Ein Gespräch mit Amardeo Sarma

"Kritisches Denken fördern und im Alltag alles hinterfragen"

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Amardeo Sarma
Amardeo Sarma

Wissenschaft wurde einst, gerade in linken und liberalen Kreisen, als ein wichtiger Wegweiser in eine bessere Zukunft angesehen. Heute steht wissenschaftliches Denken unter Beschuss, nicht nur von "Querdenkern" oder aus dem Weißen Haus, sondern sogar aus akademischen Kreisen. Amardeo Sarma verteidigt in seinem neuen Buch "Scientific Temper" eine wissenschaftliche Grundhaltung mit universellem Anspruch. Der hpd sprach mit ihm über Tatsachen und Narrative, über Wunschdenken, Evidenz und die Werte der Wissenschaft.

hpd: Was genau bedeutet eigentlich "Scientific Temper"?

Amardeo Sarma: "Scientific Temper" beschreibt eine wissenschaftliche Grundhaltung, in der kritisches Denken, intellektuelle Redlichkeit und Offenheit zentral sind. Sie geht weit über bloße Methoden hinaus. Der Begriff wurde vom ersten indischen Premierminister Jawaharlal Nehru geprägt und sogar in die indische Verfassung aufgenommen. "Scientific Temper" bedeutet, die Welt und gesellschaftliche Angelegenheiten skeptisch und selbstkritisch zu hinterfragen, Urteile anhand überprüfbarer Tatsachen zu bilden und frühere Ansichten zu revidieren, wenn neue, belastbare Erkenntnisse dies erfordern. Diese Haltung schützt vor Wunschdenken und ermöglicht es uns, unser Wissen zu erweitern und Herausforderungen rational und vernunftorientiert anzugehen.

Wenn wir mal von der Phase absehen, in der von "arischer Physik" gefaselt wurde, war eine solche wissenschaftliche Haltung seit dem 19. Jahrhundert weit verbreitet; ich würde sogar sagen außerhalb streng religiöser Milieus war sie vorherrschend. Was hat sich verändert, dass sie heute verteidigt werden muss?

In den letzten 200 Jahren war wissenschaftliche Rationalität in vielen gesellschaftlichen Bereichen weitgehend anerkannt – mit Ausnahmen, insbesondere in religiösen und extrem politischen Strömungen. Beispiele hierfür sind die "deutsche Physik" unter den Nationalsozialisten oder der Lyssenkoismus in der Sowjetunion, bei denen wissenschaftliche Erkenntnisse zugunsten ideologischer Weltbilder verdrängt wurden. Heute muss eine wissenschaftliche Haltung aktiv verteidigt werden, da neue weltanschauliche Strömungen wissenschaftliche Theorien und Aussagen ablehnen oder relativieren, sobald diese mit den eigenen Überzeugungen oder dem Wunschdenken kollidieren. Insbesondere der Einfluss postmoderner und relativistischer Ideologien führt dazu, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer häufiger als bloße Meinungen abgetan und objektive Tatsachen zu "Narrativen" unter vielen relativiert werden.

Viele Menschen würden die Welt gern so sehen, wie sie ihren eigenen Vorstellungen entspricht. Was nicht ins eigene Weltbild passt, wird abgelehnt oder als "falsch" diskreditiert. Sei es der Klimawandel, die Genetik oder andere unbequeme Ergebnisse – wissenschaftliche Aussagen werden ignoriert oder umgedeutet, wenn sie nicht ins eigene soziale oder moralische Schema passen. Deshalb gilt: Wir müssen die Wissenschaft heute erneut gegen die neuen Varianten der Wissenschaftsfeindlichkeit verteidigen. Das fällt uns umso schwerer, je näher wir den gesellschaftlichen Werten und Einstellungen derer stehen, die unwissenschaftliche Thesen vertreten und verbreiten.

Buchcover

Ihr Buch verfolgt, soweit ich sehe, einen doppelten Ansatz: Sie zeigen Ihren Leserinnen und Lesern die Vorzüge der wissenschaftlichen Methode und kritisieren zugleich pseudowissenschaftlich begründete Behauptungen. Wie lassen sich wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Vorgehensweisen denn voneinander abgrenzen?

