Wie verschiedene Wirklichkeiten Demokratien schaden

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Azimutale äquidistante Projektionen der Kugel wie diese wurden auch als Bilder des flachen Erdmodells adaptiert, das die Antarktis als Eiswand um eine scheibenförmige Erde darstellt.
Flache Erde

Wenn Verschwörungsmythen die Welt, wie sie ist, erklären sollen und dabei – selbstverständlich – scheitern, ist das für die Demokratie eine Gefahr. Auch so ist zu erklären, dass Donald Trump noch einmal zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Obwohl bereits seine erste Amtsperiode für viele klar machte, dass er außer Stande ist, Probleme und deren Komplexität zu begreifen.

Wieder ist es geschehen, dass Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Die Empörung war groß und die Emotionen überboten sich sekündlich im Internet und anderen Medien, als sei das Wahlergebnis nicht absehbar gewesen. Gleichzeitig zeigte sich einmal mehr, dass die Geschehnisse in den Vereinigten Staaten einerseits für heftige Reaktionen sorgen, andererseits Wahlen in anderen Staaten mit ähnlichen Resultaten kaum eine Beachtung finden, obwohl dort vergleichbare Vorgänge, die die Wahl von extremistischen, nationalistischen und rückwärtsgewandten Parteien oder Personen begünstigen, zum Alltag gehören. Weltweit erhalten Personen und Gruppen vermehrt Machtpositionen, obwohl sie aktuelle lokale, regionale und globale Probleme und deren Komplexität gar nicht wahrzunehmen scheinen, stattdessen ihre eigene Wirklichkeit erschaffen, sie mit aller Überzeugungskraft kommunizieren, bis sich die Wählerschaft selbst in dieser Wirklichkeit wiederfindet. Dieses Phänomen verdient eine Betrachtung, besonders im Hinblick auf dem Umstand, dass am 23. Februar 2025 auch in Deutschland gewählt wird.

Mehr als nur die eigene Wirklichkeit schaffen

Grundsätzlich kann man zwischen Realität und Wirklichkeit unterscheiden. Realität kann man als das verstehen, wie die Welt und all ihre enthaltenen Dinge tatsächlich sind. Der Mensch verfügt über einen Erkenntnisapparat (Wahrnehmung und Vernunft), mit dessen Hilfe er die Realität erkennen und verstehen lernen kann. Dieser Vorgang unterliegt einerseits Fehlern, etwa wenn wir etwas falsch wahrnehmen, und ist andererseits begrenzt, weil wir nicht alles wahrnehmen und durchdenken können. Trotz dieser Einschränkungen hat der Mensch die Chance, sich der Realität anzunähern, beispielsweise durch neue empirische Untersuchungsmöglichkeiten, neue Denkmodelle und allgemein durch einen Diskurs mit anderen Menschen.

Da es jedoch philosophisch fraglich ist, ob er sich der Realität jemals vollständig annähern kann, ist davon auszugehen, dass jeder Mensch nur einen Teil der Realität erkennen und verstehen kann und sich insofern eine Wirklichkeit erschafft. Diese Wirklichkeit ist unter anderem durch Wahrnehmungen, Meinungen, Überzeugungen, Argumente und Glaubenssätze bestimmt, die wiederum zu Konstrukten wie Erwartungen, Annahmen und Theorien führen. Treffen Menschen mit ihren jeweils eigenen Wirklichkeiten aufeinander, treten sie, wenn sie sich als Vernunftwesen verstehen, in einen Austausch über ihre Weltbilder und finden dabei einen Kompromiss, der es ihnen ermöglicht, trotz in Teilen unterschiedlicher Überzeugungen und Ansichten zusammenzuleben. So können beispielsweise Partnerschaften, Gemeinschaften und Kulturen ent- und bestehen. Das sind allzu menschliche Prozesse, die sich täglich ereignen und wiederholen. Allerdings besteht auch eine Tendenz, die solche Prozesse unterbindet.

