Veranstaltungsbericht

Die Evangelikalen – Ein Ex-Pastor packt aus

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Bernd Fleißner bei seinem Vortrag im hbbk
Bernd Fleißner

Bernd Fleißner war über 35 Jahre Teil der christlich-fundamentalen Bewegung und arbeitete eine Zeit lang sogar als evangelikaler Pastor. Eines Tages jedoch gelang ihm der Ausstieg. Im Humanistischen Bildungs- und Begegnungszentrum in Konstanz (hbbk) berichtete er von seinen Erfahrungen und gab tiefe Einblicke in eine Welt, die den meisten verborgen bleibt – und das gefiel den Evangelikalen so gar nicht.

Die Protestanten gelten gemeinhin als die "guten" Christen – sie scheinen progressiver als ihr katholisches Pendant zu sein, geben sich in ihrer Sexualmoral offener und erlauben Frauen das Pfarramt. Jedoch greift diese Darstellung bei Weitem zu kurz. Denn auch bei ihnen gibt es deutliche reaktionäre Strömungen. Die Rede ist von den Evangelikalen.

Bernd Fleißner schätzt, dass es in Deutschland aktuell circa 1,5 Millionen Evangelikale gibt, die in den unterschiedlichsten Gemeinden innerhalb der evangelischen Landeskirche (z.B. Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband) oder freien Kirchen (z.B. Hillsong Church) organisiert sind. Trotz der zum Teil modern anmutenden Selbstdarstellungen vertreten die Evangelikalen eine konservative bis reaktionäre Weltanschauung sowie ein fundamentales Bibelverständnis.

Doch warum begeistern manche evangelikalen Gemeinden einige Leute so sehr? Laut Fleißner liegt das vor allem an drei Kernmerkmalen: ein geschlossenes Weltbild, ein starkes Zugehörigkeitsgefühl und die konsequente Vermittlung eines Lebenssinns im Dienste ihres Gottes. In der großen Welt der globalen Krisen und Ungewissheiten vermitteln die Evangelikalen eine kleine Welt der Überschaubarkeit und Beständigkeit.

Allerdings fordert das seinen Tribut: Komplexität wird durch Einfachheit ersetzt, eigenständiges Denken weicht den Dogmen und das Weltbild wird dualistisch. Entweder ist das Leben gottgefällig, oder man muss für seine Sünden Buße tun. Letztlich haben evangelikale Strukturen eine Sogwirkung, die ihre Mitglieder immer stärker ins Zentrum der Ideologie ziehen und gleichzeitig von der "normalen Welt" da draußen isolieren. Den wenigen kritischen Köpfen, denen es irgendwann gelingt, das manipulative Schauspiel zu erkennen, droht die Ächtung – so auch dem Referenten Bernd Fleißner.

Nach der Veröffentlichung des Vortrags auf dem YouTube-Kanal der Giordano-Bruno-Stiftung Bodensee verbreitete sich das Video in der evangelikalen Community. Innerhalb kürzester Zeit fanden sich unter dem Video bereits über 200 Kommentare. Die meisten teilten ihre reaktionären, christlich-fundamentalistischen Überzeugungen und einige diskreditierten den Referenten. Im Prinzip offenbarte sich in der Kommentarspalte die Kleingeistigkeit, die Fleißner in seinem Vortrag adressierte. Quod erat demonstrandum.

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