Interview

Ecuador im Präsidentschaftswahlkampf

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Der Präsidentenpalast in Quito, der Hauptstadt Ecuadors
Quito, Präsidentenpalast

Fünfzehn Kandidaten und eine Kandidatin hatten sich zur Präsidentschaftswahl in Ecuador am 7. Februar aufstellen lassen. Übrig geblieben sind zwei Kandidaten, Andrés Arauz vom linken Bündnis für Hoffnung und Yaku Pérez von der Ökosozialistischen Partei, die in einer Stichwahl im April gegeneinander antreten müssen. Wir haben eine Deutsche, die in Ecuador lebt, gefragt, wie der Wahlkampf verläuft, welche Hoffnungen in die Kandidaten gesetzt werden, welche Positionen diese in Bezug auf Frauen- und LGBTIQ+-Rechte vertreten und welche Rolle die katholische Kirche spielt.

hpd: Du wohnst in Ecuadors Hauptstadt Quito. Ist der Wahlkampf dort ein großes Thema? Wird viel Hoffnung in eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage durch einen neuen Präsidenten gesetzt? Sparprogramme und Ölpreisverfall haben das Land schwer getroffen. Glauben die Menschen Arauz, der 32,7 Prozent der abgegebenen Stimmen erhielt, das Versprechen, die Sparprogramme zu beenden?

Gesche Johannknecht: Ich wohne ein bisschen außerhalb, in einem Vorort von Quito, und hier gab es zwar ein paar Plakate, aber ansonsten war es relativ ruhig. Auch in den Nachbarorten gab es außer wenigen Plakaten kaum Wahlwerbung. Hoffnung auf eine wirkliche Besserung hat kaum jemand. Die meisten sagen, dass alle Kandidaten Diebe sind, man müsse halt den am wenigsten Schlimmen wählen. Arauz hat einer Million Familien jeweils 1.000 Dollar versprochen, woher soll dieses Geld kommen?

2020 erreichten Deutschland furchtbare Berichte zur Corona-Krise in Ecuador. Von Toten auf den Straßen und Verstorbenen, die tagelang in den Häusern lagen sowie strengen Ausgangsbeschränkungen war die Rede. Wie hast du die Krise erlebt? Und welche Kritik gab es an der Regierung?

Es war eine sehr schwierige Zeit. Am 12. März 2020 wurde eine strenge Quarantäne mit Ausgangssperre verhängt; zunächst war es in und um Quito noch verhältnismäßig ruhig, die Schreckensmeldungen kamen aus Guayaquil. Die Maßnahmen der Regierung wurden schnell umgesetzt: Maskenpflicht, Ausgangssperre, Homeoffice für alle Beamten usw. Bis heute wird das Tragen von Masken nicht groß in Frage gestellt, es gehört halt dazu und man hat sich daran gewöhnt.

Die Schulen sind (bis auf ein kurzes Intermezzo in November und Dezember, wo einige Schulen semipräsenziellen Unterricht durchführen durften) seit elf Monaten geschlossen, der Unterricht läuft digital ab. Die Erlaubnis, einige Schulen als Pilotprojekt zu öffnen, wurde stark kritisiert, da viele Familien mit ihren Großeltern zusammenwohnen und die Schulkinder so zum Ansteckungsrisiko würden. Des Weiteren wurde und wird die Einschränkung der Mobilität sehr heftig abgelehnt: die Kennzeichen entscheiden, an welchen Wochentagen jemand mit dem Auto fahren darf (letzte Ziffer ungerade: Montag-Mittwoch-Freitag, gerade: Dienstag-Donnerstag-Samstag), was dazu führt, dass der ÖPNV entsprechend überfüllt ist und zu vielen Ansteckungen führt.

Hätten gern mehr Menschen ihren neuen Präsidenten gewählt, beziehungsweise würden sie im April gern wählen, trauen sich aber wegen der Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19 nicht?

Da es eine Wahlpflicht gibt (bei Nichtbeachtung droht eine recht hohe Geldstrafe), waren etwaige Ängste relativ irrelevant. Es gab große Menschenmassen an den Wahllokalen, ein großes Polizeiaufgebot hat versucht, die Menschenströme zu lenken, aber ohne sichtbaren Erfolg.

Gesche Johannknecht ist gebürtige Bochumerin, 39, Orientalistin/Hispanistin und als Lehrerin für Deutsch als Muttersprache und Deutsch als Fremdsprache in Ecuador tätig, nebenher macht sie Rettungshundeeinsätze im Gebirge und Therapiehundearbeit mit autistischen Menschen.

Setzen Indigene besondere Hoffnungen in den Kandidaten Pérez, der 19,38 Prozent der abgegebenen Stimmen bekam? Und wenn ja, welche?

