„Trotz Revolution wird doch gearbeitet“

 

hpd: Gab es Stimmen, die dich eher aufgefordert haben, diese Unternehmungen zu lassen?

Nein, eigentlich nicht. Ich versuchte immer, im Hintergrund zu bleiben, wollte aber trotzdem auch dabei sein und durch meine bloße Anwesenheit meinen Protest ausdrücken, ich war aber nie in erster Reihe. Andererseits war es auch so spannend, und ich war neugierig, wie es weiter gehen würde. Ich wollte dabei sein. Die Verhaftung vor der Sophienkirche kam für mich überraschend und plötzlich. Wenn das abzusehen gewesen wäre, dass alle festgenommen werden, dann wäre ich in die Kirche rein geflüchtet und nicht vor der Kirche geblieben. Auf dem Kirchengelände gab es keine Festnahmen, da hat die Stasi sich nicht hin getraut.

hpd: Hast du jemals an „Republikflucht“ gedacht?

Nie so richtig. Jeder hat wohl einmal daran gedacht, aber doch nicht so richtig. Eine Flucht war risikoreich. Die innerdeutsche Grenze war zu gut bewacht, und andere Grenzen wie Jugoslawien kamen nicht in Frage. Es gab die Möglichkeit eines Ausreiseantrags. Zwei Bekannte von mir sind so ausgereist. Aber innerhalb der Möglichkeiten in der DDR, die wohl auch beschränkt waren, bin ich auch mit meinen Freunden gut zurecht gekommen. Eine Flucht wäre etwas Endgültiges gewesen. Das hätte ich mir sehr genau überlegen müssen und dafür gab es (noch) keinen Anlass.

Und letztendlich war es auch so, dass die, die ausgereist sind - illegal oder legal, das war egal - vielfach Einreiseverbot bekamen, und ich hätte mir einen neuen Freundeskreis aufbauen müssen. Aus meinem Bekanntenkreis sind nur zwei Leute ausgereist. Ich hatte hier noch genug Freunde und wir haben versucht, das Beste aus allem zu machen und viel Spaß miteinander zu haben.

Hpd: Hast du das Gefühl, dass die DDR Dich verlassen hat?

Nein, verlassen fühle ich mich nicht. Das System ist zu recht untergegangen. Es gibt Dinge, die ich gut fand, und es gibt einen bekannten Satz dazu, der heißt: ‚Ich sehne mich nach der DDR zurück, ich möchte sie aber auf keinen Fall wieder haben.’

Das hat zum Teil damit zu tun, dass wir Menschen uns an schöne Dinge aus der Kindheit oder Jugend gerne erinnern, an Positives sowieso und das Negative verdrängen und vergessen. Und so wie ich mich eingerichtet und mich auch zu Hause gefühlt hatte – so war es gut und (noch) auszuhalten. Ich weiß natürlich nicht, wie ich die nächsten Jahre erlebt hätte … da wäre ich vielleicht irgendwann verzweifelt, wenn das so weitergegangen wäre mit der staatlichen Bevormundung, der geistigen Provinzialität, der Diktatur von wenigen Greisen im ZK und Politbüro, die glaubten, sie dürften ohne jegliche Legitimation einfach so über mich (und die anderen 17 Millionen) bestimmen, wer wohin reisen darf, wer welche Meinung laut sagen darf, wer demonstrieren darf, wer willkürlich festgenommen wird usw. … Es gab auch den lakonischen Spruch in der Bevölkerung zur Ausreisebewegung: ‚Der Letzte macht das Licht aus.’

Die Gorbatschow-Zeit

Dass die Stadt geteilt war, es also noch ein anderes Berlin gab, dass da zwei U-Bahnlinien und eine S-Bahnlinie mitten durch Ost-Berlin fuhren, die man nicht benutzen darf und man dann auf der Friedrichstrasse steht und unter sich die U-Bahn rumpeln hört …. das war schon seltsam, irgendwie. Da weiß ich nicht, wie lange ich das noch ausgehalten hätte, nein, ich weiß es nicht. Ab Mitte der 80-er Jahre, also von der Gorbatschow-Zeit an wurde die Situation zunehmend interessanter. Mein eigenes politisches Interesse hatte sich auch weiter entwickelt.

hpd. Was ist unter „Gorbatschow-Zeit“ zu verstehen?

