Rezension

Populismus in den USA und Lateinamerika

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Ein wenig schmeichelhaftes Graffiti des US-Präsidenten Donald Trump
Donald Trump mit Teufelshörnern und gespaltener Zunge

Die Historikerin Ursula Prutsch blickt in ihrem gleichnamigen Buch auf den historischen und gegenwärtigen "Populismus in den USA und Lateinamerika". Dabei beschreibt sie kenntnisreich und locker populistische Akteure, wovon einige in Deutschland weniger bekannt sind, nimmt aber dann doch keinen systematischen Vergleich vor, wofür sie aber einen zehnteiligen Kriterienkatalog entwickelt hat.

Die hierzulande geführte Debatte über Populismus konzentriert sich meist auf Deutschland selbst oder die europäischen Nachbarländer. Da sind AfD und FPÖ, Lega und die Schwedendemokraten jeweils das Thema. Das Phänomen Populismus kommt indessen aus den USA, und es fand insbesondere in Lateinamerika große Verbreitung. Dorthin wird der Blick indessen weniger gerichtet, es sei denn auf Donald Trump. Doch welche populistischen Akteure gab und gibt es auf dem amerikanischen Kontinent und was lehrt uns deren Beschreibung für das Populismus-Verständnis? Antworten auf diese Fragen will Ursula Prutsch, die als Professorin für die Geschichte der USA und Lateinamerikas an der Universität München lehrt, in ihrem Buch "Populismus in den USA und Lateinamerika" liefern. Denn darin sollen die dortigen "unterschiedlichen Populismen in ihren historischen Dimensionen und regionalen Varianten" (S. 7) analysiert werden.

Beispielbild

Zunächst definiert die Autorin aber den gemeinten Begriff, worunter sie "keine Ideologie, sondern … ein Bündel von Herrschaftstechniken" (S. 14) versteht. Sie macht zehn grundlegende Kriterien aus: "Krise und Stillstand, (Wieder)-Gewinnung individueller Souveränität, (Wieder)-Gewinnung nationaler Souveränität, Inklusion und Exklusion, das Verhältnis zwischen 'Volk' und Demokratie, das 'Volk' versus Eliten und Experten, Populismus als Gegen-Bewegung, das Prinzip der unversöhnlichen Welten durch Demagogie und Polarisierung, die Instrumentalisierung von Medien auch durch Fake News und Verschwörungstheorien und schließlich die Persönlichkeit populistischer Führungsfiguren, ihre Herkunft und ihr Charisma" (S. 15). All dies finde man bei den im Folgenden dargestellten und eingeschätzten Phänomenen, wobei eine Aufteilung zunächst bezogen auf die USA und dann auf Lateinamerika vorgenommen wird.

Zunächst geht Prutsch historisch-chronologisch vor. Den Anfang machen Andrew Jackson als Präsident und die People’s Party als populistische Graswurzelbewegung, dann geht es zu Franklin D. Roosevelt und Huey Long über, dem folgt der Blick auf die Zeit des Kalten Krieges zwischen Anti-Kommunismus und Wohlfahrtsstaat, danach finden auch die Tea-Party- und die Occupy-Wall-Street-Bewegung vergleichendes Interesse – und ganz zum Schluss wird verständlicherweise Trump thematisiert. Dann springt die Autorin in den südlichen Teil des Kontinents: Zunächst behandelt sie den autoritären Rechtspopulismus in Brasilien von Vargas bis Bolsonaro und den Peronismus mit seinen Ausprägungen in Argentinien. Die weiteren Kapitel sind dem neoliberalen Populismus unter Fujimori in Peru, dem sozialistischen Populismus unter Chavez in Venezuela, dem Öko-Populismus von Correa in Ecuardor und dem Ethno-Populismus unter Morales in Bolivien gewidmet.

Die Autorin hatte eigentlich angekündigt, die jeweiligen politischen Phänomene mit dem erwähnten Kriterienkatalog zu analysieren. Dies geschieht aber nur in Ansätzen und nicht mit Systematik. Häufig sind die einzelnen Kapitel mehr historisch-beschreibend ausgerichtet, wobei man aber über in Deutschland bislang nicht sonderlich bekannte Populisten informiert wird, wozu etwa die "People’s Party" oder Huey Long gehören. Gerade in diesen informativ und locker gehaltenen Beschreibungen bestehen die inneren Stärken des Werks. Man merkt der Autorin an, dass sie Historikerin ist. Gleichwohl werden viele Aussagen nicht systematisch durch Quellenhinweise belegt. Bedauerlich ist die fehlende systematische Analyse, manchmal werden nur saloppe Kommentare eingestreut wie etwa: "Correa erwies sich auch darin als Populist, indem er jegliche Kritik als Störung von Harmonie anprangerte" (S. 172). So handeln auch Nicht-Populisten. Hier fehlt der systematische Vergleich.