Ein Nachruf auf Dieter Kaiser

Der großherzige Avantgardist

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Dieter Kaiser
Dieter Kaiser

Dieter Kaiser lebt nicht mehr. Das Gründungsmitglied der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) Bodensee ist am Mittwoch vergangener Woche im stolzen Alter von 88 Jahren verstorben. Ein Nachruf von Alexander Wolber.

Dieter Kaiser war kein Mann von stattlicher Größe, dennoch war er unübersehbar. Das lag vor allem an seiner ausgesprochen offenen und kontaktfreudigen Persönlichkeit. Ich erinnere mich an meinen ersten Stammtisch bei der gbs Bodensee im August 2021 in einem Biergarten am Konstanzer Hafen – die Corona-Maßnahmen waren zu dieser Zeit gerade gelockert worden, sodass ein Treffen mit anderen Menschen wieder möglich war. Als frisches Vereinsmitglied schleifte ich damals meine Freundin Isabell mit, wir waren leicht verspätet. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch nie Mitglied in einem Verein gewesen und wusste nicht, was mich erwartet, schließlich kannte ich die gbs bis dahin nur aus dem Fernsehen. Bevor wir uns allerdings zu den anderen gesellten, beobachteten wir den Tisch erst mal aus einiger Entfernung – ich hoffte, einen ersten Eindruck von den Menschen zu bekommen, die auf uns warteten. Gesehen haben wir dann eine Gruppe älterer Herren. Ich kann in der Rückschau nicht mehr genau sagen, warum ich das irgendwie irritierend fand und so gar nicht erwartet hatte. Isabell kommentierte das dann noch ironisch und bezeichnete die gbs Bodensee als "Club der alten Männer" – ein Running Gag, der sich zwischen uns bis heute gehalten hat.

Jedenfalls entschlossen wir uns, der Sache eine Chance zu geben, und setzten uns dazu. Wir wurden von allen freundlich empfangen, jedoch vergingen keine zehn Sekunden, da sprang ein Senior auf, umkreiste den Tisch, zückte seine Geldbörse und drückte Isabell und mir multiple Visitenkarten in die Hand. "Kaiser", so stellte sich Dieter vor und erzählte uns von seiner musikalischen Karriere. Sein Alter Ego "Didier Caesar" sang gerne im Duo, manchmal auch im Trio französische Chansons. Gelegentlich übersetzte er sie auch ins Deutsche, sodass auch nicht der französischen Sprache mächtige Personen etwas davon hatten. Er liebte den öffentlichen Auftritt und versuchte, uns zu motivieren, seine Visitenkarten an mögliche Liebhaber zu verteilen. Anschließend berichtete er uns von seinen Projekten und Tätigkeiten, denen der damals 84-Jährige nachging. Ich wurde von der Informationsflut, die auf mich einprasselte, schier begraben.

Dieter beim musizieren. Foto: © Lorenz Dietrich

Zwischendurch, und das hat Dieter äußerst klug angestellt, verpflichtete er mich dann direkt, an drei bis vier seiner Ideen mitzuwirken – und das waren die unterschiedlichsten Dinge: christliche Liedtexte säkularisieren, Straßennamen ändern, die an christliche Würdenträger erinnern, Bibelsprüche aus der Lokalzeitung entfernen und eine neue Beschilderung an dem mehrere hundert Kilogramm schweren Hussenstein (ein Denkmal für den Reformator Jan Hus) in Konstanz anbringen, die den Feuertod des Ketzers durch die katholische Kirche ausweisen sollte. Die gegenwärtige Inschrift des Hussensteins enthält lediglich den Namen und den Todestag von Jan Hus, unterschlägt aber die Rolle der katholischen Kirche dabei. Da Dieter immer sehr viele Ideen hatte, die er am liebsten alle gleichzeitig umgesetzt hätte, steckte er einige Wochen später mit dem Kopf schon wieder in ganz anderen Sachen. Zu meinem Vorteil hatte er dann schon vergessen, dass ich eigentlich den Auftrag hatte, einen in Klarsichtfolie gehüllten, von Dieter beschrifteten Zettel an den Hussenstein zu kleben. Das Anbringen einer offiziellen, neuen Beschilderung hätte nämlich so einige städtische Überzeugungsarbeit gefordert.

