(hpd) Peter Sloterdijks Untersuchungen zu „Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen“.
Beginnen wir mit einer Frage: Welche Chancen hat eine kulturwissenschaftliche Kritik religiöser Phänomene, von institutionalisierten Religionen aufgenommen und angemessen verarbeitet zu werden? Antwort: so gut wie keine.
Eine Betrachtung von Herbert Gerl
Die Grundlagen, die „Glaubensfundamente“ solcher Institutionen können durch Forschung und Analyse hundertmal aufgeklärt, historisch eingeordnet und relativiert, sie können sich hundertmal selbst widersprochen, blamiert, entblößt haben: die Institutionen berührt es nicht, sie machen einfach weiter wie ehedem. Auch und gerade kirchliche Autoritäten, so sehr sie sich Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit auf ihre Fahnen schreiben, nehmen nur allzu gern zu dieser im Grunde „zynischen“ Strategie der Abwehr analytischer Befunde Zuflucht: ignorieren, lächeln, weitermachen.
Sloterdijk hat schon einige Zeit vor der hier zu besprechenden Publikation in seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983) eben dies als eines der typischen Merkmale eines zynischen Umgangs mit Erkenntnissen herausgearbeitet: „…der Glaubensabsolutismus der organisierten Religion will nicht zur Kenntnis nehmen, dass er nach den Regeln der Kunst suspendiert ist… Erst nach der Fundamentalkritik der Neuzeit besteigt die Theologie vollends das Narrenschiff des sogenannten Glaubens…Wie alle vom Überlebenswillen erfüllten Institutionen wissen sie (die Kirchen, H.G.) die ‚Aufhebung’ ihrer Grundlagen zu überstehen…Mit den Zynikern haben seither Theologen eine zusätzliche Gemeinsamkeit – den Sinn für nackte Selbsterhaltung. In der Tonne einer löchrigen Dogmatik haben sie sich bis zum Jüngsten Tag wohnlich eingerichtet“ (S. 69f.).
Halten wir dennoch fest: Auch wer „fromm“ ist (im Sinne einer durch religiöse Erziehung konditionierten und auf die Unantastbarkeit eines gepredigten Glaubens festgelegten Existenz) oder gar Theologe von Beruf, hat doch eine Art humanitären Anspruch darauf - auch wenn er ihn nicht kennt, und wenn er ihn kennte, vielleicht nicht einmal wahrhaben wollte - dass philosophische Kritik und Aufklärung voranschreiten und, soweit möglich, Beiträge liefern, die die menschliche Spezies oder wenigstens Teilmengen davon („Einzelne“) vor Lüge, religiösem Wahn und Widersinn zu schützen versuchen.
In diesem Sinn einer zugleich sezierenden und menschenfreundlichen Aufklärung ist Sloterdijks Stellungnahme zu den drei Monotheismen (Judentum, Christentum und Islam) zu lesen. In diesem Sinn soll sie hier in ihren Grundzügen - soweit ich sie verstanden habe - referiert und gewürdigt werden.
1. Transzendenz als Zuschreibung
Allen drei Monotheismen gemeinsam ist ihr behaupteter Bezug (was ihren Ursprung, ihre Gegenwart und ihre endgültige Erfüllung in der Zukunft betrifft) zu einer als Person gedachten Transzendenz. Sloterdijks Untersuchungen setzen an dieser Stelle an. Er beschreibt, wie das Konzept Transzendenz heute an Plausibilität verliert, da es sich offenkundig ganz bestimmten Optiken, Interpretationen, Missverständnissen, Verkennungen verdankt:
- Zunächst (mit Heiner Mühlmann) einer „Verkennung des Langsamen“, d.h. einem fehlenden Überblick über Entwicklungen, die sich über extrem lange, für die menschliche Wahrnehmung nicht überschaubare Zeiträume erstrecken und deren Ergebnisse dann einem transzendenten Verursacher zugeschrieben werden. Dies ist in plumper Form auch heute noch als „Kreationismus“ (die vielfältigen Zweckmäßigkeiten in der Natur verweisen auf einen transzendenten Schöpfer) in den USA zu studieren. Hierzulande ist solcher Kreationismus seit geraumer Zeit mutiert: eine transzendente Intelligenz hat demzufolge eine Evolution angestoßen und ins Werk gesetzt. Man könnte also von einem „mittelbaren Kreationismus“ bei strikter Beibehaltung des transzendenten Ursprungs sprechen.
- Sodann einer „Verkennung des Heftigen“ (ebenfalls nach H.Mühlmann): Körpereigene, physiologische Hochstimmungen, Ekstasen, flow-Erlebnisse, gerade auch religiös initiierte Rauschzustände (des Kampfes gegen andere oder sich selbst) werden, da auf den ersten Blick nicht anderweitig erklärbar, transzendenten Einflüssen, Begnadungen, Erleuchtungen zugeschrieben.
