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Missbrauch in der katholischen Kirche: Vatikan stärker verantwortlich als bisher angenommen

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Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI.
Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI.

In einer weltweiten Recherche belegen Dokumente, wie systematisch der Vatikan seit 100 Jahren geheime Akten des sexuellen Missbrauchs angelegt – und wie er über Täter entschieden hat. Das verdeutlicht die Verantwortung des Vatikan. Eine besondere Rolle spielte Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. Aufgrund der neuen Erkenntnisse fordern Experten Zugang zu den geheimen Archiven des Vatikans.

Der Vatikan wusste seit den 1930er Jahren umfassend über Missbrauchstäter aus den eigenen Reihen Bescheid. Das belegen Dokumente aus einem Geheimarchiv des Vatikan, die Correctiv mit Unterstützung internationaler Medienpartner, darunter Boston Globe und El País, ausgewertet hat. Sie zeigen, wie Missbrauchsfälle systematisch im Vatikan über Jahrzehnte gesammelt wurden.

Die 20 Briefwechsel, die Correctiv vorliegen, stammen nach übereinstimmenden Angaben mehrerer Quellen aus einem Geheimarchiv des Dikasterium für die Glaubenslehre, das von 1982 bis 2005 von Kardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., geleitet wurde. Dort wurden sie jeweils mit Protokollnummern des Vatikan versehen.

Weltweite Recherche zeigt Muster der systematischen Sammlung

Sie zeigen: In zahlreichen Fällen war der Vatikan informiert und traf selbst Entscheidungen. In einigen Fällen ermöglichten diese den Wiedereinsatz von Priestern oder verzögerten Strafen. Dadurch kam es zu weiterem Missbrauch. Als Präfekt der Glaubenskongregation unterschrieb Ratzinger einige der Briefe an die Bistümer persönlich. Die nun ausgewerteten Schreiben dokumentieren zahlreiche Fälle aus den USA, Portugal, Italien, Kolumbien und Australien, in denen einige pädokriminelle Priester über Jahre hinweg trotz Kenntnis des Vatikans weiter tätig sein konnten.

Bereits 2022 war nach Recherchen von Correctiv, Zeit und dem BR der Fall eines verurteilten Missbrauchstäters aus Bayern bekannt geworden, dem Ratzinger dennoch erlaubt hatte, die Messe mit Traubensaft zu feiern. Die bis zur Veröffentlichung verheimlichte Erlaubnis ermöglichte es dem Priester, weiter in einer Gemeinde zu arbeiten. Es kam zu weiteren Missbrauchstaten.

Correctiv stellte mehrere Anfragen an Verantwortliche des Dikasteriums für die Glaubenslehre und an Papst Leo XIV., sie antworteten bisher nicht. Auf Anfragen von Correctiv wollten sich die ehemaligen Privatsekretäre von Joseph Ratzinger, Georg Gänswein und Josef Clemens, nicht äußern. Das Erzbistum München und Freising verwies auf Fragen zu Protokollnummern auf den Vatikan.

Bisher schob der Vatikan die Verantwortung für klerikalen Missbrauch den lokalen Bistümern zu. Nun fordern führende Experten aufgrund der Recherche umfassende, unabhängige Untersuchungen der Vatikan-Archive. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf von der Universität Münster sagt: "Ich möchte alle römischen Quellen von 1900 bis 2025 im Staatssekretariat, aber vor allem in der Kongregation für die Glaubenslehre sehen." Auch der Kirchenrechtler und Gutachter Martin Pusch betont: "Wenn diese Archive geöffnet werden, kann man Verantwortlichkeiten prüfen und strukturelle Mängel identifizieren."

Bemerkenswert: Bei einem entscheidenden Dokument aus Ratzingers Zeit fehlt die Protokollnummer. Das kann ein Hinweis darauf sein, dass einige Fälle sogar außerhalb des Systems geheim behandelt wurden.

Ein Fund der Recherche zeigt zudem, dass der Vatikan schon in den 1930er Jahren Fälle vertuschte: 1938 ordnete der Vatikan an, Unterlagen über Kindesmissbrauch in Österreich zu vernichten – offenbar aus Angst vor Zugriff durch die Nationalsozialisten.

Den vollständigen Artikel dazu finden Sie bei Correctiv. Dort kann man auch eine Anfrage an den Papst unterzeichnen.

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