Wer darf über Leid, Würde und das Ende eines Lebens entscheiden? Volker Brokop hinterfragt den moralischen Deutungsanspruch der Amtskirchen und zeigt, warum religiöse Gewissheiten in existenziellen Grenzsituationen versagen. Er plädiert für eine säkulare Ethik, die Selbstbestimmung und menschliche Autonomie über dogmatische Moral stellt.
Wer will es sich ernsthaft zutrauen, wer sich die ungeheuerlichste aller Anmaßungen auferlegen, in die sogenannte Seele eines anderen Menschen schauen zu können? Selbst wer sämtliche psychologische und psychoanalytische Literatur auswendig rezitieren könnte; selbst wer dazu den gesamten Dostojewskij intensiv rezipiert hätte, stünde vollkommen hilflos da bei dem Versuch, die schwindelerregende Tiefe der Innenperspektive eines anderen Menschen ermessen zu wollen. Und wie erst im Zustand der Verzweiflung!
Außer natürlich, man studiert ein paar Jahre Theologie und wird Pfarrer, oder besser noch, lässt sich zum Priester weihen, dann weiß man sozusagen von Amts wegen, was der Mensch zu seinem Seelenheil benötigt. Mit der Bibel unterm Arm erübrigt sich im Grunde jede moderne psychotherapeutische Intervention, denn schließlich ist Jesus in seiner göttlichen Funktion als Retter und Erlöser so etwas wie ein himmlischer Arzt und Psychotherapeut zugleich.
Die Verzweiflung stellt eine enorme existenzielle Herausforderung dar. Für Sören Kierkegaard galt sie als die Krankheit zum Tode, indem ein Mensch sich zutiefst von sich selber getrennt erlebt. Genau betrachtet aber geht es um die bewusste Abtrennung von Gott, wodurch der in dieser Weise getrennte Mensch seine wahren Grund verliert. Kierkegaard nennt es die dämonische Verzweiflung. Die Verzweiflung in diesem Sinne ist der Schmerz eines Selbst, das sich selbst nicht erträgt, sich selber aber auch nicht entkommen kann. Die Frage an den dänischen Religionsphilosophen aus der Perspektive der modernen Bewusstseinsphilosophie aber lautet, was genau dieses Selbst eigentlich ist beziehungsweise ob es so etwas wie ein Selbst als eine feste Größe in uns überhaupt gibt.
Eine Konstruktionsleistung des Gehirns
Es gibt wenig Grund daran zu zweifeln, dass das Selbst eine Konstruktionsleistung des Gehirns für sich selbst ist. Unbezweifelbar aber steht fest, dass das, was wir als unser Selbst wahrnehmen, etwas zutiefst Fragiles darstellt, und dass es keine vorgefertigten Antworten gibt, was man tun kann oder soll, wenn dieses Selbst in Gefahr gerät, oder gar völlig zusammenbricht. Die daraus resultierende Form der Verzweiflung wäre dann das Scheitern der eigenen Selbstkonstruktion. Nun liegt in jedem Scheitern ein tragisches Moment, und Tragik definiert sich unter anderem dadurch, dass man in bestimmten Situationen in einer Weise handelt oder handeln muss, in welcher man unter günstigeren Voraussetzungen womöglich niemals handeln würde. Insofern ist klar, dass alle schablonenartig vorgefertigten Handlungsanweisungen hier an ihre natürliche Grenze kommen – erst recht, wenn sie als moralisch universell gültig oder religiös als von Gott höchstselbst beauftragt ausgegeben werden.
Sozialpsychologisch betrachtet werden Normen durch auf deren Übertretung ausgesprochene Maßnahmen der Sanktionierung definiert. Was aber, wenn sich in tragischen Situationen Ausnahmen bilden, in denen also die in einer bestimmten Kultur geltenden gesellschaftlichen Normvorgaben nicht anwendbar sind? Hier kommen vor allem religiös begründete Regeln und Gesetze an ihre engen Grenzen, insbesondere dann, wenn sie zwar vor sehr langer Zeit in einem kulturell begrenzten Raum formuliert wurden, ihnen aber dennoch überzeitliche und überkulturelle Gültigkeit zugesprochen wird.
Nun werden in den meisten westlichen Kulturen die Regeln der Gesellschaft zum Glück schon längst nicht mehr von der Religion bestimmt, weshalb die Einschnürung oder Einschüchterung des persönlichen Gewissens auf der Grundlage einer bestimmten Moraltheologie für die meisten Menschen keinerlei Relevanz mehr hat. Dennoch halten die Kirchen für so ziemlich jede Krise, in die ein Mensch geraten kann, nach wie vor einen ganzen Katalog an Vorschlägen bereit, was in gut gemeinter Absicht zunächst durchaus zu begrüßen ist; vor allem dann, wenn damit in erster Linie eine ergebnisoffener Beratung gemeint ist.
