Jacques Tillys Antwort auf den Einschüchterungsversuch aus Moskau

Putins Schwert gegen die Narrenpritsche des Hoppeditz

Welche satirische Antwort würde der Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly auf den Einschüchterungsversuch aus Moskau geben, wo gegen ihn ein Strafprozess läuft? Das war die große Frage vor dem diesjährigen Rosenmontag. Mit so viel Spannung und Anspannung war wohl noch nie darauf gewartet worden, welche Wagen, insbesondere mit Blick auf Russlands Präsidenten Wladimir Putin, im Düsseldorfer Rosenmontagszug fahren würden. Die Antwort sehen Sie auf dem Foto zu diesem Artikel.

Es ist gewissermaßen ein Wagen von Jacques Tilly in eigener Sache. Die Großplastik zeigt, wie ein grimmiger Putin den Hoppeditz mit einem Schwert aufspießt. Der Hoppeditz, das ist die Symbolfigur des Düsseldorfer Karnevals. Ein Schelm in rot-weiß, den Düsseldorfer Stadtfarben. Der Narr erwacht alljährlich am 11.11. um 11:11 Uhr in einem riesigen Senftopf auf dem Düsseldorfer Rathausplatz und läutet mit einer satirischen Rede die fünfte Jahreszeit ein. Am Aschermittwoch wird er dann verbrannt.

Indem Jacques Tilly nicht sich selbst als Opfer von Putins Schwert darstellt, sondern den Hoppeditz, sagt er auch: Der Angriff aus Moskau gilt eben nicht nur ihm persönlich, sondern der Satire, der Meinungsfreiheit, der Kunstfreiheit. Damit ist dieser Angriff gegen die ganze freie Gesellschaft gerichtet. Die Gesellschaft, die sich denn auch am Rande des Rosenmontagszugs applaudierend hinter den Künstler und sein Werk stellte.

Ohne dass ihn je ein offizielles Schreiben erreichte, war Tilly vor einem Moskauer Gericht in Abwesenheit angeklagt worden, "Falschinformationen über die russische Armee aus eigennützigen Motiven sowie aus politischem Hass verbreitet zu haben" (der hpd berichtete). Gemeint sind die satirischen Mottowagen des Bildhauers, in denen er sich auch immer wieder Russlands Präsidenten Putin vorknöpfte.

Offenbar, um den Künstler einzuschüchtern, wurde der auf den vergangenen Heiligabend angesetzte Prozess bereits zwei Mal vertagt – zuletzt auf den 26. Februar. Also nach Karneval – wohl, um ihn vor dem diesjährigen Rosenmontagszug gefügig zu machen und auf weitere Putin-Wagen zu verzichten. Doch den Gefallen tat Tilly dem russischen Zaren nicht. Auch mit weiteren Mottowagen nahm er ihn aufs Korn (dazu folgt heute noch ein weiterer Artikel).

Tilly selbst sagte es am Rosenmontag so: "Putin bedroht die Satire mit dem scharfen Schwert der Justiz, aber wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir hauen natürlich weiterhin auf Putin drauf. Mit unserer Narrenpritsche. Eine sehr humane Waffe, eine gewaltfreie Waffe. Aber sie kann weh tun. Und sie tut anscheinend dem russischen Regime weh, denn sonst gäbe es diesen Prozess nicht."

Das Schwert mag scharf sein, doch der Satire kann es nichts anhaben

Wer die Großplastik genau betrachtet, dem wird auffallen, dass nicht ein Blutstropfen das Schwert oder die Kleidung des weiterhin lachenden Hoppeditz befleckt. Die Botschaft: Das Schwert mag scharf sein, doch der Satire kann es nichts anhaben. Satire kann man nicht töten.

Angesichts der Einschüchterungsversuche aus Moskau dürften Solidaritätsbekundungen für Jacques Tilly im Vorfeld des Rosenmontagszuges besonders wichtig gewesen sein. Dass er nicht allein gelassen wird von denen, die alljährlich seine grandiosen Ideen und deren Umsetzung bejubeln. Seine Kunst und seine bissige Satire, die den "Großen" den Spiegel vorhält und die denn auch weltweit in den Medien Verbreitung findet. So wie auch gestern und heute wieder im Fernsehen, auf den Titelseiten der Zeitungen und im Netz.

Tilly, Keller, Becker
Passenderweise trug Jacques Tilly am gestrigen Rosenmontag eine Uniform (hier mit Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller, CDU und dem Kölner Kabarettisten Jürgen Becker, rechts im Bild). Foto: © Jacques Tilly

Und so stärkten ihm bereits unmittelbar nach Bekanntwerden der Anklage zwei wichtige CDU-Politiker der nordrhein-westfälischen Landespolitik den Rücken. Allen voran NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, der gesagt hatte: "Dass Russland jetzt gegen Jacques Tilly wegen seiner Mottowagen ein Strafverfahren eingeleitet hat, offenbart wieder einmal, dass Despoten und Autokraten Kunst immer dann fürchten, wenn sie sich nicht vereinnahmen lässt." Und Nathanael Liminski, Chef der Düsseldorfer Staatskanzlei, kam zum Solidaritätsbesuch in Tillys Wagenbauhalle. Später zogen Politiker anderer Parteien nach. Und in der vergangenen Woche gab es eine halbseitige Solidaritätsanzeige wichtiger Persönlichkeiten der Düsseldorfer Stadtgesellschaft in der Rheinischen Post.