Schon immer hat es Menschen und Personengruppen gegeben, die von einer besonderen Wirklichkeit ausgingen und glaubten, die Auffassung ihrer Wirklichkeit sei die einzig wahre. Man denke dabei nur an allerlei Verschwörungsmythen über die inszenierte Mondlandung, die planmäßige Zerstörung des World Trade Centers, die Chemtrails, die Corona-Impfchips oder einen Bevölkerungsaustausch. Im Zeitalter der Fake News werden Wirklichkeiten nicht nur durch theoretische Gebilde und Fachvorträge in okkulten Kreisen, auf Parteitagen oder in der YouTube-Universität erschaffen und propagiert, sondern ebenso über gezielte Falschinformationen. Diese können einerseits einfache Lügengebilde sein, andererseits hochkomplexe Fälschungen von Inhalten mittels künstlicher Intelligenz. Hitler wird so zum Kommunisten, der menschengemachte Klimawandel geleugnet und Menschen bestimmter Herkünfte, Religionen oder Geschlechter diskriminiert.

Allen Kreatorinnen und Kreatoren einer Wirklichkeit, die sich als die einzig wahre behaupten will, sind oftmals bestimmte Ausprägungen zu eigen. Wie alle Menschen wollen auch sie Orientierung finden, besonders in der heutigen Lebenswelt, die sich durch eine allgegenwärtige Informationsvielfalt, ständige Wandlungen und komplexe Zusammenhänge auszeichnet. Das Streben nach Orientierung (das heißt, die Realität möglichst vollständig zu erkennen und zu verstehen sowie daran das eigene Handeln auszurichten) wird bei ihnen jedoch stark abgekürzt, anstatt es als einen langwierigen, sich immer neu vollziehenden Prozess zu verstehen, der beständige Anpassungen an Neuheiten und Entwicklungen benötigt. Vielmehr wird der kürzeste Weg auf der Suche nach Halt und Weltverständnis gewählt. Komplexitäten werden in diesem Zusammenhang stark reduziert, um die Welt wieder in irgendeiner Form begreiflich zu machen und Antworten auf vielerlei Fragen zu finden.

Darüber hinaus meinen diejenigen, die ihre "eigene Wahrheit" gefunden haben, das heißt, ihre eigene Wirklichkeit mit einfachen Glaubenssätzen und unreflektierten, aber stark verhärteten Überzeugungen aufgebaut haben, dass sie ihre Sicht der Dinge nicht nur kommunizieren, sondern andere, die noch nichts von jener gefundenen Wahrheit erfahren haben, mit ihren Positionen und Sichtweisen überfallen müssten. Die eigene Wirklichkeit ist ihnen zwar lieb und teuer, aber besser ist es, sie mit anderen zu teilen. Andere Wirklichkeiten, andere Glaubenssätze und Überzeugungen, ganz zu schweigen von Gegenargumenten, werden nicht geduldet, denn es ist nicht entscheidend, seine eigene Wirklichkeit gefunden oder erschaffen zu haben, sondern sie muss als die Wirklichkeit gelten, die als einzige Akzeptanz finden darf. Weitere Wirklichkeiten werden nicht geduldet.

Noch mehr, diese Wirklichkeit wird mit der Realität gleichgesetzt. Die Schöpferinnen und Schöpfer eigener Wirklichkeiten, die darüber hinaus den Anspruch verfolgen, ihre Sicht der Dinge anderen aufzunötigen und keine Gegensichtweisen zulassen, stellen sich als Erleuchtete, als die alleinigen Erkennenden einer Wahrheit und als diejenigen dar, die endlich einmal die Dinge bei klarem Namen nennen, um sich als Autoritäten zu präsentieren und so für Überzeugungskraft zu sorgen – das Kerngeschäft des Populismus. Die Wirklichkeit tritt auf kurz oder lang mit den Wirklichkeiten anderer Menschen in einen Konflikt. Dieser Konflikt wird nicht als eine Chance verstanden, sich über unterschiedliche Wirklichkeiten so auszutauschen, dass gegenseitige Akzeptanz sowie die Möglichkeit zur Einnahme neuer Perspektiven bestehen können, um letztendlich ein Zusammenleben zu ermöglichen, sondern bietet nur Anlass zu einem Kampf gegen andere Auffassungen, Ansichten und Wirklichkeiten.