Ein Ereignis wie der assistierte Freitod der Kessler-Zwillinge wird kurzzeitig medial ausgeschlachtet. Etliche Debatten werden angestoßen, die aber, wie gerade in unserer Zeit leider üblich, nicht konsequent weitergeführt werden, sobald mit diesem Thema keine besonders hohe Aufmerksamkeit mehr generiert werden kann. Die Position der Kirchen zum Thema Suizid aber ist in seltener Einhelligkeit klar definiert: Da Gott als der Herr über Leben und Tod das Leben gibt, darf nur Gott selber über den Zeitpunkt des Todes bestimmen, womit also jede Möglichkeit der Selbstverfügung oder Selbstbestimmung des Einzelnen prinzipiell untergraben wird. Für die katholische Kirche zumindest scheint festzustehen, dass die Entscheidung zum Suizid als die Folge einer schweren psychischen Erkrankung zu deuten ist. dass ein Mensch sich also aus uneingeschränkter Mündigkeit und vollständiger geistiger Gesundheit heraus zur Beendigung seines Lebens entscheiden könnte, ist mit dieser Ansicht kaum vereinbar.1
Ein Geschenk, das man nicht zurückweisen darf
Etwas tiefer betrachtet aber wird es meinem Eindruck nach ziemlich perfide, denn mit dieser Auskunft verbindet sich augenblicklich der übliche moraltheologische Impetus, indem das Leben als Gabe, als Geschenk also, bezeichnet wird, weshalb der Mensch nicht das Recht hat, dieses Geschenk aus eigenem Entschluss zurückzuweisen. Zudem wird durch die Entscheidung zur Selbsttötung die aus dem Evangelium abgeleitete Aufforderung zur Selbstliebe verletzt. In diesem Sinne hat jeder Mensch das Leben generell als positiv zu empfinden, denn jede abweichende Ansicht käme einer Abwertung dieser göttlichen Gabe gleich. Und selbst wenn Gott einem das Leben als unerträgliche Zumutung erscheinen lässt, wird er schon seine Gründe dafür haben, die von uns Menschen nicht weiter hinterfragt werden dürfen, weil das ja eine Vermessenheit dem Schöpfer gegenüber darstellen würde.2
An dieser Stelle wird deutlich, weshalb das Gotteskonzept von den Kirchen unter allen Umständen aufrechterhalten werden muss, da sich auf diese Weise bestimmte konservative Positionen unters Volk streuen lassen, solange sich genug Gläubige finden, die sich nicht zutrauen, Gottes Wort infrage zu stellen.
Da die Kirchen die Regeln der Gesellschaft nicht mehr unmittelbar bestimmen können, versuchen sie auf diese Weise die Meinungsbildung moralisch zu beeinflussen, indem ein bestimmter Wertekonservatismus religiös verstärkt wird. Dazu schrieb Eugen Drewermann sehr passend bereits in einem im Jahre 1984 veröffentlichten Aufsatz wie folgt:
"Gewiß, man kann kirchlicherseits, wie es immer wieder geschieht, die Tragödien des Lebens bagatellisieren, oder als das Ergebnis unlauterer Motive interpretieren; aber man erreicht damit nur, dass die Betroffenen sich grob mißverstanden fühlen und die Kirche selbst sich den nicht unberechtigten Vorwurf zuzieht, das Leid vieler Menschen nicht verstehen zu wollen, nur um an einem absurden Schwarz-Weiß-Bild moraltheologischer Eindeutigkeiten von Gut und Böse festhalten zu können."
Womit sich für Drewermann eine sehr sinnreich gestellte Frage verbindet, die man allzu gerne den heutigen Kirchenvertretern ins Gewissen schreiben möchte. Nach der Feststellung, "dass es unzählige völlig sinnlose, nach menschlichem Maßstab grausame, empörend ungerechte, widerwärtige und ekelhafte Todesarten gibt, die mit keinem besonderen Ratschluss eines gütigen und weisen Gottes vereinbar sind", fragt er: "Wenn wir die menschliche Intelligenz allenthalben damit befasst sehen, die Welt der Tatsachen, soweit sie den Menschen tangieren, mit den menschlichen Vorstellungen von Sinn, Gerechtigkeit und Würde in Übereinstimmung zu bringen, wieso sollte ihr dabei der Bereich des Todes entzogen bleiben?"3
Diese Frage würde von den meisten eher konservativ eingestellten Theologen vermutlich sehr lapidar damit beantwortet, dass es Gott ist, der den Menschen Sinn und Würde verleiht.4 Und die Frage der Gerechtigkeit lässt sich theologisch hervorragend in die Ewigkeit verlagern. Somit jedenfalls lassen sich sehr wichtige Fragen mit letztlich unbegründeten Pauschalauskünften recht elegant aus der Welt schaffen, indem man sie konkret gar nicht erst an sich heranlässt und es letztlich Gott überlässt, sich darum zu kümmern. Die Dinge können so einfach sein, wenn man die tragische Dimension des Lebens nicht wirklich ernst nimmt, und die eigentlichen Probleme der Menschen mit letztlich inhaltslosen theologischen Floskeln abwiegelt oder zumindest zu beruhigen versucht.
