Es war deutlich schlimmer als bislang gedacht: Im Erzbistum Paderborn sind in den Jahren 1941 bis 2002 viel mehr Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden als bisher bekannt. Das ist das Ergebnis einer von der Universität Paderborn vorgestellten Studie. War man bislang nach Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz von 111 Priestern als Beschuldigten in diesem Zeitraum ausgegangen, sagte die Historikerin Nicole Priesching, Mitautorin der gestern veröffentlichen Studie, nun: "Diese Zahlen sind stark zu korrigieren." Es gebe 210 Hinweise auf Beschuldigte, die in dem analysierten Zeitraum 489 Kinder und Jugendliche missbraucht haben sollen.
Die Studienmacher haben sich auf Akten des Bistums und auf zahlreiche Interviews insbesondere mit Betroffenen gestützt. Nicole Priesching eröffnete die Pressekonferenz denn auch gleich mit einer expliziten Aussage eines Interviewpartners, der einst Opfer geworden war. Dieser hatte geschildert, dass ein Geistlicher vor ihm masturbiert habe. Priesching zitiert den Mann: "Ich war völlig außer Rand und Band. Ich kannte das gar nicht. Aufklärung war gleich Null. Du hast mehr da unten als die Frauen und Mädchen haben. Aber mehr war einfach nicht drin. Das gab es nicht. Da wurde nicht drüber gesprochen. Ich fing dann an zu heulen, zu weinen, lauthals und er hatte immer noch seinen Spaß dabei. Das war ein Schnitt in meine Seele. Da war die Kinderseele futsch."
Die zwar vom Bistum Paderborn finanzierte, aber laut Studienmachern der Uni Paderborn unabhängig erstellte Studie analysiert das Geschehen in den Amtszeiten der verstorbenen Kardinäle Lorenz Jaeger (1941 bis 1974) und Johannes Joachim Degenhardt (1974 bis 2002). Ziel der historischen Untersuchung war es, die Bedingungen zu rekonstruieren, unter denen Priester sexuelle Gewalt gegen Minderjährige ausüben konnten, und herauszufinden, welche Handlungsprämissen für das Paderborner Leitungspersonal maßgebend waren. Unter Jaeger wurden 144 Priester beschuldigt, 316 Kinder missbraucht zu haben. Bei Degenhardt waren es 98 Beschuldigte und 195 Betroffene. Das sind 4,35 Prozent der über die Jahre beschäftigten Kleriker. Priesching betont aber: "Die Zahlen sind als Momentaufnahmen zu werten, die Aussagen über das 'Hellfeld' sexueller Gewalt im Erzbistum Paderborn zulassen. Zusätzlich ist von einem 'Dunkelfeld' auszugehen, über dessen Ausmaß nur spekuliert werden kann."
Milde Behandlung beschuldigter Priester
Beide Erzbischöfe, so sagt es Priesching, "zeigten große Milde gegenüber den beschuldigten Priestern. Auch dann, wenn sie von ihrer Schuld überzeugt waren. Gegenüber den Betroffenen zeigten sie kein Verständnis. Therapeutische Hilfsangebote existierten, wenn überhaupt, nur für die Kleriker mit dem Ziel, deren priesterlichen Charakter zu festigen und sie sobald wie möglich wieder einzusetzen."
Viele Dechanten und Pfarrer seien davon ausgegangen, dass stillschweigend von ihnen erwartet wurde, ebenfalls Druck auf Betroffene auszuüben. Die Erwartungshaltung deckte sich häufig mit dem sozialen Umfeld in der Gemeinde. Diese Vertuschungsspirale sorgte wiederum dafür, dass Betroffene den beschuldigten Priestern weiterhin ausgeliefert blieben", so Priesching weiter.