Wenn plötzlich Macht dazukommt

Nun kann es besonders in demokratischen Systemen an sich völlig gleichgültig sein, wer welche Wirklichkeit für sich erschaffen hat, solange es zu keinem Konflikt mit anderen kommt. Wer auf die Existenz von Chemtrails schwört oder meint, es gebe keinen menschengemachten Klimawandel, kann dies erst einmal ohne Probleme tun. Die Probleme beginnen erst dort, wo die Kommunikation und das Aufnötigen der eigenen Wirklichkeit erfolgen und ferner erfolgreich in dem Sinne verlaufen, dass weitere Anhängerinnen und Anhänger gefunden werden, die sich jener Wirklichkeit zugehörig fühlen und allein das Ziel verfolgen, diese Wirklichkeit um jeden Preis und bei gleichzeitiger Ignoranz anderer Wirklichkeiten kämpfend zu verteidigen. Damit und mit der Vervielfältigung der Anhängerschaft sind die Bedingungen dafür gegeben, dass eine Wirklichkeit, die zu Beginn nur irgendeine unter vielen war, allmählich zum Standard für viele andere Menschen wird, die oftmals das Wirklichkeits-Angebot dankend annehmen, weil sie selbst auf der Suche nach Orientierung sind und noch nicht einmal den Umweg über das Erschaffen einer eigenen Wirklichkeit gehen möchten, sondern einfacherweise gleich eine fremde Wirklichkeit in ihre eigene integrieren oder sie übernehmen.

Sie können ebenso auf rhetorische Strategien hereingefallen sein, weil sie es zu mühsam empfanden, Aussagen kritisch zu reflektieren. Die Anhängerschaft kann sich dann schnell und leicht zu einer Gruppierung, zu einem Verband bis hin zu einer Partei formieren und gleichzeitig für vielfache Unterstützung der Institutionalisierung ihres Wirklichkeitskampfes sorgen. Andere Wirklichkeiten werden weiterhin nicht nur abgelehnt, sondern mit den heutigen Mitteln emotionalisierter Scheindebatten und gezielter Fehlinformationen direkt bekämpft. Je erfolgreicher die Bekämpfung vonstattengeht, desto mehr Macht erhält eine Person oder eine Gruppierung, die sich einer ganz eigenen Wirklichkeit verschrieben hat. Wenn es schließlich gelingt, beispielsweise starken politischen Einfluss zu erlangen, etwa durch das Bekleiden höchster Ämter, verfestigt und tradiert sich eine selbsterstellte Wirklichkeit immer mehr, was mit einem steten Mündigkeitsverlust der Menschen einhergeht, die sich nicht mehr darum sorgen, sich ihre eigenen kritischen Gedanken zu machen, stattdessen blindlings sämtliche Aussagen über Welt, Personen und Menschengruppen annehmen sowie ihr Handeln danach ausrichten.

Einerseits mag das in gewisser Weise etwas Gutes für all diejenigen darstellen, die endlich ihren Wunsch, Orientierung zu finden, erfüllt sehen. Sie finden sich mehr und mehr in einem geregelten Alltag und einem politischen Miteinander, das sich auf klare Ziele, klare Grundverständnisse und klare Feindbilder gründet. Man ist für oder gegen eine Sache. Das ist leicht verständlich und so erlangt man im Leben endlich wieder eine Idee davon, wie zu denken und zu handeln ist. Nur wird eine solche Orientierung mit einem hohen Preis erkauft. Dieser spiegelt sich unter anderem in einem Anstieg von Konflikten, Diffamierungen, Ausgrenzungen und der Zunahme einer gemeinschafts- und demokratieschädlichen Egozentrizität wieder.

