Kolumne: Sitte & Anstand

Die christliche Zauberschule und das Mädchen, das tot blieb

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Gebet in der wundergläubigen Bethel Church Redding/California (USA).

Tausend tolle Sache, die gibt es überall zu sehen. Wozu und weshalb sollte also jemand an einen Gott glauben? Nehmen wir mal an, jemand lebt auf der Welt, wird älter, hat Spaß und manchmal Ärger, hat Freunde, Geliebte, Kinder, Kollegen und einen Lieblingsverein, und irgendwann, wenn alles einigermaßen gut geht, springt er in einem angemessenen Alter in die Kiste. Wozu braucht so ein Mensch Gott? Andererseits: Warum? Warum sollte irgendwer annehmen, dass es einen Gott gäbe, obwohl der sich in acht Lebensjahrzehnten nirgends bemerkbar gemacht hat?

Die erste Frage ist noch einigermaßen schlüssig zu beantworten: Zu welchem Zweck man einen jüdischen/christlichen/muslimischen Mono-Gott braucht? Er kann das Leben, das man so gern mag, noch erweitern. Der Gott kann eine Gemeinschaft stiften, der ich angehöre. Er kann mir das Gefühl geben, in mir wohne etwas, das einer Idealvorstellung gleichkommt – eine unzerbrechliche, wunderschöne Seele. Engel hülfen mir auf Erden. Und, zu guter Letzt: Gott spendiert mir, nach dem Leben, noch ein Leben. Ein ewiges. Wenn ich schön brav bin.

Das alles sollte schon genügen, um viele Menschen zum Glauben zu bringen. Investiert wird wenig, das gewonnene Wohlgefühl hingegen bereichert einen – so sehr, dass man jeden Zweifel in sich lieber mal abwehrt, den ollen Spaßverderber. Unversehens stolpert man also in ein ungewolltes Problem hinein, das weite Feld der zweiten Frage: Aus welchem Grund, in Gottes Namen, sollte man all den Quatsch glauben? Ist das Glaubenwollen nicht nur ein Eingeständnis der eigenen, wenn wir mal ein hübsches englisches Wort hierher übertragen dürfen, Gullibilität, von Naivität und Verführbarkeit also, der sogenannten Leichtgläubigkeit?

Also muss Gott liefern. Aber wie? Für Gläubige ist ein Hauptteil des Glaubens ja, sich selbst von dessen Inhalten zu überzeugen. Glaube kann nur von nicht belegbaren Dingen sprechen, sonst wäre er ja Wissen. Glaube an einen Gott unterscheidet sich vom Glauben an Einhörner oder Zahnfeen entscheidend: Diese greifen nur punktuell und anekdotisch ins Leben ein. Jener aber verhilft seinem Gläubigen zu einem existenziellen Upgrade: Der Gott macht etwas anderes aus mir. Er erweitert mich um eine Teilhabe an einer unsichtbaren magischen Sphäre, und er überwindet den Tod. Dadurch dass ich an einen Gott zu glauben vorgebe, auch gegenüber mir selbst und den vernünftigen Zweifeln, die in mir wohnen, versuche ich, mir selbst eine Göttlichkeit zu verleihen. Und je tiefer der Gott in meine Existenz eingreift, umso intensiver muss an ihn geglaubt werden. Aber wie? Wie soll man sich von etwas überzeugen, das qua Definition nicht zu belegen ist?

Wäre Gott da, so wäre er erlebbar und also banal. Er gehörte zum Alltag wie die Tauben auf der Straße, die Wolken am Himmel, wie die Tramverspätung, wie der Laborassistent, der den Labormäusen jeden Tag ihr Essen hinstellt. Gott aber kann nicht da sein, kann nicht erlebbar sein, sonst wäre er kein Gott und wir hätten andere Kategorien für ihn. So erklären sich Inbrunst und Hingabe, die meist mit dem Glauben kommen: Die Präsenz des Nichtpräsenten muss, aus dem Inneren des Gläubigen heraus, generiert werden. Am besten gemeinsam. So dass man einander bestärken kann. Am besten darin, dass der Gott seine Existenz DOCH regelmäßig nachweise, dass das Fantastische ständig eingreife in den Lauf der Dinge – das Prinzip "Wunder" ist geboren.