In der 747 Seiten langen Studie, die auf der Seite der Universität Paderborn kostenlos heruntergeladen werden kann, heißt es:
"In der katholischen Kirche existiert bis heute keine Gewaltenteilung zwischen Exekutive, Legislative und Judikative. Die beiden Erzbischöfe Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt bestimmten zumeist allein, ob Beschuldigungen sexueller Gewalt untersucht wurden, und ob seelsorgerische, disziplinarische oder strafrechtliche Maßnahmen ergriffen werden sollten. Unter Degenhardt gingen die Untersuchung und Sanktionierung sexueller Gewalt von Priestern weiter zurück. Degenhardt ergriff nur dann Maßnahmen gegen beschuldigte Kleriker, wenn ein öffentlicher Skandal oder eine Anzeige vor einem weltlichen Gericht drohten. Kirchliche Strafverfahren vor dem Kirchengericht spielten in der Amtszeit von Degenhardt keine Rolle mehr. Wie auch Jaeger folgte Degenhardt der Prämisse, Klerikern durch eine Versetzung einen 'Neuanfang' zu ermöglichen. Erneut hatte der Schutz der Integrität beschuldigter Priester Priorität. Vor diesem Hintergrund billigte er es auch, wenn beschuldigte Kleriker Angehörige unter Druck setzten, eine Anzeige bei einem weltlichen Gericht zu unterlassen."
In der Studie wird Degenhardt nicht selbst als Täter benannt. Doch in einem Bericht des Westdeutschen Rundfunks heißt es:
"Der Sprecher der Betroffenenvertretung, Reinhold Harnisch, hatte vor Veröffentlichung der Studie gegenüber dem WDR mitgeteilt, dass es laut ihm weitere Vorwürfe gegen den verstorbenen Kardinal Degenhardt gäbe. Schon mehrmals wurden Vorwürfe gegen Degenhardt erhoben. Diese wurden im Oktober 2025 von externen Sachverständigen als nicht plausibel eingeordnet. In die nun veröffentlichte Studie sind diese Vorwürfe nicht eingeflossen. Das Erzbistum Paderborn erklärte in einer Stellungnahme, dass sie die durch den Sprecher der Betroffenenvertretung neu erhobenen Vorwürfe nun prüfen wollen."
Der Interventionsbeauftragte des Bistums Paderborn, Thomas Wendland, sagte heute zu den Vorwürfen, Jaeger und Degenhardt seien auch selbst Täter gewesen: "Die Vorwürfe sind dem Erzbistum schon länger bekannt, das Erzbistum hat sie im Oktober bekannt gemacht." Es gehe um einen Vorwurf gegen Jaeger und um drei Vorwürfe gegen Degenhardt. Gestern Vormittag habe ihn eine Person diesbezüglich um ein Gespräch gebeten. Dies werde in der nächsten Zeit stattfinden.
Die "heile Welt" der Kirche wurde beschützt
In der auf Akten und Interviews mit Betroffenen beruhenden Studie wird auch die Rolle der sogenannten Bystander oder Wächter beleuchtet – des kirchlichen Personals, das eine Strafverfolgung sexueller Gewalttäter zu verhindern wusste.
"Zu den Wächtern gehörten auch die unmittelbar vorgesetzten Priester und Dechanten. Sie waren oft die ersten Ansprechpartner von Angehörigen. Da Beschuldigungen sexueller Gewalt oft als Beschwerden gegen Priester behandelt wurden, führten Dechanten insbesondere in der Amtszeit von Jaeger häufig erste Untersuchungen oder Erkundigungen durch. Allerdings mussten Angehörige teils erhebliche Beharrungskraft zeigen und einflussreiche Netzwerke mobilisieren, um Reaktionen zu erreichen."
Weiter heißt es in der Studie:
"Auch die Angehörigen der Pfarrgemeinde und von Laiengremien hatten die Möglichkeit, Maßnahmen zum Schutz von Betroffenen zu ergreifen, denn die Gelegenheits- und Vertrauensstrukturen, die Kleriker für ihre Taten nutzten, waren vielfach in das soziale Leben der Gemeinden eingebettet. Allerdings unterließen es auch Gemeindemitglieder wie Laiengremien in vielen Fällen, Betroffene und ihre Angehörigen zu schützen, indem sie Beschuldigungen nicht ernst nahmen, eine Untersuchung nicht unterstützten und keine Sanktionen forderten. In vielen Fällen wurden Vorwürfe totgeschwiegen."

