Rezension

Das Christentum – eine Geschichte von Macht und Unterdrückung

kirche_leer.jpg

Kirche: prunkvoll und leer
Kirche

"Christentum – Aufstieg und Triumph einer Religion" lautet der Titel des neuen Buches des englischen Historikers Peter Heather. Detailliert zeichnet er nach, wie aus einer unbedeutenden Sekte eine mächtige Organisation wurde, die über Jahrhunderte hinweg einen unaufhaltsamen Aufstieg vollzog und im Hochmittelalter ganz Europa dominierte.

Bis zum Jahr 1300 war der Kontinent nahezu vollständig christianisiert. Nur wenige Regionen – Teile Litauens und der Iberischen Halbinsel – blieben noch unbekehrt. Die Menschen gingen zur Beichte, zahlten Abgaben an die Kirche, der Jahreszyklus wurde durch christliche Feste, Rituale und Botschaften bestimmt. Eine Erfolgsgeschichte, die niemand so voraussagen hätte können – und deren lange Schatten bis in die Gegenwart reichen.

Peter Heather, der mittelalterliche Geschichte am renommierten King's College in London lehrt, widmet sich dem Aufstieg der christlichen Religion von den frühen Christenverfolgungen bis zum dominierenden europäischen Machtzentrum des Hochmittelalters. "Christentum" ist ein imposantes Werk, das eindrucksvoll zeigt, wie sich der Monotheismus in Europa verbreitete, obwohl "die wirklich gläubigen Christen immer nur eine Minderheit der Gesamtbevölkerung waren".

Vom Glauben zur Macht

Buchcover

Mit Konstantins Bekehrung im Jahr 312 begann der rasante Aufstieg des Christentums im Römischen Reich – zunächst vor allem in den städtischen Eliten. Doch statt die alten Kulte einfach abzulösen, verschmolz das neue Glaubenssystem oft mit bestehenden religiösen Traditionen, sodass der Synkretismus weit verbreitet blieb. Verschiedene Strömungen – Arianer, Donatisten, Katholiken – rangen um die Deutungshoheit, insbesondere über die Trinitätslehre. Doch entscheidend war: Die Kirche lernte früh, Machtpolitik zu betreiben. Sie nutzte die imperialen Strukturen, um Andersgläubige zu verfolgen, Häretiker zu verbrennen und den eigenen Einfluss zu sichern. Selbst im Zeitalter der Völkerwanderungen bewährten sich die anpassungsfähigen christlichen Institutionen als beständige Säule der Herrschaft.

Bedeutend für den weiteren Siegeszug des katholischen Christentums war die Taufe Chlodwigs, denn die Franken stiegen in den nächsten Jahrhunderten zur dominierenden europäischen Macht auf. Karl der Große war mit seiner Politik der "Bekehrung durch Eroberung" samt Zwangsbekehrungen erfolgreich, wobei die Massenexekution von mehr als viereinhalbtausend sächsischen Gefangenen einem systematischen Völkermord ähnelt. So gelang erstmals die Ausbreitung des Christentums über die Grenzen des alten Römischen Reichs hinaus. Heather schildert faktenreich, wie immer wieder Herrscher in Nord- und Osteuropa zum Christentum konvertierten, um sich die Unterstützung eines mächtigen katholischen Partners zu sichern. Bekehrung war selten eine Frage des Herzens, sondern der Strategie. Religion wurde zur Währung politischer Legitimation – und das Kreuz zum Machtinstrument.

Der Schatten Roms

Die Päpste spielten lange keine bedeutende Rolle, erst ab dem 8. Jahrhundert wuchs die päpstliche Autorität. Nicht selten wurde dabei mit gefälschten Dokumenten – wie der berühmten Konstantinischen Schenkung – gearbeitet, um den Anspruch Roms auf universelle Macht zu untermauern. Der Investiturstreit und der "Gang nach Canossa" Heinrich IV. zeigen, wie eng Glaube, Gewalt und Herrschaft miteinander verflochten waren. Die Kreuzzugsbewegung in die baltischen Länder interpretiert Heather als "hässliches quid pro quo, das es Kriegergruppen ermöglichte, ihre blutigen und eigennützigen Beschaffungskriege zu legitimieren".

Gleichzeitig sicherte die von Gratian begründete Kirchenrechtswissenschaft die päpstliche Entscheidungshoheit gegenüber Kritikern ab: "Das neue Kirchenrecht bedeutete, dass der Rhythmus des religiösen Lebens in weiten Teilen Europas nun – sowohl in der Theorie als auch in der Praxis – zum ersten Mal von Rom aus diktiert wurde." Das ermöglichte der Kurie die Kontrolle über Zehntausende von Ortskirchen, die dortigen Priester und Laien. Wer vom einzig wahren Glauben abwich, wurde rigoros verfolgt. Waldenser, Katharer und Juden fielen einem kirchlich sanktionierten Vernichtungswillen zum Opfer. Pogrome, Inquisition, Scheiterhaufen – all das war kein "Auswuchs", sondern Teil einer systematischen Ordnung. Die Kirche schuf, so Heather, "ein Klima der Unterdrückung und Angst in der gesamten westlichen Christenheit, ohne welches die flächendeckende Umsetzung der programmatischen Frömmigkeit des Vierten Laterankonzils unmöglich gewesen wäre".

Fazit: Triumph ohne Gnade

Peter Heathers monumentale Studie zeigt eindrucksvoll, dass der Siegeszug des Christentums weniger auf göttlicher Wahrheit als auf politischem Kalkül, Gewalt und Kontrolle beruhte. Der "Triumph" dieser Religion war immer auch der Triumph über Andersdenkende.

Wer heute von den "christlichen Wurzeln Europas" spricht, sollte sich daran erinnern, dass diese Wurzeln tief in Blut, Angst und Gehorsam getränkt sind. Der Glaube brachte Trost und Kultur hervor – aber ebenso Dogma, Unterdrückung und Machtmissbrauch. Heathers Buch macht deutlich: Das Christentum hat Europa geprägt, doch sein Aufstieg ist kein Beweis göttlicher Auserwählung, sondern menschlicher Herrschsucht.

Peter Heather, Christentum. Aufstieg und Triumph einer Religion, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025, 799 Seiten, 42 Euro, ISBN: 978-3-608-98122-3

Unterstützen Sie uns bei Steady!