Da man nur noch der einen und nicht der anderen Wirklichkeit anhängen und keine gemeinschaftsförderlichen Kompromisse mehr schließen will, darf oder kann, muss man sich zusehends gegen Vertreterinnen und Vertreter anderer Wirklichkeiten verteidigen, angefangen von privaten lautstarken Auseinandersetzungen mit der Partnerin oder dem Partner, über hitzige Diskussionen auf der Straße, in Fernsehsendungen oder Parlamenten bis hin zu dem Moment, an dem die Wortgewalt nicht mehr ausreicht und andere Formen der Überzeugung, das heißt der kämpferischen Verteidigung der eigentlichen Wirklichkeit, gefunden werden müssen, die dann von körperlicher Gewalt über Anschläge und politische Morde bis hin zu Kriegen reichen können. Was anfangs mit dem Wunsch nach Orientierung in einer komplexen Welt und der bequemen Wahl der günstigsten Möglichkeit zur Wunscherfüllung begann, endet in einem Chaos der verbalen, psychischen, körperlichen und kriegerischen Gewalt.

Wir haben es in der Hand

Wer auf die aktuelle Weltlage blickt, mag verständlicherweise ein Gefühl der Ohnmacht erfahren und sich einem Fatalismus hingeben, weil man denkt, man könnte ohnehin nichts ändern und die Welt steuere ganz von selbst dem Untergang entgegen. Das ist aber zu einfach gedacht und verkennt die Fähigkeit des Menschen, Schwierigkeiten vernünftig zu lösen. Das vernünftige Lösen einer Schwierigkeit besteht aber nun auch nicht darin, sich mit dem Lesen eines Artikels zu begnügen, in dem irgendjemand gegen irgendetwas spricht oder darin, einen Blogeintrag zu verfassen, in Sozialen Medien zu interagieren oder sich auf Demonstrationen mit einer Spruchpappe dazuzugesellen. Ebenso ist es nicht zielführend, jemandem Reduktion von Komplexität vorzuwerfen, selbiges dann aber auch zu tun, indem man mit eigenen Schlagworten und Leerphrasen auf die Reduktion reagiert.

Wo immer mit Kampfbegriffen und trendigen Phrasen um sich geworfen wird, ist kein Platz für einen Diskurs gegeben – aber diesen brauchen wir, auch wenn er anstrengt, viele Ressourcen in Anspruch nimmt, oftmals für den Moment zu scheitern scheint und man meint, dass die Welt nur noch aus Unverbesserlichen bestünde. Um Diskurse wieder aufleben zu lassen, die das Ziel haben, sich gegenseitig über etwas auszutauschen und darauf aufbauend Konzepte des friedlichen Zusammenlebens zu entwickeln, ist es nötig, den heutigen Menschen verstehen zu lernen, ihn als vielschichtiges Lebewesen wahrzunehmen, das sich in einer überaus komplexen Welt zurechtfinden und behaupten möchte. Er hat Bedürfnisse, Sehnsüchte, Wünsche, Visionen, Glaubensätze, Überzeugungen und letztendlich eine Vernunft, die er sich zunutze machen kann. Das gilt für alle Menschen, egal welchen Glaubens-, Denk- und Politiklagern sie angehören. Und in diesem Sinne haben wir es in der Hand, davon abzukommen, über Personen und Gruppen zu reden, und stattdessen mit ihnen zu sprechen, um auf diesem Wege gemeinsam – auch wenn dies ein nie abgeschlossener Prozess ist – ein Verständnis dafür zu erlangen, wie wir gemeinsam leben wollen.

Gleichzeitig ist es mehr denn je für uns geboten, kritisch zu bleiben, Aussagen zu hinterfragen und genau dann skeptisch zu werden, wenn jemand Komplexitäten auf Kampfphrasen reduziert. Bedeutend ist es dabei aber, keine Abwehrhaltung einzunehmen, sondern immer wieder von Neuem zum Dialog einzuladen. Beginnen wir damit nicht und ziehen es stattdessen vor, Wirklichkeiten in Konflikte miteinander treten zu lassen, dann werden die Probleme der heutigen Zeit nicht nur weiterhin zunehmen, sondern zu einer derartig starken Unmündigkeit der Menschen führen, dass nur noch Emotionen und Affekte handlungsleitend werden, woraus sich schrittweise eine Zersetzung sämtlicher demokratischer Gesellschaften ergibt und wir als Weltgemeinschaft in unserer Entwicklung Jahrhunderte zurückgeworfen werden.

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