Foto: © Universität Paderborn / Besim Mazhiqi
Die Studienmacher sagen es deutlich in ihrem Fazit: "Eine Wagen-burgmentalität der katholischen Kirche umfasste also auch die Laien. Auch hier bestand eine große Bereitschaft, die 'heile Welt' der katholischen Kirche zu schützen."
Die Reaktion von Betroffenen und Kirche
Reinhold Harnisch, Sprecher der Betroffenen-Vertretung im Erzbistum Paderborn, ist nach dem Vortrag von Nicole Priesching bei der Pressekonferenz sichtlich berührt. Er begrüßt die Studie und die Veröffentlichung. Und kommt auf die dafür geführten Interviews zu sprechen. "Viele Betroffene waren froh, endlich angehört zu werden. Wir wissen ja, was wahr ist, aber uns wurde nicht geglaubt. Die Studie gibt uns ein Stück Würde zurück, die man uns jahrelang genommen hat." Leugnen und Vertuschen der Verbrechen sollte auf dieser Grundlage nicht mehr möglich sein, hofft Harnisch und fügt hinzu: "Missbrauch ist ein seichtes Wort, wir reden von schwersten Verbrechen an Kindern. Und es geht um einen doppelten Missbrauch: um die Taten selbst und um die Fortsetzung des Missbrauchs durch das Versagen der Institutionen bei der Bewältigung." Das Erzbistum müsse nun alles Notwendige unternehmen und dürfe nicht weiter taktieren.
Reinhold Harnisch,
Sprecher der Betroffenen-Vertretung im Erzbistum Paderborn
Im kommenden Jahr soll eine weitere Studie zur Zeit von Hans-Josef Beckers veröffentlicht werden. Der noch lebende Erzbischof war von 2002 bis 2022 im Amt.
Der aktuelle Erzbischof von Paderborn, Udo Markus Bentz, erklärte nach Veröffentlichung der Studie:
"Was heute bei der erstmaligen Vorstellung der Studie bereits deutlich geworden ist, zeigt erneut, wie viel Leid Menschen im Raum der Kirche erfahren haben – und wie lange dieses Leid tabuisiert und nicht ernst genug genommen worden ist. Das schuldhafte Versagen früherer Bistumsverantwortlicher lässt sich nicht relativieren. Als heutige Bistumsverantwortliche verpflichtet uns diese historische Wirklichkeit, an einer neuen Kultur der Glaubwürdigkeit auf allen Ebenen zu arbeiten. Die Studie fordert uns heraus, bisherige Schritte in Intervention, Aufarbeitung und Prävention konsequent weiterzugehen und kritisch zu überprüfen, wo Veränderungen oder Anpassungen notwendig sind. Vor allem aber schulden wir es den Betroffenen, uns den Ergebnissen ohne Ausflüchte zu stellen und daraus konkrete Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft zu ziehen."
Bei einer Pressekonferenz des Erzbistums Paderborn am heutigen Freitag wandte sich der amtierende Erzbischof Udo Markus Benz noch einmal direkt an die Betroffenen. Er wisse, dass die Studie ihnen ihr Leid nicht nehmen könne. Und dass nichts ungeschehen gemacht werden kann. "Es ist mir persönlich wichtig, um Verzeihung zu bitten im Namen des Bistums Paderborn." Er wolle weitere Betroffene ermutigen, sich zu melden. "Wir wollen Sie nicht allein lassen mit Ihrem Leid."
Betroffenen-Vertreter Reinhold Harnisch sprach danach von einer Zeitenwende. Er habe die Worte des Erzbischofs gern gehört. "Wir haben ein Stück Würde zurück. Ich hoffe, dass viele Betroffene jetzt wieder aufrecht gehen können. Diese Studie holt uns aus dem Dunklen." Er hofft, dass sich nun weitere Betroffene aus dem Dunkelfeld heraustrauen.







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