Der entschlossene Wegbereiter

Jeder, der Dieter kannte, wusste, dass er zahlreiche Interessen hatte, die in einem Leben kaum ausreichend zu pflegen waren. Besonders ausgiebig beschäftigte er sich allerdings mit Religionskritik – und da hatte Dieter eine besonders kämpferische Ader. Nicht umsonst konnte er sich prächtig über die Machenschaften der christlichen Kirchen echauffieren, gegen die er sich zeitlebens kontinuierlich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln erhob. Und diese kämpferische Ader war auch bitter nötig, denn Dieter trat bereits 1958 (!), mit 20 Jahren, aus der katholischen Kirche aus. Zu dieser Zeit waren noch über 95 Prozent der in Westdeutschland lebenden Menschen konfessionell christlich gebunden, das Verständnis für solch einen ketzerischen Akt dürfte minimal gewesen sein. Man könnte also sagen, dass Dieter einer der Ersten war, die es geschafft haben, sich das "Kreuz aus dem Kopf" zu holen, wie er es genannt hätte.

Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen wollen: Menschen wie Dieter waren die Vorreiter und Vorbereiter der heutigen säkular-humanistischen Bewegung. Ohne sie hätten wir es heute vielleicht deutlich schwerer, mit unseren Positionen in der Gesellschaft Gehör zu finden. Abgesehen von einem kurzen Aufenthalt in einem katholischen Internat zuvor hatte Dieter gar nicht so viele schlechte Erfahrungen mit Christen gemacht. Die Entscheidung auszutreten war für ihn eher intellektueller Natur. Die Bibel empfand er inhaltlich und historisch als unplausibel, die kirchlichen Lehren als rückwärtsgewandt, die Auseinandersetzungen mit religiösen Menschen hätten ihm deren "Naivität und den fehlenden Bildungsstand vor Augen geführt". Religion war für Dieter stets etwas für "leichtgläubige Menschen". Er sah in ihr ein Unterdrückungswerkzeug, das den Gesellschaften mehr schadet als nützt. So waren ihm die religiöse Indoktrination der Kinder und die Unterdrückung der sexuellen Selbstbestimmung die größten Dornen im Auge. Und was das angeht, hat sich Dieter auch nicht gescheut, für seine Meinung einzustehen, das hat er jedem so ins Gesicht gesagt, ungeachtet dessen, ob das Umfeld das gut fand oder nicht!

Dieter bei der Aufklärungsarbeit. Foto: © Andreas Leber

Dieters Geist war stets vorwärtsgewandt und humanistisch. Er setzte sich früh für Glaubensfreiheit und eine "wertephilosophisch begründete Ethik" ein, vertrat konsequent das Recht auf Selbstbestimmung und war auch lebenspraktisch immer für sein Umfeld mit einem offenen Ohr zugegen. Diese für Dieter fundamentalen Grundeinstellungen haben sich auch in seinem breit angelegten Engagement widergespiegelt.

Der hilfsbereite Humanist

Dieters Leidenschaft waren die Sprachen. Nach seinem Abschluss an der Universität Heidelberg am Institut für Angewandte Sprachwissenschaft arbeitete er im Laufe seines Lebens in zahlreichen, teils international arbeitenden Betrieben und Schulen als Diplom-Übersetzer für die Sprachen Französisch (Muttersprache), Deutsch, Englisch und Niederländisch. Sein Faible für Sprachen war für Dieter auch der Türöffner in die weite Welt. Insbesondere an dem im Süden Afrikas befindlichen Land Simbabwe hatte Dieter einen Narren gefressen. Warum ausgerechnet Simbabwe, hat er in meiner Anwesenheit leider nie erwähnt, gleichzeitig habe ich es bedauerlicherweise auch verpasst, danach zu fragen. Jedenfalls war Dieter spätestens seit den 1990er Jahren äußerst sozial engagiert. Er beteiligte sich an der Entwicklungshilfe, förderte Hilfsprojekte für Frauen und Kinder, unterstützte beim Bau eines Waisenhauses und Altenheims, versandte zahlreiche Hilfscontainer und gründete eine Patenkinder-Organisation. Letztere gründete er nicht nur, sondern kümmerte sich auch selbst um ein Patenkind. Kurz vor seinem Tod verkündete Dieter uns bei einem Stammtisch noch freudestrahlend, dass er seine Patentochter bald nach Deutschland holen wolle, um ihr hier eine Ausbildung in der Pflege zu ermöglichen.

