Warum wenden sich Menschen dem Islamismus zu? Welche Rolle spielen die Sozialen Medien und was verbindet den islamischen Antisemitismus mit dem von links, rechts und aus der Mitte der Gesellschaft? Auf einer Veranstaltung des Zera Institutes Ende Januar in Berlin versuchten Seyran Ateş, Ariella Chmiel, Rebecca Schönenbach und Ahmad Mansour, Antworten auf diese und weitere Fragen zu finden.
Für viele war die Explosion des Antisemitismus auf Deutschlands Straßen und Plätzen nach den Morden der Hamas in Israel eine Überraschung. Auch die offen zur Schau gestellten Bündnisse von Islamisten, Linksradikalen sowie Künstlern und Intellektuellen dürften viele verwundert haben. Auf Seyran Ateş, Ariella Chmiel, Rebecca Schönenbach und Ahmad Mansour traf das nicht zu. Die vier gehörten zu den wenigen, die schon viele Jahre vor dem größten Massaker an Juden seit der Shoah vor dem Anwachsen von Islamismus und Antisemitismus ebenso gewarnt haben wie vor dem Postkolonialismus, der den intellektuellen ideologischen Überbau für den Judenhass lieferte und in weiten Teilen der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften an westlichen Universitäten bis heute en vogue ist.
Alle wurden sie dafür beschimpft und bedroht, benötigten Personenschutz und wurden als Rassisten und Islamfeinde denunziert. Nach dem 7. Oktober konnte jeder, der wollte, sehen, dass sie mit all ihren Warnungen, die kaum einer hören wollte, Recht hatten. Geändert hat sich für sie wenig: Seyran Ateş' Ibn-Rushd-Goethe-Moschee wurde wegen terroristischer Bedrohungen im Oktober 2023 geschlossen und dem Psychologen Ahmad Mansour wurde von anonymen Quellen im Herbst vergangenen Jahres in einem Correctiv-Artikel die Wissenschaftlichkeit eines seiner Projekte abgesprochen. Und die Denunziationen und Beschimpfungen gehen ohnehin weiter.
Mit den Vieren saß also geballte Kompetenz in Sachen Islamismus und Antisemitismus auf der Bühne der vom Zera Institute Ende Januar in Berlin veranstalteten und von Maral Salmassi, der Gründerin des Instituts, moderierten Diskussionsveranstaltung. Rebecca Schönenbach, Feministin und Terrorexpertin, machte gleich zu Beginn klar, dass man die Religiosität von Dschihadisten ernst nehmen sollte und dass der Glaube ihr Handeln präge. Man würde oft Witze über die Vorstellung des Paradieses mit den 72 Jungfrauen machen, aber sie würden daran glauben. Und "der Triggerpunkt", sagte Schönenbach, "ist ganz, ganz oft die Angst vor der Hölle. Wir machen uns oft lustig darüber, aber es ist eine reale Angst." Die neue Generation der Islamisten, führt Mansour aus, radikalisiere sich in den Sozialen Medien. Und das sei kein Zufall: Die Algorithmen würden radikale Positionen bevorzugen.
Für Ateş ist allerdings nicht nur die Programmierung schuld. Länder wie der Iran würden viel Geld ausgeben, um zum Beispiel auf TikTok alles zu pushen, das dem Westen und der Demokratie schadet. Und dabei gehe es nicht immer um religiöse Inhalte: "Als das Regime im Iran das Internet abschaltete, sind in
Schottland plötzlich Accounts verschwunden, die sich massiv für schottische Unabhängigkeit eingesetzt haben." Die Accounts wurden offensichtlich vom Iran aus betrieben, es sei eine Einflussoperation gewesen. Mansour und Ateş sprachen sich dafür aus, den Zugang zu Sozialen Medien erst ab 16 freizugeben oder auch TikTok zu verbieten – glaubten jedoch beide nicht daran, dass solche Vorhaben umgesetzt werden können.