Das Wunder, wenn es passierte, wäre der sicherste Nachweis von etwas Außernatürlichem, und so sind manche Glaubensrichtungen ganz auf das Aufspüren und scheinbare Bewirken von Wundern ausgerichtet: Diese Woche bin ich über den singenden Covid-Bezwinger Sean Feucht auf die wundergläubige Bethel Church in Redding/Kalifornien gestoßen. Dort gibt es eine Art christliches Hogwarts: Junge Menschen aus aller Welt kommen dorthin, für erkleckliche Summen versteht sich, um das christliche Zaubern zu lernen, Verzeihung: Wundertätigkeit. In dem kleinen Ort spielen sich seitdem kuriose Szenen ab, die mancher Alteinwohner gar nicht mehr so witzig findet: Wer etwa mit einer Sportverletzung durchs Straßenbild humpelt, wird gern mal von christlichen Nachwuchskräften umstellt, die partout für eine Heilung beten wollen, so als kleine Übung zwischendurch. Auch wird von ganzen Teenagergruppen berichtet, die sich um Omis im Rollstuhl aufgebaut haben und sie ermutigten, aufzustehen und zu gehen.

Welche Rolle spielt Gott in einem solchen Szenario? Vom Gebrechen der Omi muss er ja gewusst haben, und den Kreuzbandriss des jüngeren Kollegen hat er nicht verhindert. Menschen werden also an Leib und Leben geschädigt, damit andere Menschen ihren Glauben und mit ihm ihre Zauberkraft unter Beweis stellen können? Gott schadet den Einen, damit die anderen sich cool vorkommen können?

Den Gläubigen ist oft eine ganz selbstverständliche Arroganz zu eigen. Sie sagen dir, was richtig und was falsch ist, sie haben Papa auf ihrer Seite, und logische Argumente sind auch keine nötig, da Zweifler im Zweifel zur Hölle fahren. Die Anmaßung, die im vermeintlichen Glauben liegt, haben die Leute von Bethel letztes Jahr vorgelebt: Etwas Schreckliches war in ihrer Gemeinde passiert, und doch etwas, das der Herrgott jeden Tag auf aller Welt passieren lässt: Ein Kind war gestorben, die zweijährige Olive, zufällig die Tochter einflussreicher Gemeindemitglieder. Thoughts and prayers und viel Kraft für die trauernden Eltern? Das übliche Getue halt, das nur der eigenen Selbstvergewisserung dient, dass man ein guter Mensch sei?

Bei diesem einen Kind war nun plötzlich alles anders. Und da Bethel in Redding/Kalifornien entschieden dem Wunderglauben zuneigt, entschied man sich für die passende Erste-Klasse-Behandlung. Nicht etwa wurde für das Seelenheil des toten Kindes gebetet, nein: Olive sollte gefälligst wieder auferstehen. Dafür beteten sie. Ununterbrochen. Posteten auf Instagram, wie es vorangehe mit dem Beten. Einen Tag, zwei Tage, drei Tage ...

Am sechsten Tag dann hatten alle, vom Beten entkräftet, den Schuss gehört. Der Leichnam des kleinen Mädchens blieb der Leichnam eines kleinen Mädchens, so furchtbar und so traurig das auch ist, und so schwer diese Welt mit ihren Ungerechtigkeiten und Schicksalsschlägen auch oft zu ertragen ist. Aber, mal ehrlich: Wenn Gott das Mädchen am Ende wieder aufgeweckt hätte, das wäre doch nicht zu ertragen gewesen. Da killt der Kerl ein kleines Kind und lässt sich dann noch sechs Tage lang bitten? Auf so einen guten Onkel verzichtet man gern.

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