Gibt es Satanisten, die Kinder über Jahre hinweg systematisch rituell missbrauchen, ohne dass es jemand bemerkt? Verschwörungsgläubige meinen: ja. Warum diese Annahme haltlos ist, erklärte der Psychologe Alexander Wolber, Leiter des "Humanistischen Bildungs- und Begegnungszentrums in Konstanz" (hbbk), in einem Vortrag.
Im Jahr 1980 erschien das Buch "Michelle Remembers" des Psychiaters Lawrence Pazder, in dem er den Therapieverlauf seiner Patientin – und späteren Ehefrau – Michelle Smith rekonstruierte. Er berichtete von barbarischen, satanischen Ritualen, denen sie im Alter von etwa fünf Jahren ausgesetzt gewesen sei. Herausgefunden habe er dies durch wiedergefundene Erinnerungen in zahlreichen Hypnosesitzungen. Dass dies jedoch nicht stimmte und Pazder seiner Patientin Scheinerinnerungen suggerierte, zeigten Kritiker schnell auf und legten es öffentlich dar. Nichtsdestotrotz wurden Pazder und Smith nach der Veröffentlichung des Buches zu gefragten Experten für rituelle (satanische) Gewalt. Dies war der Beginn einer "Hexenjagd" in den USA, die sich bis in die 1990er Jahre zog und zu unzähligen Anschuldigungen und Prozessen gegen vermeintliche Satanisten führte. In über einem Jahrzehnt intensivster polizeilicher Ermittlungen konnte jedoch kein einziger Fall von rituellem (satanischem) Missbrauch an Kindern nachgewiesen werden. Diese paranoide und ergebnislose Suche nach satanischen Täternetzwerken ging später als "Satanic Panic" in die Geschichte ein.
Während die Satanic Panic in den USA allmählich abflaute, griff die deutsche Psychotherapeutin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande, Michaela Huber die Verschwörungstheorie um rituell (satanisch) missbrauchende Täternetzwerke auf und machte sie zunächst in Deutschland und später auch in Österreich und der Schweiz salonfähig.
Neben der rituellen Gewalt durch satanische Täternetzwerke nimmt das Konzept der "Mind Control" eine zentrale Position ein, weshalb der Verschwörungsmythos auch "Rituelle Gewalt/Mind Control" (RG-MC) genannt wird. Demzufolge würden Satanisten Folter einsetzen, um die Persönlichkeit eines Menschen gezielt zu spalten. Diese gespaltenen Persönlichkeitsanteile könnten dann nach Belieben "programmiert" und per "Fernsteuerung" aktiviert werden. Aus diesen Gründen würden sich Opfer auch nicht an die Folterungen erinnern, da die Täter die erinnerungsfähigen Persönlichkeitsanteile "ausgeschaltet" hätten. In der klinischen Praxis wird später häufig die Diagnose einer "dissoziativen Identitätsstörung" (früher: Multiple Persönlichkeitsstörung) gestellt. Dass die beschriebenen Mechanismen der RG-MC wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen, sei hier nur am Rande erwähnt.
Ähnlich wie damals bei Pazder sind es auch heute hauptsächlich Psychotherapeuten (meist Traumatherapeuten), die der RG-MC den Rücken stärken. Sie sind es, die ihren Patienten Scheinerinnerungen suggerieren. Aufgrund der plastischen und konstruktiven Eigenschaften des Gedächtnisses bemerken die betroffenen Patienten nicht, dass ihre "wiedergefundenen" Erinnerungen keine tatsächlich stattgefundenen Ereignisse beschreiben. Letztlich sind Patienten also nicht Opfer von Satanisten geworden, sondern von ihren Psychotherapeuten.
Leider sind RG-MC-Verschwörungsgläubige in Deutschland gut vernetzt und einflussreich. Immer wieder reproduzieren deutsche Medien die RG-MC unkritisch (wie in diesem hpd-Artikel beschrieben), was zur Verbreitung dieser pseudowissenschaftlichen Thesen beiträgt. Vertreter der RG-MC haben darüber hinaus sogar auf staatlicher Ebene Fuß gefasst.
Der Vortrag wurde aufgezeichnet und auf dem YouTube-Kanal der Regionalgruppe der Giordano-Bruno-Stiftung Bodensee veröffentlicht. Wie genau die RG-MC verbreitet wird und welche staatlichen Strukturen mitverantwortlich sind, kann man dort nachhören.