- Weiterhin wird das Nicht-Agieren oder -Reagieren, das Schweigen, die Unerreichbarkeit eines vorgestellten großen Anderen, seine Unberührbarkeit und Unabhängigkeit von jeder menschlichen Einflussnahme als Beleg für seine Transzendenz gewertet. Freilich „… müsste eine Reihe anspruchsvoller Voraussetzungen erfüllt sein, bevor man zu dem Schluss kommen dürfte, wer nicht reagiert, sei eben deswegen ein überlegenes, ja transzendentes Gegenüber. Transzendenz entsteht in solchen Situationen aus einer Überinterpretation der Resonanzlosigkeit.“ (S.24)
- Schließlich: Die erlebbare Chaoseindämmende Wirkung fest gefügter religiöser Rituale anlässlich von Unglück und Tod wird einem transzendenten Ursprung zugeschrieben.
Die Gefährlichkeit solcher Missverständnisse liegt in dem Umstand, dass ihre „Wahrheit“ ein hohes Maß von Explosivität aufweist. Mit transzendenten Ansprüchen ist nicht zu spaßen. Wenn es ums Ganze geht (ums „ewige Heil“), können sich (wie beispielsweise die Gräuel der Inquisition und Ketzerverfolgung oder aktuell der Umgang islamischer Kollektive mit „Ungläubigen“ und moralisch Abweichenden zeigen) menschliche Maßstäbe von Recht und Billigkeit nicht mehr behaupten. Eine wirklich ernst genommene Transzendenz (als eine Unendlichkeit, die in keinem ausrechenbaren Verhältnis mehr zur Endlichkeit dieses Lebens steht) hat die Fähigkeit, solche Maßstäbe auszuhebeln und zu sprengen.
Diese vier genannten Punkte sind (in der Tradition David Humes) einer modernisierten „Naturgeschichte der Religion“ zuzurechnen. Es sind also nicht mehr nur die Mängel und Nöte der menschlichen Existenz allein, die durch den Glauben an einen transzendenten Gott ausgeglichen werden sollen, es sind auch Erlebensmomente der Kraft, der Freude und des Überschwangs, die transzendent-religiös codiert und in einer Gemeinde von Gleichgesinnten entsprechend kommuniziert werden.
Sloterdijk fügt dieser Liste drei weitere Begründungen für die Annahme der Existenz eines transzendenten Anderen an, die nicht in gleicher Weise „naturalistisch“ reduziert werden können:
- Den (etwas papieren anmutenden) Gedanken, „dass zur menschlichen Intelligenz die Fähigkeit gehört, sich eine Intelligenz vorzustellen, von welcher sie überragt wird“. (S.29)
- Die unvorsichtig-spekulative Antwort auf die Frage, wohin die Gestorbenen gehen und wo sie sich fernerhin aufhalten.
- Schließlich die Auffassung, diese jenseitige Instanz habe sich, zeitlich datierbar und räumlich bestimmbar, „mittels Diktaten, die Geschenke sind, oder mittels Geschenken, die Diktate sind, durch auserwählte Medien“ (S.31) geoffenbart. Das Missliche ist: auch die vorgeblich transzendenten Verlautbarungen sind faktisch immer nur durch Menschenwort verkündet worden. So dass ihr transzendenter Anspruch, weil selbst Teil der Botschaft und ebenfalls durch den Mund von Menschen verkündet, ununterscheidbar wird und als bloße Behauptung stehenbleibt.
Zu diesem letztgenannten Punkt können wir anmerken: Selbst Vertreter des Offenbarungsgedankens sehen das ähnlich. Hier kann, aus der christlichen Fraktion, theologische Prominenz, nämlich Joseph Ratzinger, zustimmend zitiert werden. Er reflektiert die „historisch-kritische Methode“ des Bibellesens und weiß: „…ihr eigentlicher Gegenstand ist das Menschenwort als menschliches“ (Jesus von Nazareth, Freiburg 2006, S. 16). Folgerichtig: „…die christologische Hermeneutik, die in Jesus Christus den Schlüssel des Ganzen sieht und von ihm her die Bibel als Einheit zu verstehen lernt, setzt einen Glaubensentscheid voraus…“ (a.a.O. S. 18). Etwas weniger verschlüsselt heißt das: In der historischen Gestalt Jesu kann nur der einen transzendenten Christus und Gottessohn entdecken, der sich dafür entscheidet, solche verborgene Anwesenheit des Jenseitigen, warum auch immer, zu „glauben“. Nur wer ihn hineinliest, kann ihn auch herauslesen. Die Historie selbst kann eine solche Sicht ebenso wenig begründen wie die historische Forschung. Der Glaube setzt sich selber voraus.