Vor allem Mansour plädierte dafür, in den Sozialen Netzwerken emotionaler aufzutreten, um die Reichweite zu erhöhen. Ateş findet es wichtig, Islamisten die Vorteile der Demokratie und der liberalen Gesellschaft nahezubringen. Aber es müssten auch klare Grenzen gezogen werden, und das sei nicht geschehen, wenn religiöse Praktiken Grundrechte gefährden: Die Religionsfreiheit sei sehr hochgespielt worden, aber es sei nie gesagt worden, dass die Religionsfreiheit als Grundrecht auch ihre Grenzen hat. Dass es in Berlin nun einen Tag gegen Islamfeindlichkeit gebe, aber niemand mehr die Namen der Opfer des islamischen Terroranschlags auf dem Breitscheidplatz kenne, sei ein Skandal.
Islamismus und Antisemitismus würden eng zusammenhängen, konstatierte Mansour. Die Golfstaaten hätten das erkannt: "Sie haben aus ihren Schulbüchern antisemitische Propaganda nicht aus Liebe zu den Juden gestrichen, sondern weil sie verstanden haben: Wenn wir das zulassen, dann haben wir radikale
Islamisten." In Deutschland sei man noch nicht so weit und lasse Antisemiten große Freiräume. Juden spürten diese Gefahr, erklärte die Münchener Politikwissenschaftlerin Ariella Chmiel, und es sei schwer, das der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft zu erklären.
Sie seien die sprichwörtlichen Kanarienvögel im Bergwerk: "Das heißt, wenn da etwas passiert und wenn dieser Antisemitismus, dieser Hass durch Sprache legitimiert dann tatsächlich in Gewalt übergeht, dann wird das für die gesamte Gesellschaft zur Gefahr, und das merken viele erst viel zu spät." Der Antisemitismus in den "progressiven Milieus", über den sich viele in den vergangenen Jahren gewundert hätten, sei nichts Neues. Schon in den 50er Jahren habe die Sowjetunion in ihrer Propaganda auf antiisraelischen Antisemitismus gesetzt und Zionismus mit Imperialismus gleichgesetzt, obwohl er antikoloniale Wurzeln habe.
Der Antisemitismus, da waren sich alle auf dem Podium einig, sei zugleich ein Türöffner hin zur Radikalisierung und das Element, das Islamisten, antiimperialistische und postkoloniale Linke und Teile – vor allem der intellektuellen Mitte – verbinde. Er schaffe Anschlussfähigkeit. Er sei begründet in – zitierte Schönenbach den Berliner Antisemitismusbeauftragten und Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn – der Angst vor Freiheit und Verantwortung. "Ab dem Moment, wo ich die eigene Verantwortung abgebe, finde ich jemand, der schuld ist. Und das ist beim Antisemitismus natürlich immer der Jude."
Im Kampf gegen Islamismus und Antisemitismus, sagte Seyran Ateş am Ende der Diskussion, gehe es auch ums Geld: Während die eine Seite nur geringe finanzielle Ressourcen habe, könnten die Islamisten und Antisemiten bei ihren Projekten auf Milliarden der Muslimbruderschaft zurückgreifen. Umso wichtiger sei es, zumindest in Deutschland den Geldhahn zuzudrehen: NGOs müssten verpflichtet werden, ihre Einnahmequellen offenzulegen, und wer Geld vom Staat will, müsse der Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) folgen, die auch einen antiisraelischen Antisemitismus kennt.
Die gesamte Veranstaltung kann man sich hier ansehen.







2 Kommentare
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Kommentare
Roland Fakler am Permanenter Link
Es gibt gute Gründe ein Islamkritiker und ein Feind des Islamismus zu sein.
Guggemos, Walter am Permanenter Link
Es lohnt sich wirklich, sich die gesamte Veranstaltung anzusehen.
Man kann es auch so sagen: Religion ist Privatsache und darf niemanden aufgezwungen werden, auch nicht den eigenen Töchtern und Söhnen. Dazu gehört auch ein klares Statement gegen den §1631d BGB. Es ist notwendig, dass radikalen Religionen diese Grenzen deutlich aufgezeigt werden. "Vielfalt" ist nur solange richtig, wie die Freiheitsrechte anderer Menschen dadurch nicht beeinträchtig werden.