der Namensangabe des Käufers im oberen Turmbereich sichtbar eingebaut werden können, kann man noch reichlich erwerben. Da man eine Stufe nur einmal verkaufen kann, wäre vielleicht eine jährliche Vermietung einträglicher?
Am erfolgversprechensten scheint es der Stiftung zu sein, wieder staatliche Geldquellen anzuzapfen. Die Stadt Potsdam hat eine erneute finanzielle Förderung jedoch kategorisch ausgeschlossen. Derzeit versucht die Stiftung weitere Bundesgelder für eine jährliche Sockelfinanzierung zu erhalten. Auch bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und der EKD ist man vorstellig geworden. Eine weitere staatliche Finanzierung des Dauerbetriebs des Kirchenturms wäre jedoch ein erneuter Verstoß gegen den verfassungsrechtlichen Trennungsgrundsatz.
Man kann die Nutzung des Kirchenturms einstellen. Auch dies steht im Raum. Pfarrer Jan Kingreen aus dem Vorstand der Stiftung sagte allerdings sinngemäß dazu, man könne ein so teures Gebäude doch nicht leer stehen lassen.
Mit der Einstellung der Nutzung würde man die Kosten reduzieren, käme aber nicht auf Null. Auch die Instandhaltung eines leerstehenden Kirchenturms erzeugt erhebliche Kosten, die im vorliegenden Fall jährlich an einen sechstelligen Betrag heranreichen dürften. Leerstand ist teuer. Daher reißt die EKBO leerstehende Kirchengebäude, für die sie keinen Käufer oder kulturelle Nutzer findet, ab. Dies dürfte auch für den Turm der Potsdamer Garnisonkirche die wirtschaftlichste Lösung sein.
Politisch wäre es natürlich für die Kirche und alle das Projekt unterstützenden staatlichen Stellen eine Katastrophe. Die Kosten des Wiederaufbaus wurden 2017 mit rund 28 Millionen angegeben. Die Hälfte davon waren staatliche Zuschüsse. 2021 beliefen sich die Kosten bereits auf rund 40 Millionen. Die fehlenden 12 Millionen gab der Bund dazu. Dadurch wurde die Insolvenz der Stiftung in letzter Minute abgewendet. Der Bundesrechnungshof sah bei der Finanzierung Verstöße gegen wesentliche Haushaltsbestimmungen. Letztlich lagen die Kosten bisher bei 42,5 Millionen. Für die Fenster fehlt das Geld. Was würde der Abriss kosten? Und wer soll den bezahlen?
Der Bau des Garnisonkirchenturms ist nicht nur politisch verfehlt, er ist auch ein Millionengrab. Wenn man friedensethische Bildung hätte fördern wollen, hätte man das mit den inzwischen rund 45 Millionen Euro sehr viel effizienter machen können. Der Kirchenbau war immer nur ein Projekt konservativer Kreise, die rechte politische Ambitionen haben und Potsdam zu einem preußischen Freiluftmuseum umgestalten wollen, sowie ein Protzprojekt der evangelischen Kirche, die damit ihre gesellschaftliche Bedeutung in Ostdeutschland nachweisen wollte. Dieser Versuch ist gescheitert. Eine aufgrund niedriger und weiter schrumpfender Mitgliederzahlen nicht mehr vorhandene gesellschaftliche Bedeutung lässt sich nicht durch Protzprojekte kompensieren – "Gott sei Dank" müsste man sagen.
Hinweis der Redaktion (09.01.2026, 10:30 Uhr): Am Tag der Veröffentlichung vermeldete die Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ), dass der Bund jede weitere Förderung abgelehnt hat.






4 Kommentare
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Kommentare
Rene Goeckel am Permanenter Link
Was sagt eigendlich der Bund der Steuerzahler dazu? Nix?
GeBa am Permanenter Link
Warum Nix? weil alles was mit der heiligen Kirche zu tun hat Tabu ist!
Horst Junginger am Permanenter Link
Dank an Thomas Heinrichs für seinen fundierten und gut geschriebenen Artikel über die Potsdamer Garnisonkirche.
Nicht zuletzt weil der „lernort garnisonkirche“ eine kritische Pressemeldung veröffentlichte und Staatsminister Weimer dringend davor warnte, weitere Bundesmittel in ein Millionengrab zu werfen, scheint nun zumindest der Hintern dieses Goldesels verschlossen zu sein. Vom Bundesrechnungshof wurde das intransparente Finanzgebaren der - maßgeblich von Wolfgang Huber ins Werk gesetzten - „Stiftung Garnisonkirche“ stark kritisiert. Weil sie jetzt mehr oder weniger pleite ist, kam ihr Verwaltungsvorstand auf die glorreiche Idee, von der öffentlichen Hand eine halbe Million Euro als „Sockelfinanzierung“ zu verlangen, im Jahr wohlgemerkt.
Für weitere Informationen sei auf die Homepage des Lernorts verwiesen, dessen Wissenschaftlichem Beirat ich angehöre. Nach dem Tod von Micha Brumlik habe ich sein Amt als Beiratssprecher übernommen. 2026 steht der Kampf für den Erhalt des Rechenzentrums und gegen die Anbringung der 30 Meter hohen Kirchturmhaube auf dem Programm. Ihr Hauptelement ist der zum Herrn der himmlischen Heerscharen aufblickende Preußenadler, der sinnigerweise von einer Kanonenkugel im Gleichgewicht gehalten wird. Honi soit qui mal y pense.
Prof. Dr. Horst Junginger
Thomas Spickmann am Permanenter Link
Da hat Göring geheiratet, Hitler war Trauzeuge. Schon deshalb war ich am Wiederaufbau des Turms nicht interessiert.