Auch für die diesjährige Karnevalssession gab es wieder reichlich satirischen Stoff zu verarbeiten. Herausgekommen sind 13 Mottowagen des Düsseldorfer Bildhauers Jacques Tilly. Seine Überlegungen, die sich in den Karikaturen manifestierten, lesen Sie hier.
Gestern blickte die Welt auf das von Aprilwetter heimgesuchte Düsseldorf. Zum Höhepunkt des rheinischen Karnevals waren alle gespannt, was der bekannte Düsseldorfer Karikaturist Jacques Tilly, der den dortigen Rosenmontagszug seit Jahrzehnten prägt, diesmal vorbereitet hatte. Denn die Entwürfe bleiben bis zum Schluss geheim. Vor allem ein gegen den Satiriker angestrebter politischer Prozess in Russland stand im Vordergrund, den Tilly im Dezember gegenüber dem hpd als "Kriegserklärung gegen den satirischen Humor" bezeichnet hatte. Er schlug mit seinen Waffen zurück: ein Drittel der Wagen befasste sich mit dem russischen Langzeit-Präsidenten Wladimir Putin.

So auch gleich der erste Mottowagen im Zug: Donald Trump und Wladimir Putin fressen von beiden Seiten Europa auf. "Dass Putins Russland eine Bedrohung für Europa darstellt ist spätestens seit seinem Überfall auf die Ukraine klar. Dass aber jetzt auch der ehemalige Verbündete, die USA nun Europa in den Rücken fällt, das ist neu", kommentiert der Künstler sein Werk. "Die Antidemokraten Putin und Trump sind gleichermaßen Feinde der liberalen Demokratie. So steht Europa als letzte größere Insel von Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit zwischen zwei antiliberalen Großmächten."

Conservare ist lateinisch und bedeutet "bewahren". Daher kommt auch das deutsche Wort "konservativ", das auch die politische Richtung beschreibt, für die Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Kanzler Friedrich Merz (CDU) stehen. Wie ein kostbares Museumsstück hüten sie das Fossil des Verbrenners, hier dargestellt als ausgestorbenes Dinosaurierskelett. Fahren dürfte das Vehikel jedoch nicht mehr. "Viele deutsche Politiker stemmten sich mit Händen und Füßen gegen das Ende des Verbrennermotors, da Deutschlands Arbeitsplätze stark von der Autoindustrie und ihrer Zulieferern abhängig sind", so Tilly dazu. "Auch die deutsche Autoindustrie hat viel zu lange am Dinosaurier Verbrenner festgehalten und ist den absolut nötigen Wechsel viel zu spät angegangen. Dadurch hat Deutschland entscheidende Marktanteile wohl für immer an Tesla und China verloren."

Dies ist laut Jacques Tilly der aktuellste Wagen, den sein Team noch kurz vor Rosenmontag gebaut hat. Nachdem auf großen öffentlichen Druck hin die Epstein-Akten veröffentlicht wurden (wenn auch geschwärzt), ziehen sie immer weitere Kreise. Da zahlreiche einflussreiche Personen involviert waren, schützten sich alle gegenseitig, während die Opfer kein Gehör fanden. "Der verurteilte Straftäter Jeffrey Epstein konnte jahrzehntelang unbehelligt seinen Verbrechen als Pädophiler nachgehen, ohne dass ihn die Justiz, die Presse oder die Politik nennenswert gestoppt haben. Er baute ein Netzwerk mit Prominenten aus aller Welt auf, die sich teilweise an seinen Sexualverbrechen an minderjährigen Mädchen beteiligt haben", fügt Wagenbauer Tilly hinzu. Dargestellt hat er den Verbrecher mit Teufelshörnern und Fledermausflügeln.

Dieser Wagen ist ein sehr persönlicher. Denn Jacques Tilly ist in Moskau angeklagt, ihm drohen bis zu zehn Jahre Straflager – wegen Verunglimpfung der russischen Staatsorgane (einen weiterführenden Artikel dazu lesen Sie hier). Dies ist seine Antwort. "Wir sehen den Despoten Putin, der mit dem scharfen Schwert der Staatsmacht gegen die närrische Satire vorgeht", beschreibt der Meister des sprechenden Bildes die Darstellung. "Doch die Satire in Form dieses Hoppeditz, der Symbolfigur des Düsseldorfer Karnevals, lässt sich, obgleich aufgespießt, nicht davon abbringen, weiterhin auf Russlands Herrscher mit der Narrenpritsche einzudreschen."

"Hier sieht man zwei Kinder, Rücken an Rücken, die nicht mehr miteinander, sondern mit ihrem Handy kommunizieren", führt Tilly in diesen Karnevalswagen ein. Das Smartphone sei auch für Kinder schon eine Droge, die sie um ihre Kindheit bringe. Nicht nur die Erwachsenen, auch und vor allem die Kinder verbrächten ihr Leben vor dem Smartphone. Eine Kindheit, wie die Älteren sie noch gekannt und erlebt hätten, gebe es heute nicht mehr, so seine traurige Feststellung.

Die USA wollen ihr christliches Profil stärken, Evangelikale stimmten für Donald Trump und erhalten nun immer mehr Einfluss. Doch die Realpolitik hat mit christlichen Werten nicht viel zu tun: Hier sieht man, wie der US-Präsident mit der Einwanderungsbehörde ICE Jesus und der Liebe und Menschlichkeit, die er verkörpern soll, ins Gesicht schlägt. "Die paramilitärischen Truppen der Einwanderungsbehörde ICE verbreiten in den USA Angst und Schrecken, werden auch in den USA selbst mit der Gestapo verglichen. Sie entführen Menschen, Eltern und Kinder und erschießen Demonstranten. Wenn sich Trump so ein christliches Amerika vorstellt, kann man aus diesem Land nur noch fliehen", lautet Jacques Tillys Einschätzung.