In meinem Buch gehe ich auf die zentralen Unterschiede zwischen wissenschaftlichem und pseudowissenschaftlichem Vorgehen ein. Gerhard Vollmer bringt es auf den Punkt: "Wenn es keine Pseudowissenschaften gäbe, müsste man sie erfinden." Gerade die Auseinandersetzung mit Pseudowissenschaften macht deutlich, inwiefern sie grundlegende wissenschaftliche Werte und Prinzipien verletzen. Anhand konkreter Beispiele zeige ich, wie diese Unterschiede erkannt werden können und wie sich eine echte wissenschaftliche Haltung entwickeln lässt.

Ist das eine ganz scharf gezogene Grenze oder gibt es Übergänge?

Die Grenze zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft lässt sich nicht anhand einfacher Faustregeln bestimmen. Zwar wurde oft versucht, die Falsifizierbarkeit als entscheidendes Kriterium in den Mittelpunkt zu rücken, doch in der Praxis spielen zahlreiche weitere Kriterien eine Rolle. Einige Ansätze wie die Homöopathie widersprechen klar bewährten wissenschaftlichen Theorien und lassen sich eindeutig als Pseudowissenschaft einordnen. Andere Behauptungen, wie die Existenz von Bigfoot oder Verschwörungsmythen, sind hingegen zunächst nicht völlig auszuschließen. Sie sind jedoch pseudowissenschaftlich, wenn sie trotz fehlender Belege weiterhin aufrechterhalten werden und gegen widerlegende Evidenz immun sind.

Um Verstöße gegen wissenschaftliches Denken zu veranschaulichen, ziehen Sie neben den klassischen skeptischen Themen auch Beispiele aus aktuellen Kontroversen heran – von der Debatte über den Klimawandel bis hin zu Versuchen der Hindu-Nationalisten, die Geschichte Indiens umzuschreiben. Unterscheidet sich die hier festzustellende Unwissenschaftlichkeit eigentlich von der Vorstellungswelt der Löffelbieger?

Die Unwissenschaftlichkeit aktueller politischer und weltanschaulicher Debatten unterscheidet sich im Kern nicht von klassischen pseudowissenschaftlichen Themen wie dem Löffelbiegen. Beide beruhen auf der Abkehr von grundlegenden Prinzipien des wissenschaftlichen Denkens, nämlich der Offenheit für Kritik, der Evidenzorientierung und der Selbstkorrektur.

Politisch oder moralisch motivierte Unwissenschaftlichkeit erhält jedoch häufig stärkere gesellschaftliche und mediale Aufmerksamkeit. Sie wird mitunter sogar von Teilen der Wissenschaft und des Journalismus ernst genommen und entfaltet dadurch eine größere Wirkung. Klassische Pseudowissenschaften hingegen werden schneller als solche entlarvt, und finden weniger Resonanz im Mainstream.

Die eigentliche Gefahr liegt darin, dass diese sozial legitimierten Verzerrungen die gesellschaftliche Realität aktiv prägen – oft begleitet von der problematischen Vorstellung, Politik oder Moral sollten die Ergebnisse der Wissenschaft bestimmen.

Haben wir es hier eher mit Nachlässigkeit und mangelnder Reflexion der eigenen Voreingenommenheit zu tun oder überwiegen Fälschung und zielgerichtete Manipulation?

Die Ursachen für unwissenschaftliches oder fehlerhaftes Denken liegen in der Regel weder in Böswilligkeit noch in mangelnder Intelligenz. Oft führen der idealistische Fehlschluss und seine Varianten dazu, dass Menschen glauben, die Realität müsse ihren Idealen und Wunschvorstellungen entsprechen. Unsere evolutionsbiologisch bedingte Neigung, Muster und Zusammenhänge zu erkennen, macht uns zudem anfällig für Fehlschlüsse wie den Post hoc ergo propter hoc-Fehlschluss. Dabei werden Ereignisse, die zeitlich aufeinanderfolgen, vorschnell als Ursache und Wirkung verknüpft.

