hpd: Das ist ein Umlernprozess.
Schopp: Ein Umlernprozess kann, finde ich, nicht über Geld gemacht werden, sondern über die Konsequenz: Wenn wir verschwenderisch damit umgehen, ist irgendwann der Speicher leer und wir müssen alle warten, bis dieser Speicher wieder gefüllt ist. Das ist mein Konzept für IPS Village, also Independent Power Systems für Dörfer, in dieser Art und Weise den Strom zu verteilen, natürlich auch da gerecht zu verteilen. Und auch elektrotechnische Hilfsmittel, um feststellen zu können, ob Strom massiv verschwendet oder ob er sinnvoll eingesetzt wird. Also da lässt sich was steuern und regeln. Das ist nicht dem Zufall überlassen. Die Benutzung beim Anwender in der Hütte erfordert einen gewissen Lernprozess.
hpd: Und Absprachen miteinander. Die Leute müssen kommunizieren und aushandeln, wie sie die Stromverteilung regeln. Das dürfte für die Kommunikation untereinander sehr förderlich sein. Wenn sie gemeinsam Regeln aufstellen ist das möglicherweise ein demokratischer Prozess, je nachdem, wie sie sich organisiert haben.
Schopp: Genau. Das ist in dem Projekt Nyacaiga sehr schön deutlich geworden. Dieser Prozess des Umdenkens, des Lernens, braucht mehr als ein Jahr. Das geht nicht von heute auf morgen.
Im Prinzip zeigen uns die Leute in Afrika, wie wir hier handeln sollten. Denn hier wird sehr viel Energie verschwendet.
hpd: Klar, ist immer da, also wird sie verschwendet. Vielen Menschen ist auch nicht klar, wie viel Strom ihre Geräte verbrauchen. Wenn man den Leuten vor die Augen führt, welche Geräte Strom viel Strom verbrauchen, ändern sie oftmals schlagartig ihr Verhalten.
Schopp: Aber dafür muss das Bewusstsein geschaffen werden.
hpd: Ja, es sind sehr viele Faktoren notwendig, um zu wissen, was man wissen muss, um eine entsprechende Entscheidung zu treffen. Um uns herum sind so viele Neuerungen, die wir in ihrer Summe nicht prozessieren, nicht verarbeiten können. Im Grunde genommen geht es uns genauso wie den Leuten in Afrika...
Schopp: ...nur auf einem anderen Level.
hpd: Ich weiß nicht einmal, ob das auf einem anderen Level ist oder ob wir uns nur einbilden, das sei auf einem anderen Level. Das Konzept ist also sehr interessant, finde ich. Was für Geräte haben denn die Leute in Afrika? Es gibt ja anscheinend mehrere unterschiedliche Geräte.
Schopp: In der ersten Reihe gibt es die Beleuchtung, Lampen.
hpd: Da wollte ich nochmal nachfragen, weil eine Lampe wahrscheinlich nicht nur drei oder vier Euro kostet, wenn man die Benutzung zahlt, sondern wahrscheinlich kostet die mehr. Sonst würde sich die Stromversorgungsanlage ja nicht amortisieren.
Schopp: Ja. Eine Lampe in Afrika. Wo kann die herkommen? Eine Glühbirne in einem autarken Stromversorgungskonzept wie hier, welches so groß ist, dass damit 162 Haushalte elektrifiziert werden können, ob Typ 1 oder 4, vollkommen egal, ist mit Sicherheit nicht die sinnvolle Lösung, weil eine Glühbirne nur fünf Prozent Licht zur Verfügung stellt und 25 Prozent Wärme. Die werden sehr heiß.
In Afrika gibt es natürlich auch Leuchtstoffröhren. Die haben schon einen besseren Wirkungsgrad. Und aufgerollte Langfeldleuchten sind Energiesparlampen oder Kompaktleuchtstofflampen. Diese Lampen werden natürlich teurer als Glühbirnen.
Wenn jetzt eine afrikanische Familie, die das Haus Typ 1 bewohnt, eine Energiesparlampe kaufen soll, ohne weiteres in einer guten Qualität, damit sie auch lange funktioniert, wird diese – in großen Stückzahlen eingekauft – etwa vier Euro kosten.
hpd: Aber dann hat sie ja nur acht Kilowattstunden bezahlt. Wie wird dann die Bezahlung des Projekts umgesetzt? Wie kommt es zur Deckung der Kosten für den Container?
