„Trotz Revolution wird doch gearbeitet“

 

hpd: Wenn wir die Zeit zurück drehen, hättest du der DDR Regierung eine Empfehlung geben mögen, die das Ende hätte verhindern können?

Nein, es gab nur die beiden Alternativen: Diktatur oder Demokratie mit persönlichen Freiheiten, wie Meinungs-, Presse-, Reisefreiheit. Und Demokratie bedeutete aber auch, dass die alte DDR-Führung rechtsstaatlich zur Verantwortung gezogen wird für die Mauertoten, Wahlfälschung, Stasi-Aktionen usw. Das letzte wollten die Leute natürlich vermeiden. Die ersten demokratischen Wahlen haben gezeigt, die Mehrheit der DDR-Bürger wollte die Wiedervereinigung und das muss man als Demokrat akzeptieren.

Andererseits war die DDR aber auch ökonomisch überhaupt nicht mehr haltbar. Der Lebensstandard sank schon seit vielen Jahren, die Bausubstanz zerfiel. Beim Altbaubestand hatte es die DDR in 40 Jahren in Berlin gerade mal geschafft, eine Handvoll Häuser in der Husemannstraße zu sanieren – die restliche Altbausubstanz zerfiel stetig. Die DDR war zahlungsunfähig und hing am Tropf der BRD. Ich erinnere an den von Strauß vermittelten Milliarden-Kredit. Die DDR war weder ökonomisch noch politisch alleine existenzfähig.

hpd: Wie hast Du den 40. Jahrestag der DDR, den 7. Oktober 1989 erlebt?

Es gab vor dem 9. November öffentliche Erklärungen von Schauspielern, Rock-Musikern, die Veränderungen forderten, es gab die Gründung des Neuen Forums. Anfang Oktober, dann als die Ausreisewelle über Ungarn immer mehr zunahm, nachdem Ungarn seine Grenze zu Österreich geöffnet hatte, setzte die DDR den visafreien Reiseverkehr mit der Tschechoslowakei aus, damit die offiziellen Feiern zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober nicht von Nachrichten über weiter steigende Ausreisezahlen überschattet werden. Die Tschechoslowakei war bis dahin das letzte Land, in das DDR-Bürger ohne Ausreise-Visum fahren durften. Man konnte die DDR also nicht mehr ohne Ausreise-Visum verlassen. So zynisch es vielleicht klingt, ich war von dieser Idee begeistert. Bisher hat die DDR immer nur die wenigen aktiven Oppositionellen geärgert, und nun hatte sie sich mit allen 17 Millionen Einwohnern angelegt, indem man ihnen den letzten Rest Reisefreiheit beschnitt.

Ich fand die Idee genial – eine Handvoll SED-Greise gegen den Rest der DDR. Ich war guter Hoffnung und dann kam der 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989.

In der Volksbühne fand an diesem Tag um 11.00 Uhr eine Veranstaltung zur kritischen Auseinandersetzung mit der DDR statt. Von meinem Fenster aus sah ich links vor meiner Haustür ein Auto warten. Ob es mir galt, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich bin dann aus meinem Haus raus, zügig rechts die Straße lang in Richtung U-Bahnhof gegangen. Das Auto startete, folgte mir, fuhr die Einbahnstraße verkehrt herum rein und hielt neben mir. In dem Auto waren drei Männer. Freundlich wurde mir mitgeteilt, ich hätte nur zwei Möglichkeiten: Ich könne wieder nach Hause gehen oder sie würden mich mitnehmen, also festnehmen. Ich bin dann zurück in meine Wohnung gegangen und wurde dabei bis zur Haustür begleitet. Ich wollte aber trotzdem zu dieser Veranstaltung und habe dann noch einen Versuch gestartet. Ich bin diesmal nicht durch die Haustür, sondern über den Hinterhof, über die Mauer geklettert … und bin einem der drei Stasi-Männern direkt in die Arme gelaufen. Auf dem Rückweg zur Wohnung hatte ich nun wieder eine Begleitung. Zufällig traf ich auf diesem Weg ein paar Freunde. Wir begrüßten uns und ich war erleichtert, nicht mehr allein mit den Stasi-Leuten zu sein.

Mir wurde von den Stasi-Leuten nun mitgeteilt, dass ich für diesen Tag Innenstadt-Verbot habe. Der Anlass war klar: Nach der Kommunalwahl am 7. Mai gab es die Treffen als Protest gegen die Wahlfälschung immer am 7. eines jeden Monats und nun war der 7. Oktober gleichzeitig der 40. Jahrestag der DDR.

