Rezension

Wie Lukian nach Europa kam

romisches_forum_in_athen.jpg

Antike Überreste der römischen Agora in Athen
Antike Überreste der römischen Agora in Athen

Vierzig Jahre lang hat sich Heinz-Günther Nesselrath, Professor für Klassische Philologie und Gräzistik, mit Lukian intensiv auseinandergesetzt. Nun legt er das Destillat dieser jahrzehntelangen Beschäftigung vor. Sein Buch "Lukian von Samosata" mit dem Untertitel "Der Weg eines Syrers ins Römische Reich und in die europäische Geisteswelt" ist eine außerordentlich kenntnisreiche Biographie, die in einer leichten, stilvollen Sprache verfasst ist und den Leser bis zur letzten Seite fesselt.

Wer sich detailliert über Leben und Werk Lukians informieren oder erstmals die "gottlosen" Texte des scharfsinnigen Spötters und meisterhaften Stilisten der Antike kennenlernen möchte, findet hier nicht nur eine umfassende, sondern auch äußerst unterhaltsame Lektüre. Selten war eine so kluge und weitreichende Biographie derart vergnüglich zu lesen.

Nesselrath begegnet seinem Protagonisten mit großem Respekt und offener Bewunderung, ohne ihn jedoch zu verklären. Dabei bewahrt er stets eine kritische Distanz. Es gelingt ihm überzeugend, das literarische Alleinstellungsmerkmal Lukians herauszuarbeiten: seinen Humor. Lukian war jedoch weit mehr als ein genialer Satiriker mit scharfem Witz, er agierte mitunter wie ein boshafter Schelm. Immer wieder überschritt er dabei die Grenzen redlicher Konvention. So parodierte er zum Beispiel in anonymen oder pseudo-authentischen Texten den Stil berühmter Philosophen wie Heraklit, um sich mit Häme über die Inkompetenz und Eitelkeit philosophierender Kollegen lustig zu machen, die diese Texte kommentiert haben.

Buchcover

Lukian stammte vom äußersten östlichen Rand des damaligen Römischen Reiches – aus Samosata, einer Stadt am Euphrat, die zur Provinz Syrien gehörte und heute im türkischen Staatsgebiet liegt. Der Ort existiert mittlerweile nicht mehr; er wurde durch den Atatürk-Staudamm überflutet.

Diese Herkunft aus der kulturellen Peripherie prägte Lukian tief, wie Nesselrath in seiner Biographie wiederholt hervorhebt. Einerseits war Lukian stolz darauf, als Mann "vom Rand der zivilisierten Welt", als von den Griechen so genannter "Barbar", in Athen zur Meisterschaft in ihrer Sprache gelangt zu sein. Andererseits litt er darunter, nicht als vollwertiger Grieche im kulturellen Zentrum geboren zu sein. Nesselrath zitiert eine Szene, in der ein Alter Ego Lukians die personifizierte Philosophie zurechtweist, weil sie ihn nach seiner Herkunft fragt. Besonders empfindlich reagierte Lukian auf Kritik an seinem tadellosen und eleganten Griechisch – jener Sprache, durch die er sich Achtung und Ansehen verschafft hatte. Einmal sah er sich sogar genötigt, ein ganzes Traktat zu verfassen, nur um einen winzigen sprachlichen Patzer zu rechtfertigen: Statt "Sei gegrüßt" begrüßte er einen Beamten versehentlich mit "Leb wohl".

Zum Aufbau des Buches

Die 335 reinen Textseiten gliedern sich in zehn Kapitel: Das erste Kapitel behandelt Lukian und seine Zeit. Im zweiten Kapitel stellt der Autor Lukians eigene Aussagen über seine Kunst und seine Quellen vor. Kapitel drei gibt einen kompakten Überblick über das Œuvre, gegliedert nach literarischen Gattungen. Das Kapitel vier – mit dem sprechenden Titel "Schwurbler, Schwindler, Scharlatane" – widmet sich Lukians satirischen Attacken auf seine "Lieblingsfeinde". Zu denen zählten Philosophen und religiöse Sekten wie die Christen. Kapitel fünf untersucht die satirische Behandlung von Göttern und Orakeln in seinem Werk. Kapitel sechs – "Von armen Reichen und glücklichen Armen" – beleuchtet Lukians soziale Haltung. Im siebten Kapitel geht es um Griechen und Nicht-Griechen. Kapitel acht führt in die phantastischen Welten, die Lukian erschuf – Jahrhunderte vor dem Entstehen moderner Fantasy- oder Science-Fiction-Genres. Kapitel neun verfolgt die Wirkungsgeschichte seines Werks von der Antike bis in die Gegenwart. Kapitel zehn schließlich bildet das Nachwort: eine Einladung, Lukian zu lesen und ein Plädoyer dafür, warum sich die Begegnung mit ihm bis heute lohnt.

