Die Kirchen in Hannover bewerben derzeit offensiv ein neues Format der "Lebenswendefeier" – ein Übergangsritual für Jugendliche, ausdrücklich offen für Menschen ohne kirchliche Bindung. Zeitgleich wurde dem Jugendverband Junge Humanisten (JuHu) Hannover die kommunale Förderung entzogen. Hier stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wie ernst meinen es Politik und Verwaltung mit weltanschaulicher Vielfalt, Jugendverbandsarbeit und demokratischer Bildung?
Im Bericht der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wird das Angebot von "Lebenswendefeiern" der katholischen und evangelischen Kirche in Hannover als niedrigschwellig, lebensweltlich und weitgehend frei von religiösem Überbau dargestellt. Besonders aufschlussreich ist jedoch der Schlusssatz des Artikels: "Für den 20-jährigen Maboob zumindest brachte die Feier in der Kirche tatsächlich eine Lebenswende. 'Ich habe danach mehr über das Christentum erfahren', sagt er. In diesem Frühjahr hat er sich dann taufen lassen."
Das wirft durchaus Fragen auf: Wenn ein kirchlich organisiertes Angebot als weltanschaulich offen beworben wird, am Ende aber doch als Zugang in kirchliche Bindung wirkt, sollte darüber ehrlich gesprochen werden.
Brisant wird dies vor dem lokalen Hintergrund: Zeitgleich wurde dem Jugendverband Junge Humanisten (JuHu) Hannover die kommunale Förderung entzogen. Damit wird ausgerechnet der Träger geschwächt, der die Tradition der humanistischen Jugendfeier in Hannover fortführt – also genau jenes säkulare Angebot, das Jugendlichen seit Generationen einen selbstbestimmten Übergang ins Erwachsenenleben ermöglicht.
Die Landeshauptstadt Hannover entzieht damit de facto einem weltanschaulich offenen, demokratiepädagogisch fundierten Alternativangebot die Grundlage, während kirchliche Anbieter ihre Position auf dem von ihnen selbst so genannten "Ritualmarkt für Jugendliche" ausbauen.
Dabei ist die humanistische Jugendfeier in Hannover weit mehr als ein Festakt:
Sie umfasst bislang fünf Bildungsseminare zu Werten, Verantwortung, Demokratie und Lebensfragen, Wochenendfahrten, eine Exkursion sowie den abschließenden Festakt im Theater am Aegi. Die Jugendfeier am 14. Juni wird aufgrund der Einstellung der Förderung voraussichtlich die letzte in diesem bisherigen Format sein.
Es stellt sich hier eine grundsätzliche kultur- und jugendpolitische Frage: Wie ernst ist es Kommunen mit weltanschaulicher Pluralität, wenn sie etablierte säkulare Bildungs- und Ritualangebote schwächen, während kirchliche Formate neue Zielgruppen erschließen? Und die Kommune auch über Steuergelder die Kirchen in ihren Werbemaßnahmen subventioniert, wie etwa in Millionenhöhe den Kirchentag in Hannover?
Weniger Resonanz humanistischer Perspektiven und Angebote
Hinzu kommt, dass die lokale Berichterstattung der Verlagsgesellschaft Madsack in Hannover religiösen Akteuren und kirchlichen Projekten regelmäßig große Aufmerksamkeit widmet, während humanistische Perspektiven und Angebote – selbst bei vergleichbarer gesellschaftlicher Relevanz – oft deutlich weniger Resonanz erfahren, oder gleich ganz ignoriert werden.
In Hannover geht es gerade um weit mehr als die Einführung eines neuen kirchlichen Ritualangebots für Jugendliche. Es geht um die grundsätzliche Frage, wie ernst es Politik und Verwaltung mit weltanschaulicher Vielfalt, Jugendverbandsarbeit und demokratischer Bildung meinen.
Die humanistische Jugendfeier hat in Hannover eine lange Tradition. Seit 1886 begleitet sie junge Menschen beim Übergang ins Erwachsenenleben – nicht nur mit einem Festakt, sondern mit einem umfassenden pädagogischen Programm. Dieses Angebot wurden über Jahrzehnte mit viel ehrenamtlichem Engagement aufgebaut und getragen. Noch in den vergangenen Jahren haben regelmäßig rund 50 Jugendliche an unserer Jugendfeier teilgenommen.
Umso gravierender ist es, dass ausgerechnet dieses seit Langem etablierte Angebot durch den Entzug kommunaler Förderung massiv unter Druck geraten ist. Die Folgen sind bereits jetzt spürbar: Ehrenamtliche ziehen sich zurück, gewachsene Strukturen brechen weg, unsere Sommerfreizeit musste bereits mit finanziellem Verlust abgesagt werden, und der Jugendverband steht praktisch kurz vor der Auflösung.
Frage nach den städtischen Maßstäben
Ein grundsätzliches Problem der aktuellen Förderlogik: Sie setzt gerade kleinere, ehrenamtlich getragene Träger unter massiven Druck, Angebote auch unter unsicheren Bedingungen durchzuführen – aus Sorge, sonst die finanzielle Förderung für Personal- und Sachmittel zu verlieren. Damit entstehen Zielkonflikte zwischen finanzieller Absicherung und pädagogischer Verantwortung. Eine kommunale Förderpraxis sollte Ehrenamtliche oder hauptamtlich tätige nicht in Situationen bringen, in denen Aufsichtspflicht, Verlässlichkeit und Kinderschutz gegen fiskalische Steuerungslogik ausgespielt werden.
Nach welchen Maßstäben bewertet die Stadt eigentlich förderungswürdige Jugendarbeit? Geht es um pädagogische Qualität, demokratische Wirkung, Verlässlichkeit und die tatsächliche Arbeit mit jungen Menschen – oder am Ende vor allem um betriebswirtschaftliche Kennzahlen, die zu erreichen sind (450 Teilnehmertage…), Verwaltungslogik und Größe oder Leistungsfähigkeit eines Trägers? Wie passt es zusammen, dass Ehrenamt politisch regelmäßig gelobt wird, aber ehrenamtlich getragene Strukturen durch Förderentscheidungen in ihrer Existenz gefährdet werden?
Besonders irritierend ist diese Entwicklung vor dem Hintergrund, dass zeitgleich neue kirchliche Lebenswendefeiern für denselben Lebensübergang mit viel öffentlicher Aufmerksamkeit begleitet werden. Wenn kirchliche Vertreter selbst von einem "Ritualmarkt für Jugendliche" sprechen, sollte auch offen über die Bedingungen dieses Wettbewerbs gesprochen werden. Denn hier treten keine gleich starken Akteure gegeneinander an: Die Kirchen verfügen historisch gewachsen über erhebliche strukturelle Vorteile – von institutioneller Verankerung über Präsenz in Schulen bis hin zu öffentlicher Förderung und gesellschaftlicher Selbstverständlichkeit.
Hannover steht exemplarisch für die Frage, ob weltanschauliche Pluralität politisch wirklich gewollt ist – oder ob sie dort endet, wo kleinere, säkulare und ehrenamtlich getragene Strukturen unbequem werden.







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