Allerdings duckte sich der organisierte Kölner Karneval in dieser stürmischen Situation weg. Zwar war am Rosenmontagswagen von Karnevalspräsident Christoph Kuckelkorn das Motto zu lesen: "Mer all sin Tilly" (Wir alle sind Tilly). Doch das war es auch schon. Der Kölner Zugleiter Marc Michelske hatte zuvor gegenüber der Deutschen Presseagentur gesagt, man habe sich entschieden, das Thema Putin dieses Jahr dem Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly zu überlassen. Man habe sich mit Tilly öffentlich solidarisiert, "durch einen Wagen müssen wir es aber aus meiner Sicht nicht machen". Angst vor russischen Repressalien habe bei der Entscheidung keine Rolle gespielt.

Eine Statement, dass den Satiriker Jan Böhmermann ("ZDF Magazin Royale") auf die Palme trieb. In einem Solidaritätsschreiben an Jacques Tilly, das dem hpd vorliegt, schrieb er: "Mit großer Verwunderung und echter Bestürzung habe ich lesen müssen, dass die 'Kölner Karnevalisten' in diesem Jahr auf einen eigenen Karnevals-Wagen verzichten wollen, der sich mit dem teuflischen Treiben des russischen Diktators und gesuchten Kriegsverbrechers Wladimir Putin beschäftigt." Die Erklärung, dass man dieses Thema den Kollegen in der Nachbarstadt überlassen wolle, macht Böhmermann zornig: "Ich denke, ich spreche im Namen aller ehrbaren und aufrichtigen Kölner Humorschaffenden, wenn ich feststelle, dass dieses ultrapeinliche (auch noch öffentliche) Herumgewiesel des Kölner Karnevalsestablishments in keiner Weise repräsentativ für das kritisch-satirische Kölner Humorhandwerk steht."

Und Böhmermann versicherte Tilly: "Vor dem Hintergrund der ganz praktischen, unschönen Auswirkungen, die Dein konsequentes Einstehen für Deine künstlerischen Grundprinzipien auf Dein Leben bereits hatte, muss ich mich besonders deutlich von dieser hosevollgeschissenen Kölner Stiefelleckertümelei distanzieren. Wie unangenehm! Wie furchtbar! Was für Bücklinge!" Der allergrößte Teil der traditionell anti-autoritären Kölner Stadtgesellschaft, alle notorisch aufmüpfigen aber immer augenzwinkernd dem Menschlichen zugewandten Kölner Bürger*Innen stehe vor, hinter und neben Euch, versicherte Böhmermann. Und er schloss mit dem Appell: "Lasst Euch nicht unterkriegen! Lasst Euch nicht kleinmachen! Lasst Euch nicht einschüchtern! Und lasst Euch schon gar nicht entmutigen von der taktischen Feigheit oder dem waschlappigen Opportunismus einiger weniger! Ob Köln, ob Düsseldorf, ob karnevalistische Großplastik, ob satirisches TV-Programm – wer es ernst meint mit dem Spaß, für den kann nur gelten: Gegen die Angst! Für die Freiheit und die Kunst! Von den Menschen für die Menschen! Und vor allem immer: Für die Liebe und für einander!"

"Put-in Jail!"
Diese Putin-Figur baute Jacques Tilly 2024 anlässlich einer weiteren Amtseinführung des russischen Präsidenten für die Oppositionsgruppe Freies Russland NRW und brachte sie gemeinsam mit den Aktivisten symbolisch vor den Internationalen Strafgerichtshof.
Foto: © Ricarda Hinz

Andere Karnevalsstädte duckten sich indes nicht weg, zeigten gar besondere Solidarität, indem sie Tilly-Großplastiken aus dem vergangenen Jahr in ihre Umzüge aufnahmen, die in den Vorjahren durch Düsseldorf gerollt waren. In Aachen war es der Motivwagen mit dem Titel "Put-in Jail!", in Frankfurt der Wagen, der das nackte Autokraten-Trio Putin, Trump und Xi zeigt.

Alle wollen ihr Land wieder "groß" machen

Autokraten vereint in männlichem Größenwahn: Diese Großplastik fuhr erstmals auf dem Düsseldorfer Rosenmontagszug im letzten Jahr. Foto: © Ricarda Hinz

Übrigens haben auch die Europapolitiker schon sehr bald Anlass, das Werk von Jacques Tilly zu bewundern. Im Europäischen Parlament in Brüssel gibt es ab 3. März eine Ausstellung zu seinen Werken – gleichzeitig ein Appell an die Entscheidungsträger, die Meinungs- und Kunstfreiheit hochzuhalten.„

Unterstützen Sie uns bei Steady!