Schopp: Ach! Okay. Die Leute besitzen eine Kibatari, das ist eine Blechlampe.
hpd: Das ist diese Funzel...
Schopp: ...wo das Petroleum reinkommt. Von diesen Kibatari braucht man, um einigermaßen Licht zu machen, vier bis sechs. Die brauchen bis zu vierzig Cent Lampenöl am Abend und in der Nacht. Und wenn jetzt ein afrikanisches Dorf, bestehend aus diesen Haustypen 1 bis 4 jeweils mindestens zwei Energiesparlampen hat, dann hätte jeder Haushalt im Durchschnitt in der Nacht 38 Cent nur für Lampenöl ausgegeben. 38 Cent mal 162 Haushalte mal 365 Tage – das sind so um die 60 Euro am Tag mal 365 sind 24.000 Euro im Jahr, mal zehn Jahre sind 240.000 Euro. Die in zehn Jahren nur für Lampenöl ausgegeben werden, mit schlechterem Licht.
hpd. Worden wären. Jetzt haben sie ja die Energiesparlampen. Jetzt geben sie ja nicht mehr diese 240.000 Euro aus, sondern nur noch...
Schopp: ...38 Cent, also genau diesen Betrag, für ihre Beleuchtung! Den können sie immer noch ausgeben. Aber dafür haben sie rund um die Uhr elektrischen Strom zur Verfügung.
hpd: Das heißt, sie kaufen im billigsten Fall zwei Energiesparlampen, zahlen acht Euro und zahlen dann noch zusätzlich 38 Cent pro Tag?
Schopp: Ach, das war der Punkt. Nein, die Idee ist anders. Wenn eine afrikanische Familie einen Teil ihres Einkommens für Lampenöl beziehungsweise für Öllampenlicht ausgibt, dann – so kam mir der Gedanke – können sie vielleicht dasselbe Geld ausgeben, um ihre eigene Energieversorgung zu finanzieren.
Am Anfang muss irgendjemand die Summe Geld zur Verfügung stellen. Das kann ein Staat sein, durch ein Hilfsprogramm. Wie Deutschland, Luxemburg oder andere Staaten. Irgendjemand stellt das Geld zur Verfügung, damit die Stromversorgung finanziert werden kann, bestehend aus Solarmodulen, Container, Kabeln, Infrastruktur, um mit diesem Container 162 Haushalte zu elektrifizieren.
Das kann so aussehen: Da ist der Container, da ist die Stromverteilung, da geht der Strom ins Dorf rein. Da sind die Verteiler, da die Häuser, groß und klein.
hpd: Nichtsdestotrotz: Die Leute zahlen nicht nur acht Euro für zwei Glühlampen, sie zahlen mehr. Wie viel zahlen sie und wer bekommt das Geld?
Schopp: Sie zahlen gar nicht mal die acht Euro, sondern – und deshalb ist es wichtig, dass die Dörfer eine bestimmte Größe haben, wegen der Selbstverwaltung...
hpd: ...sie müssen eine Mindestgröße haben und selbstverwaltet sein?
Schopp: Genau, dass eine Struktur vorhanden ist mit einem Bürgermeister.
hpd: Jetzt verstehe ich das! Eine Administration muss bereits vorhanden sein.
Schopp: Genau, eine Administration muss vorhanden sein, weil da schnell Geld zusammenkommt. Wenn in einem Dorf mit 162 Haushalten, Tausend Menschen, am Tag 60 Euro zustande kommen durch Lampenöl oder 60 Euro deshalb zusammenkommen, weil in eine Gemeinschaftskasse eingezahlt wird, zum Erwerb der eigenen Solaranlage, summiert sich innerhalb von einer Woche schon so eine große Summe Geld, dass da Begehrlichkeiten entstehen können. Und deshalb braucht man eine Struktur, wo die Hand drauf gehalten wird, ein Sperrkonto, bei dem drei bis vier Leute unterschriftsberechtigt sind, aber nur zusammen, um dort Geld zu entnehmen.
Mein Ansatz war: Ich möchte Solartechnik zur Verfügung stellen, auch hier in Deutschland, die ohne Förderung gekauft wird. Aus Überzeugung. Meine Kunden können ihre Solaranlage auch ohne Förderung kaufen. Weil sie von der Sache überzeugt sind. Man muss nicht die Förderung in Anspruch nehmen, auch wenn das den Leuten permanent so erklärt wird.