Im vierten Winter des Angriffskrieges durch Russland herrschen in der Ukraine besonders harte Temperaturen von bis zu Minus 30 Grad. Auch in diesem Winter bombardiert die russische Armee wieder die Infrastruktur, die ukrainische Städte mit Licht, Wasser und Wärme versorgt. Tilly zeigt eine ukrainische Familie, die unter den Folgen leidet: der unerbittlichen Kälte. "Es trifft alle, auch Alte, Kranke und Kinder, die in eiskalten Wohnungen wochen- oder monatelang ausharren müssen. Das ist schon eine Art Folter", sagt der Düsseldorfer Wagenbaumeister. "Westliche Staaten, auch die deutsche Bundesregierung, nennt diese Praxis der russischen Armee völlig zurecht ein Kriegsverbrechen."

"Hier lenkt Putin munter eine AfD-Alice-Weidel-Drohne. Denn die AfD gilt zurecht als Sprachrohr, als verlängerter Arm des Kreml. Putin ist für die AfD-Politiker das große Vorbild, ein wahrer Führer, der so richtig aufräumt in Russland. So hätte die AfD es auch gerne in Deutschland", meint Jacques Tilly zu dieser Großplastik. "AfD-Politiker verbreiten hierzulande russische Staatspropaganda, reisen nach Russland, werden in den Kreml geladen, und einzelne AfD-Politiker kassieren mutmaßlich Gelder aus Russland, damit sie brav auf Linie bleiben. Darum gilt die AfD im Bundestag als Sicherheitsrisiko für Deutschland." Gerne nutzt die Partei den Begriff "Volksverräter" für ihre politischen Gegner. Dieser Wagen mache jedoch deutlich: "Die AfD ist die Partei des Landesverrats, sie arbeitet für Moskau."

Ein politischer Mottowagen ist traditionell einem Lokalthema gewidmet. Hier geht es um das uralte Identitätsmerkmal Düsseldorfs als "Senfstadt", das nun verloren gegangen ist. Der Wagenbauer erklärt: "Die traditionsreichen Marken Löwensenf und ABB-Senf (Adam Bernhard Bergrath), die seit über 100 beziehungsweise fast 300 Jahren in der Stadt hergestellt wurden, haben ihre Produktion hier in Düsseldorf eingestellt. Traurig."

Seit bald fünf Jahren herrschen in Afghanistan nun wieder die Taliban. Frauen wurden erneut aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen und zwangsverhüllt. Tilly fasst seine bildliche Darstellung so in Worte: "Die Afghanin, hier 'Miss Afghanistan' genannt, weint bittere Tränen. Frauen sind der männlichen Gewalt schutzlos ausgeliefert. Menschenrechtsorganisationen beklagen zurecht, dass die Weltöffentlichkeit zu wenig Druck auf die Taliban ausübt".

"Hier sieht man einen iranischen Mullah mit blutigen Zähnen, der sich auflöst, hinwegschmilzt. Denn das Mullahregime ist nach den jüngsten Ereignissen politisch und moralisch am Ende, ist bankrott", erklärt der Karikaturist Wagen Nummer 11. "Die Iraner haben die dauernde Unterdrückung durch die Mullahs sowas von satt. Anfang dieses Jahres gab es wieder eine gigantische Protestwelle, und das Regime konnte sich nur mit brutalster Gewalt an der Macht halten. Die religiösen Führer haben rücksichtslos auf das eigene Volk schießen lassen. Man geht davon aus, dass in den letzten Wochen bis zu 30.000 Menschen ermordet wurden. Doch niemand weiß, was genau dort passiert ist und wie hoch die Todeszahlen wirklich sind, da es Zensur und Internetsperren gibt." Seine Prognose: "Die nächste Protestwelle wird dieses Regime nicht überleben."

Der Gernerationenvertrag funktioniert nicht mehr. Das ist seit Jahren klar. Aufgrund des demographischen Wandels – längere Lebenserwartung, geburtenstarke Jahrgänge, die in Rente gehen, gesunkene Geburtenrate – müssen immer weniger Berufstätige immer mehr Rentner finanzieren und dabei auch noch länger arbeiten. Ihre eigene Rente wird hingegen für sie nicht ausreichen, wenn es soweit ist. Tillys Bild dazu: "Ein kleines Baby müht sich ab, einen ganzen Karren von Rentnern den Berg hochzuziehen. Es müssen Alternativen her, sonst fährt dieses System vor die Wand."

Der letzte politische Wagen im Zug greift ein weiteres von Bundesregierungen dauerhaft unzureichend behandeltes Thema auf: Die immer weiter steigenden Mieten. Hier zu sehen: Eine Familie, die von den Mietkosten schier erdrückt wird. Der Düsseldorfer Wagenbauer erläutert: "Die Mieten in Deutschland steigen und steigen, und zwar viel schneller als die Löhne steigen. Viele Mieter geben inzwischen weit über einem Drittel ihres Einkommens für Mieten aus – was leicht zu Überschuldung und Armut führen kann. Familien mit geringem Einkommen können sich Wohnungen in den Innenstädten kaum noch leisten und werden an den Rand gedrängt." Ein Ende dieser Situation ist nicht in Sicht.