Während sich die meisten Menschen nach einem langen Berufsleben auf die Rente freuen und es etwas ruhiger angehen lassen möchten, blühte Dieter erst so richtig auf. Er werkelte weiter an seiner Chanson-Karriere, unterstützte eine Schule in der Beratung der Schulabgänger, gründete einen Verein für Kunst und Kultur, war Gründungsmitglied des Humanistischen Landesverbandes Baden-Württemberg, der gbs-Regionalgruppen in Stuttgart und am Bodensee; für die beiden gbs-Regionalgruppen war Dieter lange Zeit als Pressesprecher tätig. Als wir von der Gründung des Zentralrats der Konfessionsfreien hörten, war Dieter der Erste, der sagte: "Das müssen wir unterstützen und Mitglied werden!". Und so kam es dann auch. Eine seiner letzten größeren Tätigkeiten für die gbs Bodensee war die Co-Organisation eines Vortrags und einer Demo für Frauenrechte im Iran mit Mina Ahadi 2023 in Konstanz.

gbs Bodensee minus eins

Dieter war ein Mensch, der immer sein Wort gehalten hat und pünktlich zu Terminen erschien – das war ihm stets sehr wichtig. Er hat uns von der gbs Bodensee tatkräftig, finanziell und ideell unterstützt und gehörte von Beginn an zum eisernen Kern unserer Truppe. Ohne ihn wären sicherlich einige unserer Aktivitäten entweder gar nicht oder nur erschwert möglich gewesen. Auch wenn Dieter Zeit seines Lebens ein viel beschäftigter Mann war, so hat er immer darauf geachtet, seine Ehefrau dabei nicht zu vergessen. Er verließ unsere Stammtische immer so, dass er pünktlich um 22 Uhr zu Hause war, um ihr einen Gutenachtkuss zu geben – das war eines seiner Geheimnisse für eine glückliche und lange Ehe.

Andreas Leber (links) überreichte Dieter Kaiser im Dezember die Urkunde zur Ehrenmitgliedschaft in der gbs Bodensee. Foto: ©Alexander Wolber

In den letzten eineinhalb Jahren nahm Dieters gesundheitlicher Zustand dann rapide ab. Er kam seltener zu Meetings und Veranstaltungen, war häufiger krank, verwechselte Termine, hatte zunehmend merkliche Gedächtnisprobleme, Schwindelanfälle und war zu Fuß deutlich unsicherer. Wir haben intern immer wieder über Dieters gesundheitliche Verfassung gesprochen und machten uns zeitweise ernste Sorgen um ihn. Andreas Leber – unser zweiter Vorsitzender – kam dann auf die Idee, ihn für sein Lebenswerk und sein Engagement für die gbs Bodensee zu ehren und ihn zu unserem ersten Ehrenmitglied zu ernennen. Zu unserer ersten gbs Bodensee-Schrottwichtelparty am 16. Dezember 2025 im Humanistischen Bildungs- und Begegnungszentrum Konstanz war es dann so weit: Andreas hielt eine Laudatio auf Dieter und überreichte ihm die Urkunde – es war für alle Beteiligten ein sehr bewegender Moment.

Ich hatte den Eindruck, dass Dieter gemischte Gefühle hatte. Einerseits schien er sich zu freuen, andererseits wirkte er verunsichert und schien nicht so richtig verstanden zu haben, was gerade passiert. Den Eindruck bestätigte mir Isabell im Nachhinein, als sie mir erzählte, dass Dieter sie in einem ruhigen Moment darauf ansprach, was es mit der Urkunde auf sich hat. Gegen Ende der Schrottwichtelparty haben Isabell und ich uns langsam auf den Heimweg gemacht und uns peu à peu von allen in die Winterpause verabschiedet. Ich weiß noch recht genau, wie ich zu Dieter hinüberging und ihm meine Freude über seine Anwesenheit ausdrückte und ihm scherzend sagte, dass ich ihn bei unserer nächsten Veranstaltung gerne sehen möchte. Dieter verabschiedete sich ebenfalls und bestätigte mir, wieder öfter kommen zu wollen – das war das letzte Mal, dass ich Dieter gesehen habe. Manche von uns trafen Dieter im darauffolgenden Januar ab und zu noch einmal, meist aber nur flüchtig.

Am Montagabend des 9. Februar erreichte uns dann eine Mail mit der traurigen Mitteilung, dass Dieter am 4. Februar 2026 in enger Begleitung seiner Angehörigen verstorben ist. Er werde seinem Wunsch entsprechend im engsten Kreis beigesetzt.

Wir waren und sind von dieser Nachricht geschockt, die Trauer um Dieter Kaiser sitzt tief. Mit ihm verlieren wir unseren Senior, unseren Vorreiter und Wegbegleiter, einen Menschenfreund und entschlossenen Kämpfer für eine gerechte Gesellschaft. Wir verlieren einen Freund und ein Familienmitglied. Im Namen der gbs Bodensee verabschiede ich mich von unserem großherzigen Avantgardisten, unserem Kaiser. Adieu, Dieter.

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