In kontroversen Debatten wird den Andersdenkenden außerdem oft unterstellt, sie hätten schlechte Motive, seien boshaft oder moralisch defizitär, anstatt ihre Argumente sachlich zu prüfen – ein typischer Ad hominem-Fehlschluss. Falsche oder pseudowissenschaftliche Behauptungen entstehen meist aus solchen Denkfehlern und mangelnder Selbstreflexion, nicht aus gezielter Manipulation. "Ad hominem" ist dabei ein starker Hinweis auf einen argumentativen Notstand sowie auf die fehlende Überprüfung der eigenen Voreingenommenheit.

Was schätzen Sie als die größere Bedrohung ein? Die erklärten Feinde der Wissenschaft oder der zunehmende Zweifel in der Bevölkerung, ob Wissenschaft tatsächlich ein Wegweiser hin zu einer besseren Gesellschaft ist?

Die eigentliche Bedrohung für die Wissenschaft sehe ich nicht in einzelnen "Feinden der Wissenschaft", sondern im fehlenden Fokus auf kritisches Denken von klein auf sowie im fehlenden Mut, in Wissenschaft und Gesellschaft deutlich "Nein" zu sagen, wenn Fakten, wissenschaftliche Werte und Kriterien unter Druck geraten. Viele trauen sich aus Angst vor sozialer Isolation oder weil sie um ihre Position fürchten nicht, klar Stellung zu beziehen.

Eine stärkere Förderung des kritischen Denkens sowie mehr Standhaftigkeit beim Eintreten für wissenschaftliche Grundwerte würden den Gegnern der Wissenschaft den Wind aus den Segeln nehmen und das gesellschaftliche Vertrauen in die Wissenschaft stärken. Für eine bessere Gesellschaft müssen wir uns gesellschaftlich und politisch einsetzen und die Erkenntnisse der Wissenschaft nutzen.

Was meinen Sie, sind die Ursachen dafür, dass die Wissenschaft in den letzten Jahren an Strahlkraft verloren hat?

Ob die Wissenschaft insgesamt an Strahlkraft verloren hat, lässt sich nicht pauschal sagen: Während das Vertrauen in vielen Bereichen hoch bleibt, kommt es bei kontroversen und gesellschaftlich umkämpften Themen wie Klima oder Gesundheit zu mehr Zweifel und Polarisierung.

Eine Ursache hierfür ist das Missverständnis ihrer Rolle: Viele erwarten von der Wissenschaft direkte Handlungsanweisungen. Gute Wissenschaft gibt jedoch keine gesellschaftlichen Normen vor ("Follow the science" als naturalistischer Fehlschluss). Sie kann lediglich bewerten, ob bestimmte Maßnahmen gesellschaftlich vorgegebene Ziele erreichen können – oder auch nicht. Falsche Erwartungen, mangelnde Kommunikation über Unsicherheiten, Desinformation und Politisierung tragen in diesen Bereichen zum Vertrauensverlust bei.

Was sind denn die Werte der Wissenschaft, die Sie gerne verteidigen würden?

In meinem Buch widme ich den zentralen Werten der Wissenschaft ein eigenes Kapitel. Dazu gehören die Akzeptanz von Unsicherheit und Bescheidenheit, der Respekt vor Wahrheit, Ehrlichkeit und Objektivität. Ebenso wichtig sind die Freiheit der Forschung – einschließlich der Untersuchung unbequemer Hypothesen – und die Wertschätzung wissenschaftlicher Arbeit. Nur auf dieser Basis kann die Wissenschaft ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden.

Und wie geht das am besten? Was können, was müssen skeptische Menschen tun?

Am besten gelingt das, indem man kritisches Denken fördert und im Alltag alles hinterfragt – die Ansichten anderer ebenso wie die eigenen. Es ist wichtig, standhaft zu bleiben, wenn wissenschaftliche Prinzipien oder Werte infrage gestellt oder angegriffen werden. Engagieren Sie sich aktiv in Organisationen wie der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) in Deutschland, die sich für wissenschaftliches Denken und Aufklärung einsetzen und gesellschaftliche Debatten konstruktiv begleiten.

Amardeo Sarma: Scientific Temper. Eine Verteidigung rationalen universellen Denkens, Aschaffenburg 2025, Alibri Verlag, 240 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-86569-400-3

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