Unter Impfgegnern – ein Demobericht

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Am Wochenende demonstrierten die Impfgegner von "Freie Impfentscheidung" in Berlin, Venedig und Aosta. Treffpunkt für den Beginn der Berliner Demo war das Bayer-Gebäude im Wedding, die Abschlusskundgebung fand am Alexanderplatz statt. Die Autorin hat sich unter die Demonstranten gemischt.

Die Demonstration "Freie Impfentscheidung" war bereits vor Wochen groß in den Sozialen Medien angekündigt worden, und versprach jede Menge Schwurbel für uns bereit zu halten. Auch wenn die Reaktionen bei Facebook durchaus verhalten waren, und die Teilnehmerzahl in der Veranstaltung entsprechend gering, haben wir uns auf den Weg gemacht für euch vom Impfgegneraufmarsch zu berichten. Wir erwarteten eine kleine Demo und mit einer Handvoll Leuten, und staunten nicht schlecht als wir kurz nach 12 Uhr am Treffpunkt ankamen und von einem Meer aus orangenen Luftballons und Shirts begrüßt wurden.

Foto: © Florian Chefai
Foto: © Florian Chefai

Ich mischte mich unter die Demo, um ein paar Aufnahmen von den Transparenten und Bannern zu machen. Das Publikum war sehr gemischt und zog sich durch alle Gesellschaftsschichten. Es stach höchstens ein klein wenig heraus, dass einige junge, alternative Familien unter den Leuten waren. Eine erste Schätzung unsererseits belief sich auf 300 Teilnehmer, Zählungen ergaben später jedoch ca. 600-650 Leute, als sich der Marsch in Bewegung setzte. Auf der Facebook-Seite des Veranstalters sprach man von 1.200 Leuten, die die Polizei angeblich gezählt haben will. Wie viele es nun genau waren, vermögen wir nicht zu sagen. Aber es waren mehr als wir erwartet haben.

Und unglaublich viele Kinder. Beinahe jeder zweite Demoteilnehmer war minderjährig, viele von ihnen noch im Kleinkinderalter. Wir sahen viele Kinder mit impfkritischen Shirts und Schildern, die ihnen von ihren Eltern angezogen und umgehängt wurden. Die so offen zur Schau gestellte Indoktrination und Instrumentalisierung der Kinder verursache mir Gefühle der Beklemmung.

Foto: © Florian Chefai
Foto: © Florian Chefai

Unter den Rednern befand sich auch Andrew Wakefield, der die Menge anheizte. Aus dem Demowagen tönte die verschwörungsideologische Band "Die Bandbreite" mal live und mal vom Stick. Der Song "Bitte impft sie nicht" wurde extra für diese Demo geschrieben, die Veranstaltung von der Band offen unterstützt.

Es dauerte nicht lange, bis sich die Demonstration in Bewegung setzte und den Marsch vom Bayer-Gebäude zum Alexanderplatz antrat.

Wir waren ein wenig früher da als die Demo, und auch wenn wir sie noch nicht sehen konnten, so vermochten wir sie durchaus zu hören. "Bitte impft sie nicht" kündigte das Kommen des Demonstrationszuges an.

Aufgrund eines Polizeieinsatzes geriet man vor der Kreuzung zur Alexanderstraße kurz ins Stocken, lief aber wenig später weiter. Die Redebeiträge der Demo folgten allesamt dem gleichen Schema, und erzählten dem Zuhörer Schauergeschichten von Pharmakartellen, Impfschäden, Manipulation der Daten, Lügenpresse, NWO und Pharmaverschwörungen. Die Menge jubelte, blies in Tröten und läutete mitgebrachte Glocken. Von tatsächlicher Impfkritik war wenig bis kaum etwas zu hören. Stattdessen schwang viel Emotion mit. Angst um seine Kinder, Angst vor Kontrollverlust, vor Manipulation, vor den Mächtigen und dass sie den Menschen ihren (vermeintlich zerstörerischen) Willen aufzwängen. Weg von der Industrie, hin zur Natur. Begeisterung für das Gesagte, Jubel für unwissenschaftliche und längst widerlegte Behauptungen. Ich fühlte mich wie inmitten einer fleischgewordenen Facebook-Gruppe. Eine dieser Gruppen, die ich täglich zur Contentsuche frequentiere. Voll von Menschen, die auf der Suche nach einer natürlicheren, vermeintlich besseren, oder schlicht anderen Art zu Leben den Lügen der verschwörungsideologischen Bauernfänger und Paradiesverkäufer zum Opfer fallen. Die Leidtragenden sind auch hier, wie so oft, die Schutzbefohlenen.

Die Demonstration umrundete schließlich den Alexanderplatz, und erreichte in der Frankfurter Allee ihre Endhaltestelle. Inzwischen war der Zug um etwa ein Drittel bis die Hälfte geschrumpft. Da zeitgleich noch weitere Demonstrationen in der Stadt stattfanden, ist nicht auszuschließen dass man sich diesen angeschlossen hat, oder schlicht keine Lust mehr hatte stundenlang durch Berlin zu laufen.

Foto: © Florian Chefai
Foto: © Florian Chefai

Man sammelte sich und begann auch recht zügig mit dem Programm. Nachdem die ersten substanzlosen Reden gehalten wurden, versprach es wieder interessant zu werden und ich arbeitete mich mit meinem Handy durch die Menge. Mein Arm war inzwischen lahm, aber ich ergatterte irgendwann einen Platz direkt vor dem Demowagen und konnte eine halbe Stunde lang ungestört filmen.

Rolf Kron lobte derweil die Veranstaltung und stellte haltlose Behauptungen auf. Besonders gruselig wurde es, als nach ihm Johann Loibner den Demowagen betrat. Ich gehe an dieser Stelle nicht auf die Inhalte ein. Ich habe einen Zusammenschnitt meiner Handyvideos als Download bereitgestellt. Da kann man sich das Geschwurbel selbst anhören.

Die Demo verlief generell sehr friedlich, was ich sehr begrüßt habe. Während der Redebeiträge buhte eine Frau die Vortragenden aus und störte die Demonstration mit kritischen Zwischenrufen. Ich konnte nicht genau verstehen was sie rief, aber offenbar war sie eine Impfkritiker-Kritikern. Rolf Kron bat sie dann höflich, sich zu entfernen, was sie auch tat. Da sehr viele Familien mit Babys und Kleinkindern vor Ort waren, war die Stimmung entsprechend verspielt. Ich musste aufpassen, nicht von den Kids überrannt zu werden, die den Ballons nachjagten. Viele Familien saßen auf dem Grünstreifen neben der Frankfurter Allee auf Decken, picknickten und wickelten ihre Kinder. Hier und da mischte sich unter das Windelaroma ein leichter Hauch von Cannabis.

(Der Artikel erschien zuerst im Blog Der Goldene Aluhut. Für den hpd wurde er gekürzt und leicht geändert.)