MIZ 4/25 erschienen

Wissenschaft ohne Ethik

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US-Atomwaffentest im Bikini-Atoll 1946: Die sogenannte "Baker-Explosion".
"Atompilz"

Mit dem Versagen von Wissenschaft beschäftigt sich der Schwerpunkt der soeben erschienenen MIZ 4/25. Anhand von Beispielen wird veranschaulicht, was schiefgehen kann, wenn Wissenschaft ohne ethischen Rahmen betrieben wird oder die systemimmanenten Kontrollmechanismen nicht funktionieren. Außerdem wird eine groß angelegte Studie über europäischen Atheismus vorgestellt.

Im Editorial zieht Chefredakteur Christoph Lammers den Rahmen der Debatte auf: Denn die Wissenschaft steht nicht nur für Fortschritt zum Wohle aller, ihre Geschichte ist auch "durchzogen von dunklen Kapiteln: von Menschenversuchen, Korruptionsskandalen, Datenfälschungen und fatalen Fehlentscheidungen mit weitreichenden Folgen für unzählige Menschenleben". Allerdings werden diese Missgriffe meistens ihrerseits durch Wissenschaft entlarvt. Deshalb gelte es trotz allem, sie zu verteidigen, gerade weil sie im Gegensatz zu religiösem Glauben und politischen Ideologien "bereit ist, zuzugeben, wenn sie sich geirrt hat".

Selbstkontrolle und ethische Ausrichtung

Im Schwerpunkt des Heftes geht es dann um Fälle, in denen das nicht funktioniert hat beziehungsweise die Korrektur viel zu spät erfolgte. Amardeo Sarma geht in seinem Text auf das Problem der Selbstüberschätzung ein. Dieses ist immer wieder zu beobachten, wenn sich Wissenschaftler zu Fragen äußern, die außerhalb ihres Fachgebietes liegen. Das kann sogar bei Nobelpreisträgern zu bizarren Fehleinschätzungen führen.

Was passieren kann, wenn Kontrollmechanismen (vorübergehend) versagen, geht aus Udo Endruscheits Beitrag über die Nieber-Süß-Affäre hervor. Eine Studie, die vermeintlich die Wirksamkeit eines hochpotenzierten Homöopathikums nachgewiesen hatte, wurde nach zwei Jahren zurückgezogen, weil die gravierenden Mängel anfangs nicht bemerkt wurden. In den Folgen weit dramatischer kann es werden, wenn Wissenschaft ohne Ethik betrieben wird. Michael Scholz veranschaulicht dies anhand der Menschenversuche des KZ-Arztes Sigmund Rascher.

Amtseid, Religionsunterricht, "Islamfeindlichkeit"

Auf der Grundlage eines Artikels des US-Blogs Friendly Atheist wird die Debatte um die Amtseinführung des neuen Bürgermeisters von New York Zohran Mamdani beleuchtet. Dieser hatte den Eid mit der Hand auf zwei Koranen abgelegt. Was auf den ersten Blick wie ein Verstoß gegen die Trennung von Staat und Kirche erscheint, stellt sich bei genauerem Hinsehen als im Rahmen US-amerikanischer Traditionen liegende Praxis heraus.

In Berlin soll es zukünftig einen "Tag gegen Islamfeindlichkeit" geben. Romo Runt hat sich Hintergründe und Begründungen angesehen und bewertet die Vorgänge als weiteren Schritt, einen zentralen Punkt der Agenda der religiösen Rechten im Mainstream zu verankern: Islamfeindlichkeit mit Muslimfeindlichkeit und damit Religionskritik mit Menschenfeindlichkeit gleichzusetzen.

Mit einer Studie über die Wirkung des Religionsunterrichtes setzt sich Gunnar Schedel auseinander. Offenbar wären bei dessen Abschaffung keine negativen gesellschaftlichen Folgen zu erwarten.

Atheismus und säkulare Verbände

In einem Interview wird ein interessantes Forschungsprojekt vorgestellt. "European Entangled Atheisms" (etwa: Miteinander verflochtene Atheismen in Europa) soll den Atheismus in seiner ersten und zweiten Blütephase untersuchen und zu einer internationalen Quellenedition führen. Projektleiterin Carolin Kosuch stellt im Gespräch Voraussetzungen und Ziele vor.

In die Debatte um die richtige strategische Ausrichtung der säkularen Verbände reiht sich der Beitrag "Säkulare Verbände zwischen Neuorientierung und Selbstaufgabe" ein. Darin wird die Zusammenarbeit mit dem "konservativen Block" beim Thema "Islam" kritisiert und gefordert, dass säkulare Politik "nicht von den gesellschaftlichen Verhältnissen losgelöst" betrieben werden solle.

Daneben gibt es die Rubrik Zündfunke und die Internationale Rundschau.

Weitere Informationen zur aktuellen MIZ auf der Website der Zeitschrift.

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