„Rettung im letzten Augenblick“

(hpd) Der Historiker Sune Persson schildert die Befreiung Tausender KZ-Häftlinge durch das schwedische Rote Kreuz am Ende des Zweiten Weltkriegs. Erstmals liegt damit eine umfangreiche Darstellung zu einer wichtigen humanitären Aktion vor, worin der Autor auch zu Vorwürfen gegen Folke Bernadotte inhaltlich Stellung nimmt.

Die Bezeichnung „Weiße Busse“ steht für eine Rettungsaktion am Ende des Zweiten Weltkriegs: Unter der Leitung ihres damaligen Vize-Präsidenten Folke Bernadotte führte das schwedische Rote Kreuz sie durch, um mit entsprechenden Fahrzeugen skandinavische Häftlinge aus den Konzentrationslagern in Ravensbrück, Sachsenhausen und Theresienstadt nach Schweden zu überführen. Unter den dadurch geretteten um die 18.000 Menschen fanden sich auch mehrere tausend Juden. Dies erklärt, warum einer der seinerzeit genutzten Busse heute in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ausgestellt ist. Über die historischen Ereignisse liegt jetzt eine umfangreiche Gesamtdarstellung auch in deutscher Sprache vor. Sune Persson, der als Professor am Institut für Staatswissenschaft an der Universität in Göteborg lehrte, hatte „Rettung im letzten Augenblick. Folke Bernadotte und die Befreiung Tausender KZ-Häftlinge durch die Aktion ‚Weiße Busse’“ bereits 2002 in seinem Heimatland in der Erstausgabe veröffentlicht.

Es handelt sich um ein historisch-chronologisch aufgebautes Werk, das zunächst auf die Person von Bernadotte, die Entwicklung des Nationalsozialismus und dessen Judenverfolgung eingeht. Dann folgen Kapitel zu Dänemark und Norwegen unter deutscher Besatzung, der Hilfe schwedischer Juden für andere Juden in den deutschen Lagern und die Rolle Schwedens zwischen Aktivismus und Neutralität während des Zweiten Weltkriegs. Erst danach geht Persson auf die Vorgeschichte der Rettungsaktion ein, wobei das offizielle Schweden den direkten Kontakt zu Himmler suchte. Seine vor Hitler verschwiegenen Bemühungen um einen Separatfrieden mit den westlichen Alliierten boten den Anknüpfungspunkt für die Gespräche. Bernadotte erhielt den Auftrag zu einschlägigen Verhandlungen, die dann in der Rettungsaktion mit den „Weißen Bussen“ mündeten. Entsprechende Fahrzeuge mit dem Zeichen des Roten Kreuzes fuhren im März und April 1945 durch Norddeutschland und retteten so vielen inhaftierten Dänen und Norwegern das Leben.

Spätere Vorwürfe gegen Bernadotte, er habe sich nicht genügend für die Rettung von Juden engagiert, tritt Persson mit der Feststellung entgegen: „Tatsächlich setzten sich das schwedische Außenministerium und Folke Bernadotte schon länger dafür ein, zumindest die norwegischen und dänischen Juden nach Schweden zu retten. Auch über die Freilassung nichtskandinavischer Juden hatte es bereits Diskussionen zwischen dem schwedischen Außenministerium und deutschen Repräsentanten gegeben“ (S. 218). Die gegenteiligen Unterstellungen bewertet der Autor weiter als „ungerecht und verlogen“ (S. 369). Im Anhang der deutschen Ausgabe des Buches von Persson findet man mit „Die Weißen Busse. Ein Augenzeugenbericht (1945)“ noch die persönlichen Erinnerungen von Ake Svenson, der als Reserveoffizier im Frühjahr 1945 zum Hauptmann und Leiter eines Zuges der „Weißen Busse“ berufen wurde. Außerdem dokumentiert der Band die Tagebuchskizzen zum Thema des Thema des damaligen Chefs der „Abwehr“ Walter Schellenberg.

Mit Perssons Buch liegt ein informatives und umfangreiches Werk zu einer bedeutenden Rettungsaktion in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs vor. Dem Autor geht es dabei erkennbar auch um eine Ehrenrettung Bernadottes, können sich die später gegen ihn erhobenen Vorwürfe doch nicht auf historische Quellen stützen. Gleichwohl hatte das schwedische Außenministerium die Rettung von Juden zumindest zeitweise ans Ende der Prioritätenliste gesetzt. Außerdem handelte Bernadotte nicht aus einer Position der Stärke oder Überlegenheit heraus und musste aus taktischen Gründen auch diplomatische Rücksichten nehmen. Beides hätte Persson ausführlicher thematisieren können, um so eine differenzierte Einschätzung dieser historischen Streitfrage zu ermöglichen. Unklar bleibt darüber hinaus, warum der Anhang der deutschen Ausgabe des Buches eine Einleitung von dem „freischaffenden Historiker“ Stefan Scheil enthält. Er ist mehr durch national-konservative denn seriös-wissenschaftliche Geschichtsschreibung bekannt geworden.

Armin Pfahl-Traughber

Sune Persson, Rettung im letzten Augenblick. Folke Bernadotte und die Befreiung Tausender KZ-Häftlinge durch die Aktion „Weiße Busse“/Ake Svenson, Die weißen Busse. Ein Augenzeugenbericht (1945), Berling 2011 (Landt-Verlag), 615 S., 44 Euro.