Sehr schwieriger Punkt. Pérez Plan, "das Wasser" zu schützen, also die Petroleumförderung einzuschränken oder sogar zu beenden, sorgt gerade in den direkt betroffenen Gebieten für sehr unterschiedliche Reaktionen: Der Erdölsektor ist ein riesengroßer Arbeitgeber, also fürchten viele Familien den Verlust ihres Einkommens. Andererseits würden viele die Einschränkung begrüßen, da es ein großer Umweltfaktor ist. Nach der ersten Wahlrunde gab es eine sehr interessante lokale Aufteilung: die komplette Küstenlinie hat für Arauz gestimmt, die komplette Sierra und Oriente (also die eher indigenen Gebiete) für Pérez.

Zu Pérez gibt es viele "Verschwörungstheorien": er sei kein Indigener, er sei kein Jurist, er sei heimlich Industrieller, und – diese Vorwürfe tauchten um die Wahl herum auf – er würde die Unterstützung der Indigenen gewaltsam durchsetzen. Es kursierten Videos auf Facebook, in denen Betroffene von gewaltsamen Übergriffen und Einschüchterung berichteten. Allerdings kamen diese Videos aus mehr als zweifelhaften Quellen und wurden nie von der ecuadorianischen Presse bestätigt. Also wird eine Diffamierungskampagne von den Gegnern vermutet. Man weiß es einfach nicht genau, viele Leute glauben es aber.

Nachdem Argentinien Abtreibungen legalisiert hat, gab es auch in anderen Ländern Südamerikas Bestrebungen, einen Schwangerschaftsabbruch in den ersten Wochen generell zu legalisieren. In Ecuador ist Abtreibung grundsätzlich verboten.

Die Präsidentschaftskandidaten scheinen sich mit dem Thema ungern beschäftigen zu wollen. Während Arauz wohl für sexuelle und reproduktive Gesundheit und gegen Gewalt an Frauen eintreten möchte, aber das Wort Abtreibung umschifft, erklärt Pérez, dass für ihn das Leben mit der Empfängnis beginne, was auf mich wie eine klare Absage wirkt.

Bekommst du eine Diskussion um das Thema Abtreibung mit?

Nur sehr wenige der 16 Kandidaten haben sich zu dem Thema geäußert, Lasso und Pérez lehnen Abtreibung ab, die einzige weibliche Kandidatin Ximena Peña hatte zumindest eine Diskussion darüber versprochen, insgesamt aber eher die Themen gleiche Bezahlung und Verhinderung von Teenagerschwangerschaften als Prioritäten gesetzt.

Wenn wir in Deutschland Berichte zu sozialen Kämpfen in südamerikanischen Ländern lesen, kommen immer wieder Frauenrechte beziehungsweise der Schutz von LGBTIQ+-Rechten vor. Wie sieht es in Ecuador aus? Im Jahr 2020 hat es 77 Femizide in Ecuador gegeben. Wie wichtig ist das Thema im Wahlkampf? Und wie wichtig sind LGBTIQ+-Rechte für die Präsidentschaftskandidaten?

Die Themen haben insgesamt keinen wirklichen Stellenwert gehabt im Wahlkampf, dort wurde der Fokus auf das Wirtschaftliche gelegt. Mit viel Mühe konnte man Aussagen der Kandidaten finden, dort ist es aber sehr allgemein gehalten und nicht konkret ("Stärkung der Position der Frau", "gleiche Bezahlung", "bessere sexuelle Aufklärung"), aber etwas wie Adoptionsrecht für schwule Paare kam nicht vor. Die Frauenmorde sind insgesamt eher selten und sorgen deshalb noch für viel Aufsehen (nicht wie in Mexiko, wo man sich leider schnell an solche Nachrichten gewöhnt, weil sie einfach so häufig sind). Aufgegriffen im Wahlkampf hat dieses Thema – soweit ich weiß – niemand.

In Ecuador sollen noch etwa 70 Prozent der Menschen römisch-katholisch sein. Ist der Einfluss der Kirche im Alltag spürbar? Versuchen die Kandidaten, wie es in anderen Ländern der Fall ist, sich religiösen Gruppen anzunähern, um ihre Stimmen zu erhalten?

In den meisten Wahlkampfauftritten wurde auf offensive religiöse Bekenntnisse und Floskeln verzichtet. Man merkt den Einfluss der Kirche aber sehr deutlich beim Thema Abtreibung und auch im Umgang mit Covid. Wenn es eine Debatte um Abtreibung gibt, kommen immer sehr zahlreiche Kommentare, dass es alles "Gottes Kinder" seien usw. Und es gibt auch (nicht unbedingt wenige) religiöse Fanatiker, die die Covid-Maßnahmen ablehnen, da "nur Gott uns retten kann" usw.

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