Meditation und Yoga

Spiritualität ohne Esoterik

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Gibt es "rationale" Spiritualität? Kann sie uns heilen, wenn wir krank sind? Diese Frage sollten wir auch stellen, wenn die Corona-Pandemie einmal hinter uns liegt, meint unsere Kolumnistin Natalie Grams.

Zuletzt schrieb ich von "Selbstwirksamkeit": Der Chance, sich in Krisenzeiten einen Raum der Souveränität und der reflektierten Selbstwahrnehmung zu verschaffen. Ohne einen solchen Raum behalten wir nur schwer den Boden unter den Füßen und fühlen uns den Umständen der Krise ausgeliefert. Tatsächlich suchen viele Menschen Räume der Selbstwirksamkeit aktiv, sei es durch Beten, Yoga, Meditation oder Sport. Denn passiv ausgeliefert sein – wie gerade im Lockdown – bedeutet Stress, und wir brauchen die persönliche Handlungsoption, das "Etwas-tun-Können", um Stresshormone abzubauen und psychisch stabil zu bleiben.

Sport und innere Einkehr helfen, den inneren Alarmzustand zu bewältigen. Und viele wenden sich auch, vielleicht zu ihrer eigenen Überraschung, einer Form der Spiritualität zu. Das kann ebenfalls hilfreich sein, beispielsweise dabei, über Zeiten einer Krankheit hinwegzukommen. Längst belegen neurobiologische Forschungen positive Folgen für Körper und Psyche durch so genannte Gleichgewichtsprozesse, die das Ziel vieler spiritueller Bemühungen sind.

Eines aber stört mich: Oft geht Spiritualität mit einer Hinwendung zu Esoterik einher. Hier hat sich sogar ein regelrechter Markt gebildet, der diese Hinwendung offensiv fördert. Spiritualität war ja in allen Zeiten der Menschheit ein Versuch, sich von den Unliebsamkeiten des Lebens zu lösen. Lange Zeit war sie so gut wie immer mit religiösen Glaubensinhalten hinterlegt. Heute, in Zeiten schwindender Bedeutung von Religion, sehen wir die Hinwendung zu einer anderen Art von Spiritualität. Sie drückt sich als bewusstes Suchen nach einem tieferen Verständnis unseres Selbst und unserer Umwelt aus – als praktisches Sehnen nach Sinn in einer Realität, die uns eben auch nicht selten krisenhaft herausfordert. Nun muss sich eine so verstandene Spiritualität aber notwendigerweise mit intellektueller Redlichkeit vereinbaren lassen: Sie darf nicht mit einer Abkehr vom rational-naturwissenschaftlich geprägten Welt- und Menschenbild einhergehen.

Ob und wie das gelingen kann, ist eine Frage, mit der etwa der Philosoph Thomas Metzinger ringt. Er spricht von einer "säkularen Spiritualität": Einem Weg, der religiöse und okkult-esoterische Ansichten und Praktiken vermeidet. Denn dort lauern die Gefahren von psychischer und materieller Abhängigkeit, von Autoritätsglaube, der Neigung zu einfachen All-Erklärungen und womöglich der Anhängerschaft an Führerfiguren. Die menschliche Vergangenheit spricht für sich. Ich persönlich meditiere seit vielen Jahren mal mehr, mal weniger regelmäßig und betreibe gerne Yoga. Ich mag einfach den entspannenden Effekt und brauche dafür kein Chakren- und Energie-Gerede: Meine tiefenesoterische Phase ist lange vorbei.

Yoga ist nicht gleich Yoga. Es gibt unglaublich viele Varianten, und nach einem flüchtigen Blick auf das Programm der Yoga-Schulen weiß man bald nicht mehr, wovon die Rede ist. Ich halte es für wichtig, zwischen Angeboten mit und ohne ausgeprägtem esoterischem Überbau zu unterscheiden: Manche Varianten sind regelrechte Türöffner in die Esoterikszene, andere eigentlich vor allem Sport. Das richtige Maß ist hier ebenfalls die Mitte (auch das übrigens eine Yoga-Weisheit). Der Fokus sollte auf angemessenen Körperübungen und Entspannungstechniken liegen. Die Grundidee, Körper und Geist zu einer Einheit zu bringen und damit eine Selbstfindung zu erreichen, passt nach meiner Ansicht sehr gut zum Menschenbild unserer Zeit, in der wir alle uns ständig neu (er)finden müssen. "Höherer Einsichten", alias Esoterik, bedarf es dazu nicht; die reale Welt hält gerade genug zum Sich-selbst-Finden bereit – säkulare Spiritualität eben.

Mehr noch als dem Yoga haftet womöglich der Meditation ein Ruch des Esoterisch-okkult-Fernöstlichen an – er rührt wohl aus den 1970er und 1980er Jahren, als einige sehr spezielle Gurus wirklich sehr spezielle Versenkungsangebote im Programm hatten. Auch heute gibt es Meditationsformen, die von vornherein auf einer Basis deutlich religiös-esoterisch geprägter Vorannahmen aufsetzen. Zugleich versprechen sie gesundheitliche Benefits, was ein direkter Weg in die Esoterikszene sein kann.

Das muss aber nicht sein. Eine psychisch positive Wirksamkeit verschiedener Meditationstechniken ist gut belegt. Mit am besten untersucht ist die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction, kurz: MBSR), die von dem amerikanischen Medizinprofessor Jon Kabat-Zinn ab den 1970er Jahren entwickelt wurde. Für diese Methode ist eine Reihe physiologischer Effekte nachweisbar. Erfolge gibt es bei Angststörungen, Depressionen oder chronischen Schmerzen, sogar bei entzündlichen Hauterkrankungen. Man sieht hier den neurobiologischen Affekt einer durch "säkulare Spiritualität" geschaffenen Selbstwirksamkeit.

Es sei auch klar gesagt, dass Meditation nicht jedermanns Sache ist, und nicht wenige berichten von negativen Empfindungen durch das Meditieren. Ich kenne Menschen, die es "wahnsinnig macht", "so dazusitzen" oder -liegen und "nichts" zu tun. Diesen Menschen stehen andere Wege zur Spiritualität offen. Sie können über tief empfundene Liebe zur Musik führen, deren tieferes Verständnis jahrzehntelang selbst über existenzielle Krisen hinweghelfen kann. Für andere sind es Bücher: Ich denke an Kinder, die mit glühenden Wangen zum ersten Mal den Zauber des Lesens und das Reisen in Gedanken entdecken, das vielleicht für ein ganzes Leben ihre Form der Spiritualität wird.

Daran ist nichts Esoterisches, und der Bezug zur realen Welt droht nicht verloren zu gehen. Ohne jeden Zweifel sind solche Wege ebenfalls spirituell und können unsere Resilienz in Krisenzeiten stärken. Rationale Spiritualität ist – auch im Sinn der Body-Mind-Medizin – ein gutes Mittel. Ich würde Ihnen sogar ein Rezept dafür ausstellen!

Übernahme mit freundlicher Genehmigung von spektrum.de.

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