Lukian und die griechischen Götter

Das fünfte Kapitel, das sich Göttern, Orakeln und dem Schicksal widmet, ist für Humanist*innen besonders lesenswert. So sehr Lukian die griechische Sprache und Bildung schätzte, so wenig Ehrfurcht hegte er vor der Götterwelt seiner Kultur. Seine "Göttergespräche" und "Meergöttergespräche" sind von Spott, Ironie und offener Respektlosigkeit durchzogen – besonders Zeus erscheint als fast machtloser, lächerlicher Herrscher eines überfüllten Pantheons.

Besonders vergnüglich ist "Die Götterversammlung", in der Momos, der personifizierte Tadel, Zeus für seine zahllosen außerehelichen Kinder und die Überfremdung des Olymps zur Rede stellt. Angesichts der Vielzahl orientalischer Gottheiten spricht Momos von einer regelrechten Götterinflation und fordert bürokratisch eine Kommission, die künftige Ansprüche auf Göttlichkeit prüft.

In Streitgesprächen über die Existenz der Götter führt Lukian die Gläubigen regelmäßig vor, beispielsweise mit einem pseudo-logischen Schluss wie: "Wenn es Altäre gibt, gibt es auch Götter; aber es gibt Altäre, also gibt es auch Götter."

Wer herrscht über die Welt, Götter oder das Schicksal? Für Lukian ist das Schicksal maßgebend. Selbst Zeus kann seinen Blitz nur dort schleudern, wo die Moira es bestimmt – und macht somit alle Opfer an die Götter überflüssig.

Auch das Theodizee-Problem greift Lukian auf, wenn er fragen lässt, warum Zeus mit seinen Blitzen häufig Unschuldige oder Bäume trifft.

Mit spöttischem Witz nimmt er zudem mythische Traditionen aufs Korn – etwa im "Totengespräch Nr. 2", in dem das Totenfährgeld problematisiert wird: Haben diejenigen, die keinen Obolus für Charon haben, eigentlich zu Unrecht sterben müssen?

In einem anderen Totengespräch wird humorvoll das Dasein der Unsterblichen thematisiert.

Dass Lukian für seine religionskritischen (teils sogar atheistischen) Spitzen keine ernsthaften Konsequenzen fürchten musste, lag wohl daran, dass zu seiner Zeit an das alte Pantheon kaum noch jemand wirklich glaubte.

Gehasst haben ihn aber die Christen, da er es als verdammungswürdiger Heide gewagt hatte, sich über das entstehende Christentum lustig zu machen. Nesselrath berichtet von einer Invektive in der Suda, ein byzantinisches Lexikon, das etwa 800 Jahre nach Lukians Tod entstand. Lukian sei von Hunden zerrissen worden, wird fälschlich behauptet, weil er gegen die Wahrheit gewütet habe. Da er Christus selbst lästerte, werde er im Jenseits als Erbe des ewigen Feuers bei Satan verweilen.

Kritik

Nesselraths Auswahl an Texten und seine kunstvoll verdichteten Zusammenfassungen öffnen dem Leser ein Tor zur Gedankenwelt Lukians, dem eloquenten Spötter von Göttern und Philosophen.

Diese Biographie erfüllt, was eine gute Biographie leisten sollte: Sie weckt die Lust, die Originaltexte (wieder) zur Hand zu nehmen. Wie der Autor selbst zutreffend bemerkt, ist kaum irgendwo die Problematik von Göttern, Schicksal und freiem Willen so literarisch brillant und zugleich gedanklich luzide behandelt worden wie bei Lukian.

Dass Lukians Werk aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird, führt stellenweise zu inhaltlichen Wiederholungen – doch diese wirken eher festigend als störend und helfen, das erworbene Wissen zu verankern.

Kurz: Alles, was man über Lukian wissen sollte, erfährt man in dieser hervorragend gearbeiteten Biographie.

Als recht kleiner Wermutstropfen ist lediglich anzumerken, dass sich im Text falsche Zeitangaben eingeschlichen haben. So ist zu lesen (S. 31), Lukian sei zwischen 115 und 125 "v. Chr." geboren – eine chronologische Verrenkung, die Lukian selbst wohl mit einem Spotttext beantwortet hätte. Auch der Partherkrieg 161 bis 165 wird an einer Stelle fälschlich in die Zeit "v. Chr." datiert (S. 251).

Ansonsten aber liegt hier ein durchweg sorgfältig lektoriertes Buch vor. Schlicht ein Muss für jede historisch interessierte, humanistisch gesinnte Leseratte.

Heinz-Günther Nesselrath, Lukian von Samosata – Der Weg eines Syrers ins Römische Reich und in die europäische Geisteswelt, Georg Olms Verlag 2024, 383 Seiten, 29 Euro

Unterstützen Sie uns bei Steady!