Säkulare Flüchtlingshilfe: Jetzt auch in Berlin

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Die Säkulare Flüchtlingshilfe Berlin auf dem Berliner Gendarmenmarkt
Die Säkulare Flüchtlingshilfe Berlin auf dem Berliner Gendarmenmarkt

In Anwesenheit prominenter Gäste stellte sich am Montagabend die Säkulare Flüchtlingshilfe Berlin im Rahmen der Säkularen Woche der Menschenrechte vor. Die noch junge Organisation berichtete von ihren Erfahrungen und ihren Zukunftsplänen. Auch ein weiteres Projekt stellte sich vor: "R.future-TV" dreht gemeinsam mit Geflüchteten kurze Filme zu Menschenrechtsthemen.

Shuruq und Ziad sind ein Paar aus Saudi-Arabien. Beide waren atheistisch-oppositionell aktiv und bekamen einen Tipp, dass das Regime hinter ihnen her war. Innerhalb weniger Tage mussten sie alles hinter sich lassen. Einen gut bezahlten Job, Besitz, Familie. In Berlin fanden sie eine neue Heimat und Hilfe. So gründete sich nach Kölner Vorbild die Säkulare Flüchtlingshilfe Berlin, die sich jetzt auf einer Veranstaltung im "Haus der Demokratie und Menschenrechte" im Rahmen der Säkularen Woche der Menschenrechte in Berlin vorstellte. "Heim was really a bad experience" erklärt Shuruq in einem kurzen Video, das zu Beginn gezeigt wird. Man sieht, wie die beiden endlich eine eigene Wohnung beziehen können. "Now I feel like a human, here I feel how life is", sagt sie über das Leben in Deutschland. Das sei wichtiger als alles, was sie zurückgelassen hätten.

Dr.Carsten Frerk
Dr.Carsten Frerk bei der Pressekonferenz am 12.11.2018, Foto: © David Farago

Da die Asylregelungen auf Länderebene bestünden, müsse auch die Flüchtlingshilfe so organisiert werden, erläutert Carsten Frerk, Beirat der Giordano-Bruno-Stifung (gbs) und Mitbegründer der Säkularen Flüchtlingshilfe Berlin, im Vortrag. Kommenden Mittwoch solle der dritte Ableger der Aktion in Hamburg gegründet werden. Man müsse immer wieder aufs Neue plausibel darlegen, warum Apostasie gerade in islamisch geprägten Ländern ein Fluchtgrund sei, damit dieser anerkannt werde, erklärt Frerk die Arbeit des Vereins. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sei sehr zurückhaltend, sich in dieser Sache kundig zu machen. Deshalb habe die Säkulare Flüchtlingshilfe Berlin jetzt einen Flyer dazu herausgegeben. Problematisch sei zudem, dass Übersetzer die Geflüchteten in Anhörungen automatisch als Muslime betitulierten. In Flüchtlingsheimen seien die Atheisten nicht sicher. Separiert würden laut Integrationsbeauftragtem als besonders angreifbar aber nur alleinstehende Frauen, LGBTs und konvertierte Christen. "Man will die Konflikte politisch nicht als religiöse Konflikte wahrnehmen", meint der Vortragende, sondern als kulturell oder traditionsbedingt.

Gemeinsam wollen Aktivisten und Schützlinge auch in der Öffentlichkeit präsent sein. Anfang des Monats trafen sie sich auf dem Berliner Gendarmenmarkt. Auf wie Sprechblasen geformten Schildern schrieb jeder, was ihm persönlich wichtig ist: "Ich glaube nicht an Allah! Na und?", "Säkulare = Hoffnung gegen religiösen Wahn" oder "Säkulare Flüchtlinge brauchen sicheren Wohnraum!" Für das kommende Jahr gibt es auch schon einige Ideen. Eine Deutschlandreise für Flüchtlinge zum Beispiel, auf der sie Natur und Kultur ihres neuen Landes kennen lernen sollen, um es besser zu verstehen. Dafür müssen aber noch Sponsoren gefunden werden. Ein weiteres geplantes Projekt ist eine säkulare digitale Bibliothek, für die englische Texte ins Arabische übersetzt und kostenlos im Internet zur Verfügung gestellt werden sollen – nur mit lizenzrechtlicher Genehmigung versteht sich. Bei Richard Dawkins habe sich bereits gezeigt, dass das Interesse in der arabischen Welt da sei: Sein "Gotteswahn" sei in der arabischen Version 12 Millionen Mal heruntergeladen worden. Außerdem sei eine AG Wohnen geplant unter dem Slogan "Vermieten Sie an Atheisten" – samt Infomobil in Form eines "A".

Auch ein weiteres Flüchtlingsprojekt stellte sich an diesem Abend vor: "R.future-TV – Flüchtlinge für Demokratie und Menschenrechte". Nina Coenen aus Osteuropa und Sami Alkomi aus Syrien haben es gegründet. "Es ist ein Partizipationsprojekt von, mit und für Flüchtlinge", erklärt Coenen. Die universellen Menschenrechte seien "Inhalt, Motivation und Ziel" ihrer Arbeit. In jeder Episode nehmen sich Filmemacher und Geflüchtete ein zuvor gemeinsam ausgewähltes Thema vor, das in der arabischen Community mit Menschenrechtsverletzungen verbunden ist, über das dann ein kurzer Film entsteht. Die gemischt deutsch-arabischen Clips, die teilweise von der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales gefördert werden, werden dann in Integrationsseminaren, Flüchtlingsheimen und Schulklassen gezeigt. Im vorgeführten Fall geht es um Radikalisierung, die Frage, wie es dazu kommt und wie man ihr entgegenwirken kann. Zu Wort kommen unter anderem Hamed Abdel-Samad, Islamkritiker und gbs-Beirat, sowie Necla Kelek, islamische Feministin und Soziologin, die das Projekt auch inhaltlich betreut.

Letztere war auch selbst anwesend im "Haus der Demokratie und Menschenrechte". "Religionsfreiheit ist für mich die entscheidendste Voraussetzung für ein demokratisches Leben", sagte sie in einem spontanen Statement. Auch Mina Ahadi, gbs-Beirätin und Menschenrechtlerin, meldete sich auf der Veranstaltung zu Wort: "Wir müssen noch mehr Gesicht zeigen, noch mehr diese Leute vorstellen". "Die Auseinandersetzung mit dem Islam und mit den Flüchtlingen verdeutlicht uns, wie wichtig es ist, eine komplette Trennung von Kirche und Staat herbei zu führen", sagte Stefan Paintner, Initiator der Säkularen Flüchtlingshilfe Köln, zum Abschluss, bevor man zum gemeinsamen orientalischen Buffet überging.