Konkret durfte ich nur bis zur Dimitroffstraße und nicht weiter. Meine Freunde und ich, wir sind dann in der Straßenbahn die Dimitroffstraße entlang bis zur Schönhauser Allee gefahren. Ein Stasi-Mann hat uns in der Straßenbahn begleitet, die beiden anderen sind mit dem Auto nebenher gefahren. Zu Fuß sind wir dann zur Gethsemanekirche gelaufen. Dort war auch an diesem Tag eine Mahnwache für zu unrecht Inhaftierte mit vielen Menschen. Das war für mich der beste Schutz. Ich wollte nicht festgenommen werden und wenn schon, dann auf gar keinen Fall irgendwo alleine, wo es keiner mitbekommt. Irgendwann haben mich die drei dann wohl aus den Augen verloren. Abends kam dann auch noch die Demonstration gegen die Wahlfälschung vom Alexanderplatz zur Gethsemanekirche. Für mich ist der 7. Oktober somit glimpflich verlaufen. Ich bin dann spät nachts wieder nach Hause gegangen. Andere Menschen sind an diesem Abend festgenommen worden und es gab auch Gewaltexzesse seitens der Polizei und der Stasi.

hpd. Gab es weitere 'fürsorgliche' Belagerungen?

Nein, mir gegenüber nicht. Ich habe jedenfalls nichts davon mitbekommen. Ich habe immer versucht, mich im Hintergrund zu halten. Im Oktober gab es dann die Absetzung von Honecker und die Diskussionen wurden immer öffentlicher.

hpd: Und wie hast Du den 9. November 1989 erlebt?

Nachdem dann die DDR-Führung nach der friedlichen Montags-Demo am 9. Oktober in Leipzig von ihrer Politik der Unterdrückung jeder oppositionellen Meinung abrückte zu einer Politik des Dialogs, wurden sogar die DDR Nachrichten spannend. Am 9. November wurde im DDR-Fernsehen gegen 19.00 Uhr eine Pressekonferenz von Schabowski live übertragen, und die hatte ich bei einem Freund gesehen. Da hieß es, jeder DDR Bürger könne ein Visum beantragen und könne damit in die BRD ausreisen. Ich bin dann nach Hause gegangen, das war am Mittwochabend, und habe so gedacht, naja, das dauert bestimmt ein paar Tage mit der Bürokratie, bis man das Visum dann bekommt.

Am nächsten Tag bin ich dann wie immer zur Arbeit gegangen. Es war total spannend, was in den vergangenen Stunden alles gelaufen war. An richtige Arbeit war an diesem Tag nicht zu denken. Ich habe die ganze Zeit – wie immer – nebenbei das Radioprogramm vom SFB und Radio 100 gehört, um neues zu erfahren. Gegen 14 Uhr – zwei Stunden vor Ende der offiziellen Arbeitszeit – wurden wir nach Hause geschickt. Auf dem Nachhauseweg habe ich dann vor den Meldestellen lange Schlangen von Menschen gesehen, die ein Visum beantragen wollten.

Bei dem Freund, bei dem ich am Abend zuvor die Pressekonferenz gesehen hatte, war nur seine Freundin zuhause. Er war noch in der Nacht zuvor nach West-Berlin gegangen, aber noch nicht wieder zurück. Seine Freundin und ich, wir sind dann beide zur Oberbaumbrücke gefahren und dort ohne Visum, nur mit dem Personalausweis dann rüber gegangen nach Kreuzberg. Dort haben wir dann auch ihren Freund wieder getroffen, sind dann zu deren Verwandten in Schöneberg gefahren und haben mit ihnen das ganze Wochenende in West-Berlin verbracht. Ich bin dann erstmal bis Sonntagnacht dort geblieben, weil ich dachte, dass ich für den nächsten Besuch in West-Berlin bestimmt ein Visum brauchen und die Bearbeitung einige Zeit dauern würde. Die drei Tage erlebte ich wie in Trance – es wirkte alles irgendwie unwirklich. Aber es war angenehm.

Sonntagabend war ich dann auch am Ku-Damm, dann auf der Potsdamer Straße einen Freund besuchen und nachts um 3 Uhr erst wieder zu Hause, hab am Montag verschlafen, dann zur Arbeit, habe mich entschuldigt. Es war dann wie ein Sog für mich, Dienstag musste ich wieder „rüber“, und dann alle paar Tage wieder, meistens Freunde besuchen. In Deutschland ist es eben so, findet eine Revolution statt, wird doch gearbeitet.

Das war der 9. November 1989 für mich.

 

Wir bedanken uns bei Mathias Thiede.

Interview: Evelin Frerk, Assistenz: Katharina Eichler.

 

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