Naja, es beschreibt die Zeit, in der die DDR-Regierung Probleme bekam mit der Sowjetunion als das große Vorbild. Der Automatismus, alles was von dort kommt, sei richtig, war mit Glasnost und Perestroika vorbei. Früher hieß es immer von oben: ‚Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen.’ Und nun wurde denen da oben ihr eigenes Zitat vorgehalten. Und da konnten sie damit nicht so richtig umgehen. Man konnte die Ideen aus der Sowjetunion (Glasnost = Offenheit, Transparenz, Informationsfreiheit; Perestroika = Umbau, Umgestaltung, Umstrukturierung) nicht so einfach verteufeln, da sie ja nun mal vom ‚großen Bruder’ kamen. So stand die Regierung unter Begründungszwang, warum der Weg, den die Sowjetunion eingeschlagen hatte, nicht auch in der DDR möglich sein sollte.

Kunstgriffe wurden eingesetzt. 1987 bis 1988 zum Beispiel gab es plötzlich Schwierigkeiten, deutschsprachige russische Zeitschriften zu bekommen, sie wurden einfach nicht mehr vertrieben, also quasi verboten. Das Sputnik-Heft gehörte dazu. Das Heft war beliebt. Eine verbotene Ausgabe hatte sich mit der Stalin-Zeit auseinander gesetzt, mit dem Fakt, das Stalin vor oder auch während des 2. Weltkrieges Säuberungsaktionen in der sowjetischen Armee durchführen ließ, was zu der These führte, dass die Sowjetunion zwar als eine Siegermacht aus dem 2. Weltkrieg hervorging, aber nicht wegen, sondern trotz Stalin.

Diese Zensur wurde sogar innerhalb der SED diskutiert. Einer meiner Kommilitonen war SED-Mitglied und hatte eine Eingabe geschrieben, mit der er sich über das Verbot des Sputnik-Heftes beschwerte. Er wurde zu einem Gespräch eingeladen, und durfte dieses Gespräch mit einem Walkman aufzeichnen. Den Tonbandmitschnitt habe ich dann abgetippt, und das Gespräch wurde fotokopiert und weitergereicht. Die offizielle Position formulierte der Chefideologe des SED-Politbüros Kurt Hager 1987 dann in einem Interview mit dem ‚Stern’: „Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ Danach wurde er dann von vielen verächtlich Tapeten-Kutte genannt.

hpd: In aktuellen Gesprächen taucht immer wieder der Aspekt von Zukunfts-Angst auf, die es in der DDR nicht gegeben habe.

Na ja, die Grundsicherung war da und letztendlich wurde jeder umsorgt, ob er wollte oder nicht. Jeder durfte arbeiten, jeder musste arbeiten. Es gab die soziale Sicherheit, aber auf niedrigstem Niveau. Jeder hatte eine Bleibe, Wohnung sage ich absichtlich nicht, denn die zu bekommen war schwierig. Bei den Eltern auszuziehen in eine eigene Wohnung scheiterte daran, dass man ohne Heirat und ohne Kind lange auf eine Wohnungszuweisung warten musste.

Ich hatte meine Wohnung als Ausbau- – also renovierungsbedürftige – Wohnung bekommen. Die Kommunale Wohnungsverwaltung (KWV) hat die Materialkosten übernommen und hatte ich die Wohnung wieder bewohnbar gemacht, mit Außen-WC (AWC), aber immerhin hatte ich mein eigenes AWC, musste es mit keinem Nachbarn teilen.

Einen Telefonanschluss zu bekommen war schwierig. Es gab sehr lange Wartezeiten. Ich hatte keines und meine Freunde auch nicht. Die Eltern hatten meistens ein Telefon. Und wie es in den DDR-Kaufhallen aussah, das weiß ich eigentlich gar nicht mehr. Das Angebot war jedenfalls sehr übersichtlich.