Am Samstag hatten wieder zahlreiche Organisationen zum "Worldwide Day of Genital Autonomy" (WWDOGA) aufgerufen. Bei diesmal sommerlichen Temperaturen wurde vor dem Kölner Dom im Rahmen einer internationalen Kundgebung das Recht auf genitale Selbstbestimmung – also der Schutz vor nicht-therapeutischer Genitalbeschneidung Minderjähriger – gefordert.
Victor Schiering von MOGiS e.V. – eine Stimme für Betroffene erläuterte in seiner Eröffnungsrede die gesetzesmäßigen Besonderheiten in Deutschland, die mit den Jahren in unserem Rechtssystem Einzug gehalten haben und inzwischen gar nicht mehr so einfach zu erklären sind: Seit dem Jahr 2000 das Recht auf gewaltfreie Erziehung (§ 1631 BGB), seit 2012 die Ausnahmeregelung dazu: das "männliche Kind" darf "beschnitten" werden (§ 1631d BGB), 2013: "weibliche Genitalverstümmelung ist strafbar" (§ 226a StGB), 2021 (§ 1631e BGB): ein intersex* Kind darf nur bei medizinischer Indikation und Nichtaufschiebbarkeit "vereindeutigt" werden. Während es schwierig ist, diese widersprüchlichen Konstellationen nachzuvollziehen, sei der WWDOGA mit dem Gedenken an das Kölner Urteil in seiner Botschaft klar und deutlich: Keine Zwangseingriffe bei Minderjährigen, auch ohne vorherige Begutachtung des Genitals.
David Smith von 15Square aus England zog in seiner Rede Parallelen zwischen der Geschichte des Kölner Doms und der internationalen Entwicklung der Genitalautonomiebewegung: Hier wie dort hat es lange gedauert, bis so viel gewachsen war. Nicht nur die Gäste aus England sind in jedem Jahr mehr geworden, aus der ganzen Welt nehmen inzwischen immer mehr Menschen am WWDOGA in Köln teil. Der Schutz von Mädchen vor Genitalverstümmelung ist schon weit vorangeschritten, nun muss er noch auf Jungen ausgeweitet werden. Um das zu erreichen forderte er alle auf, ihre Stimme zu erheben, über eigene negative Erfahrungen zu sprechen und, wenn nicht, Geld zu spenden, damit der Aktivismus für Kinderrechte weitergehen könne.
Jason Metters (ebenfalls 15Square) griff in seiner Rede das diesjährige Schwerpunktthema "Genitale Selbstbestimmung und das soziale Umfeld" auf und verlas einige Statements von negativ betroffenen Männern. Als roter Faden zogen sich die Enttäuschung über ein Elternhaus, welches einen im Stich gelassen hat, das Gefühl der sexuellen Unvollständigkeit und die Sprachlosigkeit, die sich um dieses Tabu-Thema legt, durch die Zitate.
Weitere Redner folgten dem diesjährigen Motto, indem sie ihre sehr persönliche Geschichte teilten. David Lawes stellte sein Buch ("foreskin dysphoria: smashing the taboo of male circumcision") vor, in welchem er seine eigene Geschichte veröffentlicht hat. Es beschreibt unter anderem, wie die "Beschneidung" einen Mann im Alltag beeinflusst.
Leif Thompson aus Alaska berichtete von seiner eigenen "Bescheidung" vor 62 Jahren, die er als Kind ohne Anästhesie ertragen musste und die ihn bis zum heutigen Tag körperlich und seelisch beeinträchtigt. Er verglich das menschliche Genital mit einer Blume, die jedem Menschen von Geburt an gegeben ist und die erblühen und Freude bringen und nicht nach dem Wunsch von anderen Menschen angepasst werden sollte.
Tim Hammond von GALDEF aus Kalifornien sprach über seinen Einsatz für genitale Selbstbestimmung – er ist seit über 35 Jahren Teil der Bewegung. Er forderte alle Menschen, die von Zwangsbeschneidung betroffen sind oder jemanden kennen und lieben, der darunter leidet, auf, darüber zu sprechen: Mit Familie, Freunden und Politikern. Er beendete seine beeindruckende Rede mit den Worten: "The world changes when you make your voices heard" – "Die Welt verändert sich, wenn ihr euch Gehör verschafft".
Evan Roman von Intact Finland sprach vordergründig über die Wahrnehmung des Judentums in der Öffentlichkeit. Insbesondere kritisierte er die oft vernehmbare Phrase, dass es keine Juden gäbe, die sich über die "Beschneidung" beschwerten. "Was tue ich, wenn ich mich als Jude über 'Beschneidung' beklage und immer höre, es gäbe keine Juden, die sich beklagen? Ich beklage mich mehr! Und darum bin ich heute hier."
Der YouTuber Ben Scholz meldete sich spontan mit einem kurzen Statement zu Wort. Er betreibt seit über zehn Jahren den YouTube-Kanal "jungsfragen.de", in dem er über sexuelle Gesundheit aufklärt. Am 7. Mai hatte er ein Info-Video auf verschiedenen Social Media-Kanälen hochgeladen, das auf den WWDOGA hinweist und die Gesetzeslage in Deutschland für sein überwiegend junges Publikum erklärt. Nun war von TikTok die Nachricht gekommen, sein Video sei dort gelöscht worden, da es gegen Community-Richtlinien verstoße. Welche das seien war nicht in Erfahrung zu bringen. Das Video steht derzeit weiterhin auf YouTube – man fragt sich aber, wie lange noch. Dass "Beschneidung" negative Folgen haben kann, sehe er täglich in seinem Postfach, das voll sei mit Zuschriften von jungen Männern, die unzufrieden seien. Er forderte dazu auf, sich weiter zu Wort zu melden, auch und gerade in Kommentaren auf Online-Plattformen, um das Thema einer breiteren Öffentlichkeit zuzuführen.
Die Stimmung auf dem Roncalliplatz war durchweg gut. Viele Passanten steuerten den kleinen Pavillon an, unter dem auf Tischen Info-Material auslag und Vertretungen der verschiedenen Organisationen ansprechbar waren. 2027 wird das 15-jährige Jubiläum des "Kölner Urteils" gefeiert werden. Viele kündigten bereits an, dann wieder nach Köln zu reisen. Informationen für das kommende Jahr gibt es (voraussichtlich ab Mitte Januar) auf der Website genitale-selbstbestimmung.de.
Der Mitschnitt des Live-Streams ist bereits auf YouTube verfügbar. Bearbeitete Videos der einzelnen Reden mit Untertiteln folgen in den kommenden Wochen.





