Der Friedwald auf dem Roßberg

"Es ist mir egal, wo ich verscharrt werde."

b42friedwald_3.jpg

Laub raschelt, Äste knacken, Vögel zwitschern, Insekten summen, Sonnenlicht strahlt durch das Laub am Roßberg. Eine harmonische Idylle fast wie aus einem Märchen. Wüsste man es nicht besser, käme man nicht auf die Idee in einem Friedwald zu sein.

Wolfgang W. aus Blumberg sitzt auf dem halben Baumstamm, der zur Bank umfunktioniert wurde. "Sie wollen hier bestattet werden?", wird der ehemalige Bauleiter gefragt. Trocken erklärt er: "Es ist mir egal, wo ich verscharrt werde. Günstig soll das Grab sein. Und meine Kinder sollen keine großartige Arbeit mit der Grabpflege haben. Aber der Platz hier gefällt mir".

Am liebsten wäre Wolfgang, wenn seine Asche in den Wind gestreut würde. Aber hierfür sind die Gesetze noch zu steif. Ob sich das in den nächsten Jahren lockert? Einfacher geregelt gehört das Sterben, sagt W. Sei nicht auch ein Sarg nicht überflüssig? Moslems wurde jetzt die Bestattung im Leinen genehmigt, hatte der Rentner recherchiert.

Foto: © Karin Schmidtke
Foto: © Karin Schmidtke

Eine einfache Bestattung koste bereits 3000 bis 5000 Euro – ohne Grabstein, überschlug er. Danach käme der Baum dazu. Die Preise beginnen auf dem Roßberg ab 700 Euro aufwärts. Eine Verwandte von W. hatte einen Schlaganfall erlitten, wurde ein Pflegefall. Dann musste ein Bein in Hüfthöhe amputiert werden. Obwohl sie schwach war, wurde das zweite Bein amputiert. Die zweite Operation überlebte sie nicht. "So will ich nicht enden", protestiert Wolfgang W.

Für die Verwandte sucht der 69-Jährige nun einen würdigen Bestattungsort. Durch das Internet stieß er auf den Roßberg, ließ sich Unterlagen zuschicken. "Für mich ist der Friedwald eine klare Alternative. Aber er ist ebenfalls ein Konzept, mit dem sicher eine Menge Geld verdient wird", vermutet der Rentner. Lebensmüde sei er. Zehn Operationen an Herz, an der Wirbelsäule und am Gehirn habe er. Im Krankenhaus würde man unmündig behandelt.

Er ist zwar erst 69 Jahre alt, fühle sich aber manchmal "wie ein Zombie". Angst vor dem Sterben? Die habe er nicht. "Meinen Kindern darf ich das natürlich nicht erzählen", grinst W. verschmitzt. Manchmal fährt er mit dem Zug nach Frankfurt und setzt sich an den Bahnhof um ein Bier zu trinken. "Dann spüre ich, dass ich doch nicht der elende Mensch bin", sagt er.

Mit der Friedwaldförsterin kommt Beate Kottmann den Waldweg entlang. Ausgerüstet ist sie mit festen Trekkingschuhen, einem Rucksack und sie strahlt Optimismus aus. Kottmann stammt aus Wülfrath in Nordrhein-Westfalen. Seit Jahren kommt die 56-Jährige in die Ecke um Freudenstadt, um ihren Urlaub zu verbringen. Vom Friedwald hörte Kottmann und war sofort begeistert. Schon die Herfahrt mit dem Taxi genoss sie. "Meine Angehörigen wissen von meinem Wunsch, dass ich im Schwarzwald meine letzte Ruhestätte haben möchte. Sie sind nur traurig, weil die Entfernung so weit ist", sagt die Westfalin und schmunzelt.

Trauerfeier, Leichenschmaus, Verbrennung und Überführung seien bereits organisiert. Eine Weißtanne suchte sie sich jetzt aus. Kottmans Zwillingsschwester starb mit 49 Jahren an Krebs. Sie hatte sich eine anonyme Wiesenbestattung gewünscht. 2005 erlitt Beate Kottmann eine Lungenembolie. "Danach nahm ich die Natur viel bewusster wahr", gesteht sie. Jetzt hat sie alles für ihre eigene Bestattung geregelt. Wie fühlt man sich da? "Alles andere als erdrückend. Ich fühle mich gut", lacht Beate Kottmann und stapft nochmals in den Wald. Eine warme Windbö lässt die Baumwipfel rauschen.

Irene Dittus, Foto: © Karin Schmidtke
Irene Dittus, Foto: © Karin Schmidtke

Seit Dezember arbeitet Irene Dittus als Friedwaldförsterin auf dem Roßberg. Sie ist gelernte Zahnarzthelferin, doch in ihrer neuen Aufgabe geht sie auf. Mit Schulungen wurde die Schapbacherin ausgebildet. Empathie und Sensibilität brauche es für die Aufgabe – aber mit Menschen muss man auch in einer Zahnarztpraxis umgehen können. Ist der Umgang mit dem Tod nicht drückend?

Dittus hält Führungen durch den Friedwald und führt auf Wunsch auch Bestattungen durch. Die Menschen kommen meist mit Partner zur Besichtigung. Das Alter der Interessenten spielt keine Rolle. Leute sichern sich bereits mit 30 Jahren einen Baum – unter dem sie vielleicht erst 70 Jahre später bestattet werden."Immer mehr Leute machen sich Gedanken um die Grabpflege. Kann ich das meinen Nachkommen zumuten?, fragen sie", erklärt Dittus. Die Kinder wohnen oft nicht mehr am Ort. Ein Grab gepflegt zu halten? Das kostet über die Jahre. Seit 2012 gibt es den Friedwald. Bisher fanden hier rund 160 Bestattungen statt. Der Ausdruck "verscharrt", wie ihn Wolfgang Wagner verwendete, falle bei Besichtigungen relativ häufig. Allerdings nicht mit negativem Beigeschmack, erklärt Dittus. Die Leute seien lockerer drauf, weil sie von der Natur umgeben sind. Eher Dankbarkeit spüre man.

Die Bestattungen gehen durch alle Religionen und werden individuell gestaltet. Pfarrer, freie Redner oder nur Familie und Freunde begleiten sie. Die meisten Hinterbliebenen tragen die Urne selbst zum Baum. Einige wollen die Urne selbst ablassen. Blüten werden darauf gestreut. Es wird gesungen, musiziert. Luftballons steigen in den Himmel. Manche trinken noch ein Glas auf den Verstorbenen. Oder die Bestattung passiert still und leise. Aus der Kirche sind einige ausgetreten. Aber irgendwie glaubt doch fast jeder an eine höhere Macht, sagt Dittus.