Wie die Theodizeefrage eigentlich lauten müsste
Wie aber die vielen Formen von Leid, denen wir jederzeit völlig schuldlos ausgeliefert sein können, mit der Vorstellung einer göttlichen Vorsehung in Verbindung gebracht werden können, wurde in der Diskussion um das Theodizeeproblem bisher stets auf die Frage reduziert, weshalb Gott das Leid zulässt. Schöpfungstheologisch konsequent aber müsste die Frage lauten, weshalb Gott das Leid ganz gezielt in die Welt gebracht hat, da eine belebte Natur ohne Schmerz und Leid nicht vorstellbar ist. Das Leben hat sich durch das Prinzip der gegenseitigen Ausbeutung, und allzu oft auch der gegenseitigen Vernichtung zu immer komplexeren Formen entwickelt. Weshalb also hat Gott dieses notwendig Leid erzeugende Grundprinzip in die Natur gelegt? Das ist die entscheidende Frage, die kein Theologe der Welt sinnvoll beantworten kann.
Wie anders dagegen, und im Gegensatz zu den theologischen Aussagen zur Theodizee sehr eng an der Wirklichkeit der Welt orientiert, der philosophische Atheismus des Arthur Schopenhauer: "Wenn ein Gott diese Welt gemacht hat, so möchte ich nicht der Gott seyn: ihr Jammer würde mir das Herz zerreißen."5
Und weshalb hat Gott uns Menschen die Möglichkeit gegeben, unser Leben aus eigener Entscheidung zu beenden? Eine Theologie, die dem Menschen genau das verbietet, was Gott ihm eigener Auskunft nach als Möglichkeit mit auf den Weg gegeben hat, widerlegt sich selbst als sinnstiftend. Und zutiefst unwürdig ist es, den Menschen von außen erklären zu wollen, wie sie sich innerlich zu fühlen haben. Eugen Drewermann bezeichnet die Möglichkeit zum Freitod als letzten Gnadenweg der Natur. Für die Kirchen stellt sie eine unverzeihliche Auflehnung gegen Gott als Schöpfer des Lebens dar.
Es war sehr wichtig, die Debatten um den Freitod anlässlich der Entscheidung der Kessler-Zwillinge anzustoßen, und selbstverständlich haben auch die Kirchen als gesellschaftlich noch relativ relevante Gruppen das Recht, ihre jeweiligen Positionen öffentlich zu formulieren. In einer säkularen Gesellschaft aber steht es ihnen nicht zu, den Menschen auf der Grundlage einer überholten Moral, sowie eines zutiefst unglaubwürdigen Gottesbildes das Recht auf Selbstverfügung und Selbstbestimmung in den wichtigsten Fragen ihres Lebens abzusprechen!
"Die Zeit heilt nicht, sie lässt die Wunde halb verschlossen, bereit, sich neu zu öffnen, und dann spürst du Schmerz, so tief wie in der ersten Stunde", schreibt die Lyrikerin Elizabeth Jennings in einem ihrer Gedichte. Wenn das Leben nur noch aus Schmerz besteht, und sei es auch aus sicher erwartbarem Schmerz, stellt es keine ausreichende Beruhigung dar, dass dieser sich womöglich auf pharmakologischem Wege lindern lässt. Weder einzelne Theologen noch die Kirche insgesamt als gesellschaftlich etablierte moralbildende Instanz haben das Recht, einem leidenden Menschen zu verordnen, sein Leid auf unabsehbare Zeit ertragen zu müssen. Was wir aus humanen Gründen jedem leidenden Tier zusprechen, die aktive Erlösung von den erlebten oder zu erwartenden Qualen, darf natürlich unter keinen Umständen in dieser konkret praktizierten Form auf uns Menschen übertragen werden. Einem leidenden Menschen aber die Möglichkeit zum assistierten Freitod aus religiösen Gründen zu verweigern, ist zutiefst unethisch und darf keinesfalls zum sittlichen Maßstab der allgemeinen Moral, erst recht nicht zur Grundlage einer humanen Gesetzgebung erhoben werden.
1 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2282: "Schwere psychische Störungen können die Verantwortlichkeit des Selbstmörders vermindern"; vgl. Nr. 2280–2283
2 Vgl. Salvifici Doloris, Johannes Paul II., 1984, apostolisches Schreiben, dementsprechend der Mensch sich auch im Leiden Gottes Willen anvertrauen soll
3 Eugen Drewermann, Psychoanalyse und Moraltheologie, Band 3 – An den Grenzen des Lebens; Vom Problem des Selbstmords oder: von einer letzten Gnade der Natur
4 "Die Würde des Menschen gründet sich darauf, dass er nach dem Bild Gottes geschaffen ist." Quelle: Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1700
5 Arthur Schopenhauer, Handschriftlicher Nachlass, Band III, Nr. 138






